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Ministerin Ina Scharrenbach überreicht den Förderbescheid an die beiden Vereinsvorsitzenden Moritz Ilemann und Bürgermeister Dirk Becker. Rechts Museumsleiter Karl Banghard, links Wikinger-Darsteller Andreas Biewald. - © Sabine Kubendorff
Ministerin Ina Scharrenbach überreicht den Förderbescheid an die beiden Vereinsvorsitzenden Moritz Ilemann und Bürgermeister Dirk Becker. Rechts Museumsleiter Karl Banghard, links Wikinger-Darsteller Andreas Biewald. | © Sabine Kubendorff

Oerlinghausen Hin zum realistischen Germanenbild

Jenseits von völkischer Verklärung bildet das Archäologische Freilichtmuseum Oerlinghausen die Zeit vor 2.000 Jahren authentisch ab. Jetzt gibt es einen neuen Schritt in der Entwicklung.

Knut Dinter
08.08.2022 , 05:12 Uhr

Oerlinghausen. Das Alltagsleben der Germanen wurde in den zurückliegenden Jahrzehnten immer wieder anders gedeutet. Mit der Kopie eines authentischen Gebäudes möchte das Archäologische Freilichtmuseum Oerlinghausen (AFM) nun dem aktuellen Forschungsstand entsprechen. Das Land Nordrhein-Westfalen fördert den Neubau. Am Samstag besuchte Ministerin Ina Scharrenbach das Museum, um den Zuwendungsbescheid persönlich zu übergeben.

Vorbild für den Nachbau liefern die Reste eines ausgesprochen gut erhaltenen germanischen Langhauses, die in Paderborn-Saatental ausgegraben wurden. Das Gebäude war 32 Meter lang, acht Meter breit und sieben Meter hoch. Museumsleiter Karl Banghard: „Es ist der aussagekräftigste, modern ausgegrabene archäologische Befund dieser Art in Ostwestfalen und damit besonders gut geeignet, um das germanische Leben zur Zeit der Varusschlacht zu vermitteln.“

Der wissenschaftliche Berater Helmut Luley empfahl, das Wohnstallhaus wiederum in Pfostenbauweise zu errichten. Die Mittel- und Wandpfosten werden eingegraben, die freistehende Wand besteht aus Holz und Lehm. Hauptsächlich soll Eiche verwendet werden, zu einem Teil wird auch Eschenholz genutzt. „In historischer Zeit scheinen die Zimmermannsarbeiten seriell abgewickelt worden zu sein“, sagte Banghard. „Das hat nicht der Bauer selbst gemacht, ein solches Haus war Profiarbeit.“ Hier habe sicherlich der Kontakt der Germanen zum römischen Militär einen entscheidenden Einfluss gehabt. „Das beweist zudem, dass die Kultur der Germanen keineswegs rückständig lebte und die Kultur nicht abgeschottet war.“

Die Ausgrabung in Paderborn hat auch Erkenntnisse über die Inneneinrichtung des Hauses zutage gefördert. „So wissen wir jetzt viel über die Einrichtung, die Pflasterung des Bodens und die Aufstallung des Viehs“, sagte der Museumsleiter. In enger Kooperation mit der Moorarchäologie des niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege soll deshalb versucht werden, die Details zu rekonstruieren.

Die Nachbildung oder das Modell eines Langhauses von Helmut Luley. - © AFM
Die Nachbildung oder das Modell eines Langhauses von Helmut Luley. | © AFM

„In jüngster Zeit hat sich in der Forschung viel getan, unser Museum will dem entsprechen“, verdeutlichte Banghard. „Die Grabungen der vergangenen 20 Jahre erlauben es, ein neues Lebensbild der Germanen zu entwerfen, das sich deutlich von dem altbekannten unterscheidet.“ Das Museum möchte sich von der einstigen ideologischen, völkischen Deutung verabschieden.

„Das ist sicher sehr sportlich, aber wir wollen es versuchen“

Das heutige Archäologische Freilichtmuseum wurde in der NS-Zeit als erstes germanisches Freilichtmuseum der Welt gegründet, rief Banghard in Erinnerung. Keine andere archäologische Freilichtanlage in Deutschland habe eine vergleichbar facettenreiche Geschichte, keine spiegele so viele Geschichtsbilder wider. Hier stehen das völkische Geschichtsbild von 1936, die Germanenidylle von 1961, die puristischen Rekonstruktionen der 1980er und 1990er Jahre und die postmodernen Ansätze der jüngsten Zeit nebeneinander.

Ihre Gegenüberstellung zeige sehr anschaulich, wie die jeweilige Weltanschauung das jeweilige Geschichtsbild prägt, sagte Historiker Karl Banghard. „Gerade die Vielfalt der Perspektiven ermöglicht es, die Germanengeschichte neu zu erzählen und die politischen Chiffren der völkischen Germanenerzählung zu entschlüsseln.“

Dank der Initiative von Klaus Stein, dem Geschäftsführer des Museums, ist es zu verdanken, dass der Neubau schon bald realisiert werden kann. Er hatte Kontakt zu Ina Scharrenbach, der Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung, aufgenommen. Sein Antrag auf finanzielle Förderung wurde von der Bezirksregierung Detmold unterstützt und von Düsseldorf bewilligt.

„Ich finde klasse, was das Archäologische Freilichtmuseum alles leistet und Menschen für Geschichte begeistert“, sagte die Ministerin. Deshalb werde das Bauprojekt mit 238.000 Euro unterstützt. Diese Förderung erfolgt aus dem Nordrhein-Westfalen-Programm „Heimat. Zukunft. Nordrhein-Westfalen. Wir fördern, was Menschen verbindet“. Darüber hinaus hat die NRW-Stiftung weitere 68.000 Euro in Aussicht gestellt.

Das Museum verfügt zwar über qualifizierte, erfahrene Fachkräfte, aus baurechtlichen Gründen werden die Zimmerarbeiten und die Schilfeindeckung jedoch an externe Unternehmen vergeben. Wie Banghard mitteilte, wird nicht im Museum selbst („wie der Käfer im Dreck“), sondern weitgehend in einer Halle gebaut.

Für das neue Gebäude wird ein vorhandenes Langhaus, das eher falschen Vorstellungen entsprach, abgerissen. Die Arbeiten sollen bis Ende des nächsten Jahres abgeschlossen sein. „Das ist sicher sehr sportlich, aber wir wollen es versuchen“, sagte der Museumsleiter. Aber schon der Aufbau werde Besuchern anschauliche Eindrücke vermitteln.

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