Am 8. März ist Weltfrauentag. - © dpa
Am 8. März ist Weltfrauentag. | © dpa

Detmold/Paderborn Weltfrauentag: Der lange Weg zur Wahlkabine

Lena Vanessa Niewald
Yvonne Glandien

Detmold/Paderborn. Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich. Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Das sagt Artikel 3 des Grundgesetzes. Bis dahin war es in Deutschland aber ein langer, harter Kampf. Das weibliche Geschlecht musste für gleiche Rechte enorm viel Kraft aufwenden. Frauen schlossen sich zusammen, demonstrierten, bildeten Netzwerke und Gemeinschaften. Vor 100 Jahren dann der Durchbruch in Deutschland: Frauen dürfen wählen. Gleichberechtigung, die Emanzipation von Arbeiterinnen und das Wahlrecht für Frauen rückten zur Jahrhundertwende in den Fokus einer ganzen Bewegung. Am 8. März feiert diese Bewegung zum Weltfrauentag jedes Jahr ihr Bestehen. Aber wie stand es um die Rolle der Frau vor 100 Jahren? „Frauen übernahmen mehrere Aufgaben. Sie waren Versorgerinnen, aber auch Arbeiterinnen, die die Positionen ihrer Männer gefüllt haben, als diese im Krieg waren", sagt Bärbel Sunderbrink, Stadtarchivarin in Detmold. Im Kampf für ihr Wahlrecht sei aber keinesfalls von einer Schwesternschaft der Frauen zu sprechen, meint Sunderbrink. Im Gegenteil: „Man kann sagen, es gab damals drei Gruppen. Die SPD-nahen Arbeiterinnen, die für Gleichberechtigung eintraten, die bürgerlichen Liberalen, zu denen unter anderem viele Lehrerinnen gehörten, und die Konservativen." In OWL ging es nur langsam voran Innerhalb der Liberalen habe es den Verein für Frauenstimmrecht gegeben, dessen Ausläufer auch in Detmold und Bielefeld aktiv waren. Die konservativen Aktiven, in Form des Vaterländischen Frauenvereins, stellten sich indes gegen die Idee des Wahlrechts für Frauen. Mit Flugblättern riefen sie dazu auf, sich als Frau „jeder politischer Betätigung fernzuhalten". Mit der Novemberrevolution 1918 und der Einführung des allgemeinen Wahlrechts gab es den ersten Schritt in Richtung der politischen Partizipation der Frauen. „Ohne die Revolution hätte es kein Frauenwahlrecht gegeben", sagt Bärbel Sunderbrink. In Ostwestfalen und Lippe ging es allerdings nur langsam voran. „Es klang immer und überall die Frage mit: ,Was müssen Frauen lernen, bevor sie in die Politik dürfen?’" Für die politische Aufklärung von Frauen setzte sich unter anderem Annemarie Morisse ein, die in Bielefeld ein Info-Büro einrichtete. Alle Parteien, auch jene, die sich zuvor nicht für das Frauenwahlrecht ausgesprochen hatten, kämpften nun um die Stimmen der neuen Wählerinnen, „schließlich machten sie gut 50 Prozent der Stimmen aus", sagt Bärbel Sunderbrink. Große Probleme noch heute Bei der ersten Wahl, an der sich beide Geschlechter beteiligen durften – die Wahl zur Deutschen Nationalversammlung am 19. Januar 1919 – habe es eine Wahlbeteiligung von etwa 90 Prozent gegeben, davon 1,7 Prozent mehr Frauen als Männer. Auch, wenn der Kampf der Frauen für ihre Rechte in OWL ohne große Demonstrationen auskam, versuchten die Frauen, politisch mitzuwirken und ihre Interessen zu vertreten. In Detmold entstand eine deutschlandweit wohl einmalige Institution: Im November 1918 tagte dort eine Versammlung von mehr als 400 Frauen. „Sie hatten große Sorgen um ihre Arbeitsplätze, da die Männer aus dem Krieg wiederkamen und die Anstellungen zurückforderten", sagt Sunderbrink. Aus der Versammlung heraus wurde ein Rat gewählt, der die Interessen der Frauen im Volks- und Soldatenrat vertreten sollte. Er verzichtete zwar letztlich auf die Beratung, dennoch war es für die Frauen ein Start in die Politik. Aber wann gab es den Punkt, an dem Frauen in der politischen Landschaft Deutschlands gänzlich angekommen sind? Sunderbrink zögert. „Gar nicht", sagt die Stadtarchivarin. Zwar könne man auf Bundesebene durchaus eine Gleichberechtigung erkennen, auf Landesebene sei dies schon deutlich weniger, aber im kommunalen Bereich gäbe es große Probleme. Stereotypen noch immer nicht aufgebrochen „In den entscheidenden Ausschüssen wie Finanzen und Bauen sind Frauen fast gar nicht vertreten", sagt Sunderbrink. Laut Antje Langer, Professorin für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Geschlechterforschung an der Universität Paderborn, hat dies in erster Linie mit veralteten Stereotypen zu tun. „Auch, wenn es immer heißt, wir wären viel weiter, ist die Rollenverteilung doch immer noch klischeehaft", kritisiert Langer. Das mache sich besonders bemerkbar, wenn Frauen in Branchen eintreten, die auch heute noch voranging Männern zugeschrieben würden. „In der Politik ist das schön zu beobachten. Sobald irgendwo eine Frau ein Amt einnimmt, wird diese Nachricht überall als etwas ganz Besonderes verkauft." Solche Reaktionen seien ein Indiz dafür, dass Stereotypen noch immer nicht aufgebrochen seien.

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