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Detlef H. Mache von der Stiftung Bildung und Kultur Witten mit der Vorsitzenden des Herforder Kunstvereins in der Ausstellung „Urban Pop Art". - © Ralf Bittner
Detlef H. Mache von der Stiftung Bildung und Kultur Witten mit der Vorsitzenden des Herforder Kunstvereins in der Ausstellung „Urban Pop Art". | © Ralf Bittner

Herford 30 Jahre Mauerfall: Kunstverein stellt "Urban Pop Art" aus

Es werden Werke von Thomas Baumgärtel sowie weiterer zeitgenössischer Künstler gezeigt. Sie liefern reichlich Stoff zum Schauen und Nachdenken. Auch die berühmte Banane findet sich wieder

Ralf Bittner
08.11.2019 | Stand 08.11.2019, 13:31 Uhr

1983 kreuzigte der Künstler Thomas Baumgärtel, damals noch als Zivildienstleistender, seine erste Banane. 1986 markierte er den ersten Kunstort mit einer Spraybanane. Bis heute ist die Banane sein Markenzeichen, egal ob gesprayt oder als Bananen-Pointilismus, der seinen Bildern Struktur gibt. Bei ihm läuft ein Helmut Kohl bananengelb an, und im Brandenburger Tor wird die krumme Frucht zu Brücke zwischen Ost und West. Jetzt treten seine Arbeiten in der Ausstellung des Herforder Kunstvereins „Urban Pop Art" in Dialog mit denen anderer zeitgenössischer Künstler. Die Ausstellung trägt den Untertitel „Gedanken zu Verantwortung und Zukunft", und wird am 30. Jahrestag des Mauerfalls, eröffnet. Das Ereignis steht für das Verlangen nach positiver Veränderung und für den Wunsch nach Freiheit und Verantwortung. Baumgärtel bleibt aber nicht 1989 stehen, sondern schreibt die Friedens- und Freiheitsbotschaft in die Gegenwart fort. So blickt ein Gretaporträt die Betrachter an – passend auf einer Gasflasche. Die Banane – Symbol für Leben und Veränderung „Die Banane ist für Baumgärtel ein Symbol für das Leben", sagt Detlef H. Mache, Vorstand der Stiftung für Bildung und Kultur, die die Ausstellung in Kooperation mit dem Herforder Kunstverein präsentiert: „Das ist wichtig für die Einordnung." Zur Erinnerung: im November 1989 hatte das Satiremagazin Titanic die fiktive „Zonen-Gaby" mit ihrer „ersten Banane" (einer geschälten Gurke) auf das Titelbild gehoben, seither steht die Frucht quasi synonym für den Wunsch der ehemaligen DDR-Bürger, am westlichen Konsum teilhaben zu wollen. Grenzbereich von Street Art, Pop Art und Aktionskunst Baumgärtel bewegt sich im Grenzbereich von Street Art, Pop Art und Aktionskunst. Seine Arbeiten sind Ausdruck einer kritischen Haltung und vorwärts gewandter Experimentier- und Gedankenraum für einen Zukunftsdialog. Im Kunstverein treten sie in Dialog mit anderen Künstlern der zeitgenössischen Kunst wie Moritz Götze, Thierry Noir, Rainer Fetting, Max Grimm, Harald Klemm, Julian Schnabel, Thitz oder Giovanni Vetere. Einige von ihnen wie Ren Rong, von dem Frühwerke zu sehen sind, oder Thierry Noir, der gemeinsam mit Kiddy Citny die Berliner Mauer im geteilten Berlin als Leinwand für sich entdeckte, dürften Kunstvereins-Besuchern von früheren Ausstellungen vertraut sein. Die Berliner Mauer wird zur Leinwand Wie deren nächtliche Ausflüge in das Niemandsland vor der Westseite der Berliner Mauer ausgesehen haben könnten, malte Christopher Bouchet. „16.5.84, 7.30 Früh" heißt sein Bild. Aufgezogen ist die Leinwand auf einen Fensterrahmen des 1971 besetzten und nach dem zuvor bei einem Schusswechsel mit der Polizei gestorbenen Georg von Rauch benannten Georg-von-Rauch-Hauses. Nicht immer vollzieht sich Geschichte sichtbar, manchmal lohnt sich ein Blick hinter die Fassade. Einige Arbeiten wie ein riesiges Merkel-Porträt Eberhard Bitters sind so frisch, dass sie erst am Freitag angeliefert und nass aufgehängt werden. Renato Huntos Bilder wurden in Graffiti-Manier auf die Leinwand gesprayt und sind ebenfalls neu. Mauerfall und Wiedervereinigung sind der Anlass der Ausstellung , und natürlich stehen symbolhafte Bilder vom Brandenburger Tor, verschwommene Bilder von Menschen, die über die Mauer klettern, oder das Bild eines herzlich über seinen Witz von den „blühenden Landschaften" lachenden Helmut Kohls im Zentrum, aber der Blick geht auch nach vorn. "Baustelle Europa" Die „Baustelle Europa" ist ebenso Thema wie die Utopie, dass menschliche Gesellschaft und Natur im Einklang miteinander existieren könnten. Die Ausstellung bleibt nicht beim rückwärtsgewandten Blick auf die Ereignisse von vor 30 Jahren stehen, sondern wirft einen fragenden Blick Richtung Zukunft. Zu schauen gibt es in der überbordend farbigen Schau reichlich, aber auch das Versprechen, nicht in der Vergangenheit stehen bleiben zu wollen, sondern einen Dialog um „Gedanken zu Verantwortung und Zukunft" anstoßen zu wollen, wird eingelöst.

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