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Nachhaltigkeit ist das Gebot der Stunde, wissen die Bildungsreferenten Christoph Harrach (l.) und Christian Einsiedel. - © Josef Köhne
Nachhaltigkeit ist das Gebot der Stunde, wissen die Bildungsreferenten Christoph Harrach (l.) und Christian Einsiedel. | © Josef Köhne

Steinheim Gemeinwohl-Ökonomie wird Wahlkampf-Thema in Steinheim

Die Bildungsreferenten Christoph Harrach und Christian Einsiedel bereiten Fragebögen für die Bewerber um das Bürgermeisteramt vor.

Josef Köhne
22.03.2020 , 09:00 Uhr

Steinheim. Bevor dem österreichischen Autor, politischen Aktivisten, Ökonomen und Hochschullehrer Christian Felber am 12. September 2017 die Reineccius-Medaille der Stadt Steinheim verliehen wurde, äußerte er sich im Interview mit nw.de wie folgt: „Unser derzeitiges Wirtschaftssystem steht auf dem Kopf. Anstatt ein Mittel für die Dinge zu sein, die wirklich zählen, nämlich ein gutes Leben für alle, ist Geld zum Selbst-Zweck geworden."

Seine Vision von einer besseren Welt durch die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) als Wirtschaftsmodell mit Zukunft brachte er dabei wie folgt auf den Punkt: „Die Wirtschaft wird ganz generell auf die Mehrung und Sicherung des Gemeinwohls ausgerichtet. Geld und Kapital sind Mittel, um der Menschenwürde, der Bedürfnisbefriedigung, dem sozialen Zusammenhalt, der Verteilungsgerechtigkeit, dem Umwelt- und Klimaschutz zu dienen. Die Ökonomie wird ganzheitlicher und dadurch humaner und nachhaltiger.

»Mit dem Einsatz schaffen wir eine bessere Welt«

Anstatt immer mehr zu konsumieren und wegzuwerfen, pflegen wir gute Beziehungen zu uns selbst, zu anderen Menschen, zur Natur und zum großen Ganzen. Nicht das Geld, sondern das ‚gute Leben‘ ist Gesprächsthema und hat politische Priorität."

Politische Priorität sollte das Thema Gemeinwohl-Ökonomie nach Meinung der beiden im Kreis Höxter tätigen Bildungsreferenten Christoph Harrach und Christian Einsiedel auch bei den im September 2020 anstehenden Kommunalwahlen haben. Deshalb werden sie einen Fragebogen mit fünf, maximal zehn Fragen vorbereiten und allen sich im Kreis Höxter bewerbenden Bürgermeisterkandidatinnen und -kandidaten zur Beantwortung vorlegen. Fragen und Antworten erfahren die Bürgerinnen und Bürger rechtzeitig bei nw.de.

Verzicht auf Bestellungen im Internet

Aufbauen werden die Fragen zu einem großen Teil auf den Erfahrungen, die Harrach und Einsiedel während ihrer bisherigen Tätigkeit im Kreis Höxter sammeln konnten. Kooperiert haben sie bislang mit den Städten Steinheim, Brakel und Willebadessen. Diese sind bundesweit die ersten drei Städte, die sich an den Forderungen der Gemeinwohl-Ökonomie prüfen und messen lassen.

Im Boot sind weiterhin eine Kommune in Bayern und eine in Schleswig-Holstein. Von den bundesweit 600 teilnehmenden Unternehmen kommen fünf aus dem Kreis Höxter. Es sind dies Chemical Check Steinheim, Petersilchen Steinheim, Graf Metternich Quellen Vinsebeck, Bio-Hof Engemann Willebadessen und Lebenshilfe Brakel.

Christian Einsiedel zufolge haben diese Unternehmen bereits positive Lehren aus „dem Nachdenken über das eigene Handeln" gezogen. So verzichtet zum Beispiel ein Gemeinwohl-Ökonomie-Teilnehmer mit Blick auf die Ausbeutung der Paketzusteller auf Bestellungen bei einem großen Internethändler. Ein anderes darauf ausgerichtetes Unternehmen vereinbarte bei den anstehenden Lohnverhandlungen mit seinen Mitarbeiter einen leichten Verzicht zugunsten einer gemeinsamen Spendenkasse und verdoppelte den dadurch erzielten Spendenbetrag. An welche Institutionen die Spendengelder überwiesen werden, entscheiden Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einer demokratischen Abstimmung.

Antworten werden Anfang August erwartet

„Mit dem Einsatz für eine auf Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitbestimmung ausgerichtete Gemeinwohl-Ökonomie schaffen wir eine bessere Welt", sind sich die Bildungsreferenten Harrach und Einsiedel sicher. Und sie wissen, dass sie mit ihrer Arbeit dazu beitragen können, dass sich die von der UN beschlossenen, bis zum Jahr 2030 umzusetzenden Entwicklungsziele erreichen lassen.

Vielfältige Unterstützung haben sie in der Vergangenheit von Steinheims Bürgermeister Carsten Torke bekommen. Seine Stadt ist nun auch die erste in Deutschland, für die die Gemeinwohl Experten Harrach und Einsiedel nach einer sechsmonatigen Beratungszeit eine erste Bilanz vorlegen können. Für die Städte Brakel und Willebadessen werden die Ergebnisse in Kürze erwartet. Dass sich mittlerweile andere Städte für die im Kreis Höxter gesammelten Erfahrungen interessieren, zeigt die Initiative der Stadt Dortmund, die sich ebenfalls für die Nachhaltigkeitsziele einsetzen will. Im Kreis Höxter sind nun zunächst aber die Bewerber – und die Bewerberin – um die Bürgermeisterämter gefragt. Auf ihre für den Monat August erwarteten Antworten darf man gespannt sein.

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