Die ARD hat entschieden, dass die Fernsehserie "Lindenstraße" abgesetzt wird. Fans protestieren. - © picture alliance / Geisler-Fotopress
Die ARD hat entschieden, dass die Fernsehserie "Lindenstraße" abgesetzt wird. Fans protestieren. | © picture alliance / Geisler-Fotopress

Willebadessen Fan aus Willebadessen kämpft gegen das Aus der "Lindenstraße"

Mit dem Aus für die ARD-Sendung "Lindenstraße" möchte sich Marika Piechulek nicht abfinden. Sie organisiert einen Bus, um zur Demo nach Köln zu fahren

Löwen. Marika Piechulek ist Fan. Seit ihrer Kindheit, sagt sie und erinnert sich gern an die heimeligen Fernsehabende mit ihrer Mutter auf der Couch. Auf dem Bildschirm flimmerten die Geschichten der Familie Beimer und ihren Nachbarn. "Mit ihnen bin ich aufgewachsen", sagt die 37-Jährige. Heute moderiert sie eine der meistbesuchtesten "Lindenstraße"-Facebook-Gruppen in Deutschland. Die habe aktuell 6.327 Mitglieder, sagt sie nach Blick auf das Smartphone. Dass die "Lindenstraße" bald Fernsehgeschichte sein soll, ärgert sie. Da still zu sitzen, ist nicht ihr Ding. Piechulek ruft zur Demo auf. Am 20. März wollen wieder "Lindenstraßen"-Fans in Köln auf die Straße gehen, um gegen das verkündete Aus der Sendung zu protestieren. Für das Warburger Land hat die Frau aus Löwen einen Bus organisiert. Um die Kosten zu teilen, sucht sie Menschen, die mitfahren. Die TV-Serie, die Regisseur Hans W. Geißendörfer vor 33 Jahren aus der Taufe gehoben hatte, nehme sich seitdem aktueller und brisanter Themen an, sagt Piechulek. Sie blicke aus verschiedenen Perspektiven auf gesellschaftliche Entwicklungen und rege zur Diskussion an. Die Sendung am Sonntagabend sei ihr auch deshalb lieb geworden. Am 20. März 2020 soll die letzte Folge ausgestrahlt werden. Nach der Bekanntgabe hatten Fans zahlreiche Petitionen an den Sender geschrieben. Waren es in den 1980er Jahren die aufkeimenden Sorgen aufgrund des AIDS-Virus', wurden Ehe- und Beziehungskrisen, später auch Themenbereiche wie Down-Syndrom, spastische Lähmungen, Alzheimer, Parkinson, Legalisierung von Cannabis, ja selbst Potenzstörungen in Geschichten verpackt. "Die Lindenstraße ist gesellschaftlich wichtig" Auch vor extremistischen Haltungen mache die Serie keinen Halt, mache Rechtsextremismus und Islamismus zum Thema, zählt Piechulek auf. Geißendörfer versuche, eine Vielfalt an Positionen zu produzieren, damit der Zuschauer sich eine eigene Meinung bilden könne, erklärt die studierte Kultur- und Erziehungswissenschaftlerin. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen habe doch einen Bildungsauftrag. Die ARD sollte die Sendung eher bewerben als sie abzusetzen, betont Piechulek. Die "Lindenstraße" habe eine "gesellschaftlich relevante Seite". Und sie habe etwas mit der eigenen Lebensgeschichte zu tun. Doch müsse die Serie aber auch "mit einer gewissen Leichtigkeit" gesehen werden. "Es gibt Wichtigeres im Leben", weiß auch sie. Genau dies werfen ihr Posts im Internet vor. Als kulturelle Traditionen seien den einen das Schützenfest und der Karneval wichtig, anderen eben die "Lindenstraße", entgegnet sie. "Meine Generation ist mit den Protagonisten aufgewachsen", sagt die gebürtige Marsbergerin bestimmt. "Wir sahen zu, wie sie älter wurden." Waren die Zuschauerquoten in früheren Jahren zweistellig, so sanken sie in den vergangenen Jahren kontinuierlich. Tiefpunkt sei im vergangenen Jahr ein Marktanteil von 2,1 Prozent gewesen, sagt Piechulek. Als Hans Beimer starb, ein vorerst letzter Höhepunkt in der Zuschauergunst: Die Quote stieg auf gut 9 Prozent. "Rund 640.000 Zuschauer", hat sie ausgerechnet. Zu schlechte Quoten, sagt die ARD. "Ohne Mutter Beimer ist alles im Eimer" Doch der harte Fan-Kern will sich damit nicht abfinden – er geht auf die Straße. „Ohne Mutter Beimer ist alles im Eimer" oder „Wir sind alle Helgas Kinder!" stand bei einer ersten Demo Anfang Januar auf der Domplatte auf den Transparenten. Da hatten sich knapp 400 Menschen nach Köln aufgemacht, um ihren Protest auszudrücken. Dass man aufstehen und sich organisieren könne, das habe sie das Generationenprojekt von "Lindestraße"-Erfinder Geißendörfer gelehrt. Da ist sich Piechulek, die derzeit in der Region als mobile Reitlehrerin und Reittherapeutin arbeitet, sicher. Man habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, teilte eine Sprecherin aus der Zentrale des Westdeutschen Rundfunks mit. Letztlich habe sich die ARD aber gegen eine Verlängerung entschieden, „und es ist auszuschließen, dass dies revidiert wird". Das Verhältnis zwischen Zuschauerinteresse und Kosten sei einfach nicht mehr angemessen. "Ich bin ein Kind der Lindenstraße-Generation", betont Piechulek. "Ich werde es aber überleben, wenn die Serie eingestellt wird." Doch bis dahin sei es angebracht, seinen Protest deutlich auszudrücken.

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