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Nach ihrer langjährigen Tätigkeit als Führungskraft, hat Verena Wankerl das Beratungsunternehmen "refokus" gegründet. Ein Schwerpunkt ist die Beratung von Frauen in Führungspositionen. - © O!PR+Design
Nach ihrer langjährigen Tätigkeit als Führungskraft, hat Verena Wankerl das Beratungsunternehmen "refokus" gegründet. Ein Schwerpunkt ist die Beratung von Frauen in Führungspositionen. | © O!PR+Design

Weltfrauentag Karriere und Kinder: Eine Mindenerin über den Preis, den Frauen zahlen

Eine leidenschaftliche und erfolgreiche Mutter spricht anlässlich des Weltfrauentags über die Vereinbarung von Beruf und Familie - und wie sich ihre Ansichten änderten

Zoi Theofilopoulos
07.03.2019 | Stand 07.03.2019, 09:53 Uhr

Bielefeld/Minden. Es ist noch gar nicht so lange her, da waren Beruf und Familie, besonders für Frauen, nur selten vereinbar. Während der Mann als Haupternährer der Familie arbeiten ging, kümmerte sich die Frau zuhause um den Haushalt und Nachwuchs. Doch viele Frauen wollen heute trotz Familiengründung nicht auf ihren beruflichen Erfolg verzichten. Flexible Arbeitszeit-Modelle, Betriebliche Kinderbetreuung und Elternzeit für Väter unterstützen inzwischen diese Entwicklung. Trotzdem ist die Vereinbarkeit noch immer nicht leicht. Verena Wankerl, Mutter, Psychologin, Führungskraft und systemische Beraterin aus Minden, hat es geschafft, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bringen. Mittlerweile weiß sie aber, wie hoch der Preis dafür ist. Führungsfunktion in Teilzeit: Das geht! Die Diplom-Psychologin hat fünfzehn Jahre in der Personal- und Organisationsentwicklung verschiedener Industrieunternehmen gearbeitet. Zehn Jahre davon als Führungskraft. Nebenbei ist sie zweimal Mutter geworden. Ihr Stiefsohn wohnt seit einigen Jahren ebenfalls in der Familie. Nach den Schwangerschaften ist die 41-Jährige bereits nach wenigen Monaten in ihren Job zurückgekehrt. "Zunächst bin ich mit 50 Prozent gestartet. Normalerweise habe ich 80 Prozent gearbeitet." Ihrer Meinung nach ist es möglich, eine Führungsfunktion in Teilzeit wahrzunehmen. "Ich wollte ein Vorbild sein für andere Frauen." Gerade Führungsaufgaben lassen sich gut teilen und flexibles Arbeiten sei machbar, sagt sie. Das erfordert allerdings eine Unternehmenskultur, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördert. "Ich hatte das Gefühl, dass ich mich vor meinen Kollegen, insbesondere den männlichen, beweisen musste und habe daher versucht, immer erreichbar zu sein", sagt Wankerl. So hat man gar nicht gemerkt, dass sie nur in Teilzeit arbeite, habe sie oft gehört. So gelingt Verena Wankerl die Vereinbarung von Karriere und Familie Das Lebensmodell ist vor allem dann eine große Herausforderung, wenn der Partner auch vollzeitbeschäftigt ist. Wankerl und ihr Mann hatten sich damals für die Betreuung einer Kinderfrau entschieden, die im Haus arbeitet. "Mir ist bewusst, dass sich das nicht jeder leisten kann, aber uns hat es zum Glück eine große Flexibilität ermöglicht und die Kinder hatten eine direkte Bezugsperson, die sich zur Ersatzoma entwickelt hat." Die Kinder waren also gut versorgt. Es war vielmehr das eigene Gewissen, das plagte und durch die Gesellschaft geprägt wurde: "Als Mutter in Führungsposition meinte ich, mich ständig rechtfertigen zu müssen", erzählt sie. Und auch ihr eigener Anspruch war sehr hoch. So wollte sie nicht nur erfolgreiche Fürhungskraft sein, sondern auch noch eine perfekte Mutter, die etwa Schultüten nicht kauft, sondern selber bastelt. Es sei also wichtig, dass es für jedes Lebensmodell Akzeptanz gibt. "Ich habe auch viele Freundinnen, die sich entschieden haben, keine Karriere zu machen und sich auf die Familie zu fokussieren", erzählt sie. Jeder sollte die Chance haben, das zu wählen, was ihm oder ihr als das Richtige erscheint. "Mir persönlich würde ohne Arbeit etwas fehlen." Die Sehnsucht nach einem anderen Lebensmodell Aber irgendwann ging das alles nicht mehr gut. Der Job, der immer eine Energiequelle und Ausgleich zum Familienleben war, raubte Wankerl jetzt alle Kraft. "Die Einsicht, dass es so nicht mehr weitergeht, war sehr hart", erzählt sie rückblickend. Wankerl brauchte eine Auszeit, um Kraft zu tanken und sich über ihre berufliche Zukunft klar zu werden. Dafür nahm sie sich ein Jahr lang Zeit. Dabei kam die Erkenntnis: Die Sehnsucht nach einem anderen Lebensmodell ist zu groß. Sie kehrte nicht zurück in ihren alten Job. Seit einigen Wochen ist sie nun selbstständig, arbeitet Teilzeit als Beraterin. Unter anderem möchte sie weibliche Führungskräfte coachen, ihnen zeigen, wie man es schafft, allen Erwartungen gerecht zu werden, und dabei bei Kräften bleibt. Nebenbei absolviert sie eine Ausbildung zur Systemischen Therapeutin, um Familientherapien anzubieten. "Ich möchte andere an meinen Erfahrungen teilhaben lassen", sagt sie. Chancengleichheit für Frau und Mann Zu diesen Erfahrungen gehört auch, dass ein Vollzeitjob, Familie und Haushalt nur unter einem enormen Kraftaufwand miteinander zu vereinbaren sind. Deshalb hat sie eine Lösung: Beide Partner arbeiten zusammen in einem Umfang von maximal 150 Prozent, im Idealfall arbeiten dann beide jeweils 75 Prozent. Dafür fehle es den Männern aber noch an Bereitschaft und Mut, sagt Wankerl. Tatsächlich arbeiten Männer, insbesondere Väter, sehr selten in Teilzeit. Zudem sollten Väter auch häufiger Elternzeit nehmen, meint sie. Beide Modelle würden zu Gleichberechtigung führen. Für den Arbeitgeber macht es dann keinen Unterschied, ob sie eine Frau oder einen Mann einstellen. "Karriere im klassischen Sinn ist mir nicht mehr wichtig", sagt Verena Wankerl. Eine gute Balance aus Familienleben, Freizeit und eine berufliche Tätigkeit, die Zufriedenheit schafft, bedeutet ihr viel mehr. "Wir alle sollten die eigenen Ansprüche hinterfragen, regelmäßig innehalten und überprüfen, ob der eingeschlagene Weg noch der richtige ist. Ein Wendepunkt im Leben ist immer eine Chance."

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