Orgelempore: Auch an den Fenstern stehen wegen der Sanierung dort Baugerüste, dazu der Aufzug (l.). - © Simone Flörke
Orgelempore: Auch an den Fenstern stehen wegen der Sanierung dort Baugerüste, dazu der Aufzug (l.). | © Simone Flörke

Höxter Der Abbau der Orgel in der Abteikirche Corvey hat begonnen

Niederländische Fachleute arbeiten zweieinhalb Jahre an der Restaurierung, die eine Million Euro kosten soll

Simone Flörke

Höxter. Dort, wo sich ansonsten die beiden Manuale des barocken Instrumentes befinden, steht Paul Winkelmeijer nun mit Maßband und Computer. Mittendrin in der Orgel. "Ich staune über das Wissen und das Können vor 350 Jahren", sagt er anerkennend. Der Orgelbauer mit 37 Jahren Erfahrung vermisst und dokumentiert jedes Teil, das aus dem Instrument von 1681 auf der Orgelbühne in der Corveyer Abteikirche ausgebaut wird. Aufwendig ist diese Abbauarbeit, die etwa vier Wochen dauern wird, erklärt Erik Winkel, Geschäftsführer des Orgelbauers Flentrop im niederländischen Zaandam. Diese Experten haben den Zuschlag für die Restaurierung des wertvollen Instrumentes aus den Händen von Andreas Schneider - laut Dekanatskirchenmusiker Jörg Kraemer eine von nur noch sieben historischen Springladenorgeln in Deutschland, unter anderem Borgentreich und Lemgo - bekommen. Und macht sich nun an die rund zweieinhalb Jahre dauernde Arbeit. Während dieser Zeit wird in Corvey auf einer kleinen Ersatzorgel gespielt. 876.000 Euro kostet die reine Restaurierung, sagt der Baubeauftragte des Erzbistums für Corvey, Franz-Josef Beine. Hinzu komme eine Summe von 80.000 bis 100.000 Euro an Nebenkosten von Fußbodenarbeiten bis Elektroinstallationen. Insgesamt also rund eine Million Euro, die mit Unterstützung des Fördervereins Chorus (320.000 Euro), der NRW-Stiftung (300.000 Euro), dem Bundesprogramm nationale Projekte (100.000 Euro) sowie dem Erzbistum und weiteren Spendern zusammenkamen. Auch ein Kran soll zum Einsatz kommen, etwa fünf Quadratmeter der Dachhaut müssen wohl geöffnet werden, erklärt Architekt Albert Henne, der seit vielen Jahren die Bauarbeiten in und an der Kirche in Corvey begleitet. Ansonsten werden Aus- und Einbau über einen Aufzug am Gerüst im Kirchenraum sowie den seitlichen Zugang zur Kirche erfolgen. Henne: "Denn es darf kein Materialtransport durch den Turm erfolgen." Jörg Kraemer, der beim Abschlusskonzert vor kurzem das Instrument in letztes Mal gespielt hatte, beschreibt ihren jetzigen Klang als "müde, matt und verstimmt". Und Winkel ergänzt: "Die Pfeifen sprechen nicht mehr. Der Klang ist weg." Ein Teil der rund 2.000 Orgelpfeifen - zwischen 4,80 Metern und wenigen Zentimetern groß - sind bereits ausgebaut. Sie werden in stapelbaren Holzkästen für den Transport in die Werkstatt in den Niederlanden verstaut. Der Großteil der historischen Prospektpfeifen - die Optik zum Kircheninneren - kann sogar im Instrument bleiben. Die Harmonie der Klänge ist das Ziel, erklärt Erik Winkel den Arbeitsauftrag für die stark von Bleifraß angegriffenen Orgelpfeifen in den 31 Registern: Die Beschädigungen durch die Gerbsäure im Eichenholz hätten sie innen weiß werden und zum Teil sogar an den Lötnähten aufplatzen lassen, erklärt der Fachmann. "Wir wissen, wie die Korrosion entsteht. Wir wissen aber nicht, wie es sich verhindern lässt. Deshalb fügen wir nur neues Holz hinzu, das so wenig Gerbsäure wie möglich enthält." Das neue Blei für die Pfeifen enthalte auch etwa fünf Prozent Zinn. Erneuert werden solle auch die Windversorgung mit vier großen Bälgen, damit auch die Möglichkeit für ein mechanisches Bespielen der Orgel wieder da sei. Die Firma kümmert sich nach dem Einbau im Frühjahr 2019 auch um die Intonierung. Für Winkel und seine Kollegen, die auch neue Instrumente bauen, ist jede Orgel ein Unikat, verbunden mit Respekt vor der Leistung ihrer Vorgänger. Aber sie lernen auch bei jeder Restaurierung Neues dazu, sagt er. Und: "Wir bauen die Orgel nicht für Fachleute, sondern für die Ohren der Laien." Die würden nach der Restaurierung den Unterschied hören: "Warm und berührend für die, die ein offenes Herz dafür haben."

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