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Am Rande des Wüstener Weges können Äpfel, Birnen, Kirschen und Pflaumen gepflückt werden. Auch drei Esskastanien stehen dort. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp
Am Rande des Wüstener Weges können Äpfel, Birnen, Kirschen und Pflaumen gepflückt werden. Auch drei Esskastanien stehen dort. | © Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Herford Äpfel, Birnen, Pflaumen: Hier ist "Mundraub" in Herford erwünscht

Auf einer online abrufbaren Karte sind 600 Bäume im Stadtgebiet hinterlegt. Das Obst kann kostenlos gepflückt werden. Es gibt aber einige Dinge zu beachten.

David Knapp
14.08.2019 | Stand 14.08.2019, 10:03 Uhr

Herford. Die landwirtschaftlichen Flächen zur einen Seite des Wüstener Weges sind bereits abgeerntet. Auf der anderen Seite öffnet sich an einer Stelle eine Wiese, auf der mehrere Dutzend Obstbäume stehen. An ihren Zweigen hängen Äpfel, Birnen, Kirschen und Pflaumen. Sogar zwei Esskastanien sind darunter. Noch ist das viele Obst nicht reif. Doch sollte es soweit sein, kann es gepflückt werden – von jeder und jedem. Die Stadt hat auf einer online abrufbaren Karte rund 600 Obstbäume eingetragen, an denen sich die Öffentlichkeit bedienen kann: Birnen an der Kneippstraße, Kirschen hinter dem Friedrich-Quest-Weg, Esskastanien an der Berger Heide. Bunte Punkte zeigen die Standorte der Bäume präzise an. "Wir haben ein Verzeichnis all unserer Bäume. Teil dieses Katasters sind auch die Obstbäume", erklärt Ralf König von der Abteilung Grünflächen. Anfang vergangener Woche hat er aus diesen Daten die digitale Karte gebastelt. Bio-Obst vor der eigenen Haustür Darauf sind 440 Apfelbäume, 65 Birnenbäume, 27 Esskastanien und 60 Kirschen - alles bio, wie König anmerkt. "Schulhöfe, Kindergärten und ähnliche Orte wurden rausgelassen, um Konflikte zu vermeiden", erläutert er, welche Ausschlusskriterien für die Auswahl der Obstbäume greifen. Einige davon stammten aus Ausgleichsverpflichtungen, so etwa, wenn Bäume aufgrund von Baumaßnahmen gerodet wurden. Sie kompensieren also die Verluste und schaffen mit ihrem Obst einen Mehrwert für die Öffentlichkeit. Die digitale Kartografie von Obstbäumen ist keine neue Idee. Hierzulande gelten Kai Gildhorn und Katharina Frosch als Pioniere, die ihr Projekt über Deutschland hinaus bekannt gemacht haben. Vor zehn Jahren gründeten sie "mundraub.org". Laut eigenen Angaben richtet sich die Online-Plattform an Menschen, "die heimisches Obst im öffentlichen Raum entdecken und die essbare Landschaft gestalten wollen". Aktuell sind dort mehr als 54.000 Funde aufgeführt. Den Gründern geht es bei ihrem Projekt um mehr als eine Spielerei. Die Menschen können ihr "Bedürfnis nach Teilen und direktem vom Markt unabhängigen Erwerb von Lebensmitteln erfüllen", heißt es auf der Seite. Dazu braucht es keine Monokulturen, keine langen Lieferketten und keinen Verpackungsmüll. Obst als fruchtiges Grundauskommen Die Gründer bemühen die Vorstellung einer "essbaren Landschaft". Das "fruchtige Grundauskommen" könnte eine Ausweitung der Gemeingüter in andere Lebensbereiche nach sich ziehen. Das erscheint ambitioniert. Möglicherweise fördert die Kenntnis von den Standorten der Obstbäume aber bereits eine andere Wahrnehmung: Lebensmittel gibt es nicht nur im Supermarkt, sondern sie wachsen frei zugänglich an jeder Straßenecke. Damit das so bleibt, ist ein pfleglicher Umgang unabdingbar: "Uns ist wichtig, dass die Bäume in Ordnung bleiben", sagt Ralf König, der die städtische Obstbaum-Karte zusammengestellt hat. Denn es gilt, die Bäume beim Pflücken nicht übermäßig zu strapazieren. "Man beobachtet hin und wieder schon, dass einige sehr großzügig pflücken." So käme es zu Astabbrüchen und Beschädigungen an den Bäumen - häufig deshalb, weil eine Leiter und geeignetes Werkzeug fehlten. Zweige und Äste würden dann auf den Wiesen verbleiben. Beim nächsten Mähen könnten die Geräte Schaden erleiden. Geerntet wird auf eigene Gefahr Die Stadt Herford warnt aber ebenso vor den Gefahren für die Selbstpflücker: Die Ernte erfolge auf eigene Gefahr. "Verletzen oder gefährden Sie weder sich selbst, noch andere, noch die Bäume. Damit alle auch im nächsten Jahr noch daran Freude haben", sagt Stadtsprecherin Susanne Körner. Eingezäunte und eingefriedete Bereiche sollten respektiert werden. Obwohl die Obstbäume am Wüstener Weg bereits Früchte tragen, wird die Ernte in diesem Jahr insgesamt wohl nicht allzu üppig: „Dieses Jahr sieht es schlecht aus. Durch die Trockenheit wird das Jahr eher ertragsarm ausfallen", prognostiziert König. Saftige Äpfel werden also nicht erwartet. Aber, so die Hoffnung, „vielleicht kann man einen Apfelsaft draus machen".

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