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Zeitzeuge Lothar Heine mit Andenken an die englische Besatzungszeit. - © Foto: Nicole Sielermann
Zeitzeuge Lothar Heine mit Andenken an die englische Besatzungszeit. | © Foto: Nicole Sielermann
Bad Oeynhausen

Trockenmilch für den kleinen Bruder

Zeitzeugen (letzte Folge): Lothar Heine (77) hat den Besatzern Mütze und Verbandstasche gestohlen

Nicole Sielermann
06.06.2015 | Stand 10.06.2015, 18:03 Uhr
Einen Evakuierten-Ausweis aus der englische Besatzungszeit hat Lothar Heine in seinem Archiv. - © Nicole Sielermann
Einen Evakuierten-Ausweis aus der englische Besatzungszeit hat Lothar Heine in seinem Archiv. | © Nicole Sielermann

Bad Oeynhausen. Eine Mütze der Royal Military Police, eine Erste-Hilfe-Tasche und ein englischer Verbandskasten – Lothar Heine hat noch so einige Schätze aus der englischen Besatzungszeit.

„Wir haben in den Gärten Äpfel geklaut und von den Engländern Schläge kassiert – als Dank haben wir ihnen die Sachen geklaut“, erzählt Lothar Heine mit einem Schmunzeln. Vor 70 Jahren besetzten die britischen Streitkräfte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Kurstadt und machten sie zum Hauptquartier der Rheinarmee. Eine Zeit, die der 77-jährige Heine an der Portastraße erlebte.

Gebürtig stammt Lothar Heine aus Schlesien, doch in Kriegszeiten flüchtete die Mutter mit den drei Kindern nach Bad Oeynhausen. „Hier arbeitete mein Onkel bei der Sparkasse. Er und meine Tante nahmen uns auf“, erzählt Lothar Heine. In der Portastraße hätten sie damals gewohnt. Mitten im späteren Sperrgebiet. Als die amerikanischen Soldaten kampflos die Stadt übernahmen, seien diese in die Häuser gegangen. Auch bei Lothar Heine und seiner Familie tauchten die Soldaten auf. „Die sprachen teilweise sehr gut Deutsch.“ Gesucht hätten sie deutsche Männer – Wehrmachtssoldaten. „Die Amerikaner haben alle Türen geöffnet, in Schränke und unters Bett geguckt.“

Amerikanischer Soldat macht Missgeschick wieder gut

Dabei kam es in der Wohnung der Familie Heine zu einem kleinen Malheur: „Ein amerikanischer Soldat stieß aus Versehen die Milch für meinen kleinen Bruder um.“ Woraufhin die Mutter in Tränen ausgebrochen sei. „Es war die letzte Milch für das Baby.“ Das erklärte sie dann auch dem Soldaten, als er gefragt habe, warum sie weine. Nur kurze Zeit später sei der Soldat zurückgekehrt. „Mit einer Dose Trockenmilch fürs Baby.“

Anfang Mai 1945 musste auch der damals siebenjährige Lothar mit seiner Familie das Zuhause verlassen. „Wir wurden an die Mindener Straße evakuiert, dort wo auch die Post war, gegenüber vom Hotel Horst.“ Danach bekam die Familie eine Wohnung in den Häusern neben der Molkerei. „An der Kanalstraße, wo heute das Autohaus Peitzmeyer steht“, erklärt Lothar Heine.

Von dort habe ihn sein Weg täglich zur Schule in der Neustadt geführt. Weil viele Schulen im Stadtgebiet geschlossen waren, wurden alle Altersklassen zusammen unterrichtet. Und zwar im Wechsel: „Eine Woche morgens, eine Woche nachmittags.“ Für die Schulspeisung band sich Lothar Heine eine leere Dose von den Engländern an den Tornister. „Da hinein gab es das Essen. Ich habe immer zugesehen, dass ich einen Nachschlag bekam. Damit ich etwas mit nach Hause nehmen konnte.“

Später bekam die Familie eine Wohnung am Kaiser-Wilhelm-Platz zugewiesen. „Nebenan, beim Hotel Stickdorn, war die Kantine der Engländern. Und die Soldaten tranken gerne einen“, erinnert sich Lothar Heine. Die weggeworfenen Bier- und Schnapsflaschen sammelten die Kinder auf und brachten sie zur Mosterei. „10 Pfennig gab’s pro Flasche.“

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