0
Naturschützer: Diplom-Biologe Daniel Lühr leitet das Großprojekt im Naturpark Teutoburger Wald/Eggegebirge. Nur etwa zehn ähnliche Naturschutzprojekte gibt es in Deutschland. - © Horst Biere
Naturschützer: Diplom-Biologe Daniel Lühr leitet das Großprojekt im Naturpark Teutoburger Wald/Eggegebirge. Nur etwa zehn ähnliche Naturschutzprojekte gibt es in Deutschland. | © Horst Biere

Oerlinghausen Die Natur kehrt zurück

In der Wistinghauser Senne ist eine Parklandschaft von bundesweiter Bedeutung entstanden. Die Weidetiere leben im Wald und kennen gar keinen Stall

Horst Biere
23.08.2019 | Stand 23.08.2019, 17:32 Uhr

Oerlinghausen. „Es war ein nebeliger Tag im Jahre 2009“, sagt Daniel Lühr, „als ich mir beim Gang durch die Senne erstmals vorgestellt habe, was aus dieser Landschaft werden könnte. Ich war fasziniert von dem Gedanken, dass hier unter großen, freistehenden Bäumen Rinderherden und wilde Pferde weiden könnten und niemals in Ställen leben müssen.“ Der 44jährige Diplombiologe Lühr hatte bei seiner Wanderung vor einem Jahrzehnt eine Vision vor Augen, die durch kluge Entscheidungen vieler Naturliebhaber und Politiker heute Realität geworden ist. Ein Naturschutzgebiet mit etwa 200 Hektar Weidefläche ist entstanden, in dem sich auf bisher 30 Hektar eingezäunten Weiden viele Wildpferde und freilebende Hochlandrinder tummeln und jetzt auch eine alte Ziegenrasse ausgewildert wurde. „Elf Millionen Euro sind in das Projekt investiert worden“, sagt Daniel Lühr, der das Naturschutz-Großprojekt fachlich leitet. „Davon hat 70 Prozent der Bund übernommen, 20 Prozent kommen vom Land NRW und die restlichen zehn Prozent teilen sich die NRW-Stiftung sowie der Kreis Lippe und die angeschlossenen Kommunen, Oerlinghausen, Lage, Augustdorf und Detmold.“ Jetzt – nach etwa zehn Jahren Arbeit – sind die Ergebnisse eines völlig neuen Landschaftsbildes für die Besucher deutlich erlebbar. Wo überall auf der Welt die zurückgehende Artenvielfalt beklagt wird, ist durch die neuen Weidegebiete die ursprüngliche Natur zurückgekehrt. „Die Heide kommt wieder“, sagt Daniel Lühr, „seit Jahrtausenden war sie in der Senne heimisch, durch moderne Land- und Forstwirtschaft aber verschwand sie immer mehr.“ Viele andere Pflanzen sind ebenfalls wieder auf dem Vormarsch. „Dann stehen die Tiere gern bis zum Bauch im Wasser“ Was ist in der Wistinghauser Senne konkret geschehen, damit sich die Natur wieder erholen konnte? „Wir sehen hier die uralte Form der Landnutzung“, erklärt der Biologe Lühr. „Schon in der Jungsteinzeit – also noch vor der Sesshaftwerdung der Menschen – begann man die domestizierten Tiere, also Rinder, Pferde und Ziegen zum Weiden in den Wald zu treiben.“ Die Tiere fraßen das niedrigstehende Gestrüpp, die wildwuchernden Pflanzen auf. So lichteten sich die Wälder, es entstanden parkähnliche, sonnendurchflutete Landschaften mit einzelnstehenden, oft mächtigen und uralten Bäumen. Daniel Lühr: „Sie gelten aufgrund ihres enormen Artenreichtums als echte Schmelztiegel der biologischen Vielfalt.“ Denn in der Neuzeit mit ihrer intensiven Land- und Forstwirtschaft verschwand der einstige Artenreichtum. Nun also geht es zurück zur Natur. Aber der so einfache wie geniale Gedanke vom Naturschutz hat eben wichtige Helfer: die wildlebenden, großen Weidetiere. In der Senne weiden schottische Hochlandrinder, die hier echte Waldrinder sind. Dazu kommen die kleinen, widerstandsfähigen Exmoorponys und eine kleine Ziegenherde. Daniel Lühr: „Die Tiere ernähren sich ganzjährig von den Kräutern, Gräsern und Gehölzen des Waldes und werden nur in Notzeiten, also bei viel Schnee, mit Heu zugefüttert.“ Die Jungtiere, die in der Senne geboren werden, kennen nur den Wald und haben niemals einen Stall von innen gesehen. Sie können so leben, wie es ihrer Art entspricht. Es gibt genügend Nahrungsflächen unter den großen Bäumen. Wenn es heiß wird, können sie sich in den Schatten des Waldes zurückziehen. Sogar eine perfekte Körperpflege gelingt den Tieren auf natürliche Weise. Es gibt genügend Kratzbäume für die Fellpflege, an vielen Stellen können sich die Rinder und Pferde im Sand wälzen. „Im Sommer wird sogar die Freibadsaison eröffnet“, sagt Daniel Lühr und lächelt, „dann stehen die Tiere gern bis zum Bauch im Wasser eines Teiches, um sich abzukühlen.“ Und durch die Ansiedlung der großen Weidetiere kehren auch andere seltene Tierarten zurück. So hat die Anzahl von Brutvögeln seit dem Beginn der Beweidung im Jahre 2011 bis heute von neun auf über 100 zugenommen, darunter sind auch extrem seltene Arten. Auch Eidechsen, Schlangen und eine Vielzahl von Insektenarten finden im Naturschutzgebiet wieder einen Lebensraum. „Auf Du und Du mit den Weidetieren“ Sogar ein Rezept gegen die zurzeit großflächig absterbenden Fichten im Zuge der Trockenheit hat Daniel Lühr in dem Naturschutzgebiet gefunden. „Die Fichten hat man überall wegen des schnelleren Wachstums angepflanzt, sie sind aber nicht trockenheitsresistent. Wir haben in unserem Weidegebiet jetzt viele Eichen neu eingesetzt. Laubbäume kommen mit unserem gegenwärtigen Klima besser zurecht.“ Und der Vorteil für die Menschen in der Region? „Dadurch dass alle Besucher, die Wanderer, die Jogger, die Familien mit Kindern mitten in das Gebiet zwischen den Weiden hineingehen können, wird die Natur für die Menschen erlebbar“, sagt Daniel Lühr. Die Wanderung durch den neuen Hochwald habe nicht nur eine „hohe ästhetische Qualität“, sondern die Begegnung mit den friedlichen, kuschelig aussehenden Rindern und Pferden sei eine ganz neue Erfahrung für viele Besucher. „Auf Du und Du mit den Weidetieren, das kennen Kinder heute gar nicht mehr“, erklärt Daniel Lühr. Gelegenheit für einen Besuch bei Wildrindern und Ponys bietet das kommende Wochenende. Beim Oerlinghauser Urlandfest werden am frühen Samstagnachmittag geführte Wanderungen durch das Naturschutzgebiet angeboten.

realisiert durch evolver group