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Nicht nur über den Wolken ist die Freiheit grenzenlos. Ballonfahrer können ihr Fluggerät nicht aktiv steuern. Die Richtung gibt der Wind vor und das Ziel ist dort, wo der Ballon herunterkommt. Das darf theoretisch überall sein, auch schon einmal auf öffentlichen Straßen, wenn es nicht anders geht. Da hilft dann die Erfahrung. - © André Becker
Nicht nur über den Wolken ist die Freiheit grenzenlos. Ballonfahrer können ihr Fluggerät nicht aktiv steuern. Die Richtung gibt der Wind vor und das Ziel ist dort, wo der Ballon herunterkommt. Das darf theoretisch überall sein, auch schon einmal auf öffentlichen Straßen, wenn es nicht anders geht. Da hilft dann die Erfahrung. | © André Becker

Im Heißluftballon dem Himmel näherkommen Mit dem Heißluftballon in den Adelsstand

André Becker ist Ballonpilot und betreibt in Oerlinghausen das Unternehmen Aeroballonsport. Seinen Teilnehmern an Ballonfahrten beschert er „unvergessliche Erlebnisse“.

Gunter Held
23.09.2022 , 08:23 Uhr
Luft ist genug drin in der Hülle. André Becker hat den Brenner gezündet, der die Luft erwärmt. Dadurch wird der Ballon aufgerichtet. - © Gunter Held
Luft ist genug drin in der Hülle. André Becker hat den Brenner gezündet, der die Luft erwärmt. Dadurch wird der Ballon aufgerichtet. | © Gunter Held

Oerlinghausen. Das Wetter ist André Beckers bester Freund – und sein größter Herausforderer. André Becker ist Ballonfahrer. Vor zwei Jahren, 2020, wurde das Unternehmen Aeroballonsport in Oerlinghausen gegründet. Mitten in der Corona-Pandemie und ohne große Vorbereitungen. „Das war eine schwierige Zeit“, sagt er. Mittlerweile sind die Startschwierigkeiten überwunden und Becker ist recht zufrieden. Drei Heißluftballone gehören zum Unternehmen. Der kleinste, ohne Werbung, fasst einen Inhalt von 3.400 Kubikmetern Luft, der „Barre-Ballon“ ist 4.500 Kubikmeter groß und der größte Ballon, der „Brötje-Ballon“, ist 7.000 Kubikmeter groß. Von den sechs bis acht Mitarbeitern, haben zwei die Fluglehrer-Lizenz. „Wir suchen noch weitere Teammitglieder“, sagt Becker. Die sollten neben der fachlichen Eignung auch tolerant und flexibel sein. „Denn“, sagt Becker, „wir wollen unseren Mitfahrern ein besonderes Erlebnis bieten.“

Warum man Heißluftballone nur morgens oder abends sieht

Für Marion Müller ist es die erste Ballonfahrt. Hier steht sie vor der Ballonhülle, in die Luft hineingeblasen wird. - © Gunter Held
Für Marion Müller ist es die erste Ballonfahrt. Hier steht sie vor der Ballonhülle, in die Luft hineingeblasen wird. | © Gunter Held

Flexibel müssen nicht nur die Teammitglieder sein. Die wird auch von den Mitfahrern verlangt. So wurde der Termin für Marion Müller aus Osnabrück schon mal kurzfristig verschoben – wegen des Wetters. „Wir können nur starten, wenn kaum oder nur sehr wenig Thermik herrscht. Das ist entweder sehr früh morgens der Fall oder abends, kurz vor dem Sonnenuntergang“, erklärt Becker. Thermik, so ist von ihm zu erfahren, ist eine Art Aufwind, der entsteht, wenn die Sonne den Boden erwärmt. Die darüber stehende Luft wird dadurch ebenfalls erwärmt und steigt nach oben. Was für Segelflugzeuge und Paraglider wünschenswert ist, ist für Ballonfahrer ungünstig. Thermik ist für die Ballonfahrt schlecht, weil damit in der Regel stärkere Windgeschwindigkeiten und unkontrollierbare Auf- und Abwärtsbewegungen der Luft verbunden sind. Aus diesem Grund sieht man Heißluftballone entweder früh am Morgen oder vor Sonnenuntergang.

Landeplatz im Blick: Unter dem Ballon gleitet Lenzinghausen vorbei. Das braune Feld oben ist der angestrebte Landeplatz. - © Gunter Held
Landeplatz im Blick: Unter dem Ballon gleitet Lenzinghausen vorbei. Das braune Feld oben ist der angestrebte Landeplatz. | © Gunter Held

Eine weitere Startbedingung ist die Windstärke am Boden. „Die sollte unter 20 Kilometer pro Stunde betragen“, sagt André Becker. „Bei stärkeren Winden kann es passieren, dass der Ballon sich aufgrund der großen Hülle sehr dynamisch verhalten kann – das wissen wir zu vermeiden.“ Grundsätzlich ist das Ballonfahren auch für die Teilnehmer ein sportliches Ereignis, denn sie werden von Becker sowohl beim Vorbereiten, als auch beim Abbau nach der Landung aufgefordert, mitzuhelfen. Doch in der Gruppe von Marion Müller hat daran jeder Spaß. Bevor es dann losgeht, bekommt jeder seinen Platz im Korb zugewiesen. Der ist in mehrere Bereiche eingeteilt, in denen jeweils Platz für bis zu drei Personen ist. Nur der Pilot hat das mittlere Korbsegment für sich allein, doch darin stehen auch die Gasflaschen, die den Brenner versorgen, damit die Luft innerhalb des Ballons aufgeheizt werden kann.

Der Adelsstand ist Frankreichs König Ludwig XVI. zu verdanken

„Schaut nicht nach unten, schaut einfach geradeaus in die Landschaft“, ist Beckers Rat an diejenigen, die Sorge vor der Höhe haben. Und tatsächlich merkt auch Marion Müller kaum, dass der Ballon an Höhe gewinnt. Wenn Becker dann die Reisehöhe zwischen 800 und 1.200 Meter erreicht hat, kehrt Stille ein, die nur ab und zu durch das Brüllen des Brenners unterbrochen wird, der die Luft im Ballon auf Temperatur hält.

Auch Fahrtwind ist nicht zu spüren, denn der Ballon wird vom Wind angetrieben und ist eben nur so schnell, wie der Wind bläst. Augenzwinkernd erklärt André Becker, dass man sehr wohl Wind spürt, wenn man darauf zu achten weiß. Erfahrungswerte eben. Und Erfahrung hat der 52-Jährige reichlich. Durch seinen Vater ist er an die Fliegerei gekommen. Und wenn man in Oerlinghausen aufwächst, ist der Kontakt zur Segelfliegerei schon beinahe programmiert. Im Alter von 14 Jahren begann Becker mit der Segelfliegerei, mit 17 machte er seine Lizenz und schob gleich die für Ultraleichtflieger hinterher. Dann kam zunächst die Ausbildung zum Werbefotografen. „Ich bin dann nach der Ausbildung oft zu Fotoshootings in Südafrika gewesen. Dort hat er seine Passion gefunden. „Alles, was fliegt und mit Stoff zu tun hat, begeistert mich“, sagt er. Also Drachen, ob mit oder ohne Motor, Gleitschirme und Ballone. Mittlerweile ist der Oerlinghauser nicht nur Ballonpilot, sondern auch Fluglehrer für Ballone – auch wenn mit denen gefahren wird, heißt es nicht Fahrlehrer.

Die Fahrt von Marion Müller hat etwa 90 Minuten gedauert und führte vom Startplatz Melle an Herford vorbei nach Spenge bis zum Ortsteil Lenzinghausen. Dort peilt Becker einen Acker als Landeplatz an und bringt den Ballon sehr sanft auf den Boden. Da auf dem Acker das Abrüsten jedoch sehr mühevoll wäre, entscheidet Becker: „Wir bringen den Ballon auf die Weide nebenan.“ Und weil man Ballone nicht steuern kann, geht das nur mit Hilfe der Teilnehmer, die den Ballon, den Becker gekonnt knapp über dem Boden hält, über eine Straße und über den Weidezaun auf die Weide schieben. Dort wird die Hülle oben geöffnet, damit die heiße Luft entweichen kann, und dann flachgelegt. Diese Landung ist schon ziemlich spektakulär und dauert etwa eine Stunde, dann ist der Ballon wieder sicher verpackt und auf den Verfolger-Anhänger verladen. Anschließend werden die Teilnehmer mit Feuer, Erde, Luft und Sekt getauft und in den Adelsstand der Ballonfahrer erhoben, denn Frankreichs König Ludwig XVI. verfügte, dass nur Adlige sich in die Lüfte erheben dürfen. Becker schaut in strahlende Gesichter – „und das ist das Schönste für mich. Dann weiß ich, dass ich den Teilnehmern etwas gegeben habe, dass sie nie vergessen werden.“ Infos gibt es unter

?www.aeroballonsport.de

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