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In diese Blechdose hat ein Inhaftierter wahrscheinlich Andenken an seine Heimat eingeritzt. - © Sigurd Gringel
In diese Blechdose hat ein Inhaftierter wahrscheinlich Andenken an seine Heimat eingeritzt. | © Sigurd Gringel

Schloß Holte-Stukenbrock Spektakuläre Grabungsfunde erzählen vom Leid der Kriegsgefangenen

Landschaftsverband Westfalen-Lippe stellt Ergebnisse der jüngsten Ausgrabung in Stukenbrock-Senne vor.

Sigurd Gringel
03.09.2019 | Stand 03.09.2019, 16:53 Uhr

Schloß Holte-Stukenbrock. Es sind überwiegend Alltagsgegenstände, die immer noch in der Erde der Gedenkstätte Stalag 326 liegen. Sie helfen Historikern, Geschichten der Insassen nachzuerzählen. Geschichten vom Leid der Kriegsgefangenen und von ihrer Sehnsucht nach der Heimat. Jetzt haben die Archäologen teils spektakuläre Funde vorgestellt, die nicht nur die Wissenschaftler, sondern auch die Restauratoren vor Herausforderungen stellen. Am Dienstag präsentierten Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) die Funde der jüngsten Ausgrabung. Die Art der Gegenstände sei erwartbar gewesen, sagt Grabungsleiter Wolfgang Messerschmidt. Trotzdem seien sie spektakulär. Besonders die Menge an Fundstücken beeindruckt die Archäologen. Mehr als 1.000 Gegenstände gruben sie auf einer Fläche von 600 Quadratmetern aus. Wahrscheinlich sind die Forscher auf Latrinenschächte gestoßen, in denen allerhand Habseligkeiten der Kriegsgefangenen und Abfälle entsorgt wurden, nachdem das Lager 1945 befreit und umgenutzt worden war. Deshalb gehören zu dem Sammelsurium auch ein Soldatenhelm, eine Säbelscheide und eine Porzellanschüssel, die wahrscheinlich aus dem Offizierskasino der deutschen Wachmannschaft stammt. Möglicherweise haben die Soldaten die kaputte Schüssel entsorgt oder sie noch den Kriegsgefangenen überlassen. Gegenstände in der Nähe der ehemaligen Handwerksbaracke Gedenkstättenleiter Oliver Nickel hat noch eine weitere Vermutung, warum gerade an dieser Stelle so viele Gegenstände gefunden wurden. In der Nähe befand sich die Handwerksbaracke des Lagers. Irreparable und nicht mehr verwendbare Gegenstände wurden weggeworfen. Doch gerade in der Anfangszeit des Lagers, als die Kriegsgefangenen elendig in Erdgruben lebten, die sie sich mit den Händen, Löffeln oder Blechdosen selbst graben mussten, war für die Insassen alles überlebenswichtig. Vor allem die Blechdosen für das Essen und das Wasser. Wer keine Proviantdose für die Mahlzeit besaß, hielt seinen Hut oder seine Mütze hin - oder einfach die Hände. Der erste Gefangenentransport erreichte Stukenbrock-Senne am 10. Juli 1941, erst im September wurden die ersten Holzbaracken für die Gefangenen gebaut. Der Verlust des Essbestecks - auch durch Diebstahl - bedeutete Lebensgefahr. Deshalb ritzten die Inhaftierten mit spitzen Gegenständen ihre Namen auf die Rückseite. Zwei gut erhaltene Blechdosen werden die Forscher besonders in den Blick nehmen. Auf der einen ist der Name Michalov und der Ort Kalinin-Rajon eingeritzt, heute ein Bezirk in St. Petersburg. Ein anderer Inhaftierter, A.V. Sonkov, hat den Ort Garg eingeritzt und detailreich und gekonnt mit Sonne, Bergen, Bäumen und Häusern versehen. Ein kleines Kunstwerk ist so entstanden. Garg liegt vermutlich in der Ukraine, sagt Grabungsleiter Wolfgang Messerschmidt. "Wenn wir den Namen und Heimatort des Inhaftierten haben, können wir vielleicht dessen Geschichte rekonstruieren", ergänzt Gedenkstättenleiter Oliver Nickel. Das Erzählen konkreter Schicksale sei auch für die Museumspädagogik wichtig, die Gedenkstätte arbeitet mit Schulen aus der Region zusammen. Zweiklassengesellschaft innerhalb der Gefangenengruppen Unscheinbar, aber dennoch wichtig seien auch belgische Uniformknöpfe. "Wir wissen, dass nicht nur sowjetische Kriegsgefangene zu den Opfern gehören", sagt Oliver Nickel, "wir haben von ihnen aber kaum 3-D-Funde." Oder eine erhaltene Bierflasche. Sie stammt vermutlich aus einem der Care-Pakete, die nur die Gefangenen der Westmächte erhielten. "Diese Funde zeugen von der Zweiklassengesellschaft innerhalb der Gefangenengruppen", sagt die LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger. Ganz unten standen die sowjetischen Gefangenen. Für Franzosen, Italiener oder Serben gab es sogar einen Theatersaal, eine Kapelle, eine Bücherei und eine eigene Krankenbaracke, sagt Archäologe Sven Spiong. Die Herausforderung wird nun sein, die Fundstücke, die der Archäologie der Moderne entstammen, wie Professor Michael Rind beschreibt, zu reinigen und zu konservieren. Wie geht man mit Aluminiumfraß um?, nennt er ein Beispiel. Die Aufarbeitung der Stücke wird noch Jahre in Anspruch nehmen. Barbara Rüschoff-Parzinger stellt zusätzliche Gelder aus Sondermitteln dafür in Aussicht und bekräftigt das Vorhaben, aus dem Stalag 326 eine Gedenkstätte von nationaler Bedeutung zu machen.

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