Ein Ort des NS-Grauens: Martin Kolek (l.) und Jens Hecker (r.) stehen in den ehemaligen Duschen der Entlausungsstation des Stammlagers 326. An den Wänden stehen ausgeblasst die alten Schriftzüge wie „Rauchen verboten“. - © Picasa
Ein Ort des NS-Grauens: Martin Kolek (l.) und Jens Hecker (r.) stehen in den ehemaligen Duschen der Entlausungsstation des Stammlagers 326. An den Wänden stehen ausgeblasst die alten Schriftzüge wie „Rauchen verboten“. | © Picasa

Schloß Holte-Stukenbrock Ausgangssperre um 20 Uhr

Aufarbeitung: Martin Kolek hat von Zeitzeugen mehr über Zwangsarbeiter erfahren. Erinnerungen sollen Teil der neuen Stalag-Ausstellung werden

Kristoffer Fillies
19.10.2018 | Stand 18.10.2018, 18:19 Uhr

Schloß Holte-Stukenbrock. Zusammengepfercht stehen drei Dutzend Menschen in einem Güterwaggon. Der Waggong auf den Eisenbahnschienen hat kein Dach. Und nur in einer kleinen Aussparung darin steht niemand. „Das war die Toilette“, sagt Martin Kolek. Er zeigte das Foto – das sowjetische Kriegsgefangene beim Transport nach Ostwestfalen zeigt – jetzt während des Vortrags zum Thema „NS-Zwangsarbeiter im Delbrücker Raum“ in der Dokumentationsstätte Stalag 326. Der Psychotherapeut Martin Kolek spricht seit langem mit Zeitzeugen der zwölf Jahre währenden nationalsozialistischen Diktatur. 2010 habe ihm jemand in Delbrück gesagt: Da war hier eigentlich nichts, da werden Sie nichts finden. „Das war für mich der Anstoß zu suchen“, sagt Kolek. Und er fand. In Gesprächen mit Zeitzeugen ebenso wie im Archiv der Stadt, wo reichlich Briefe und Dokumente aus der NS-Zeit zu finden sind. Entstanden ist aus seinen Nachforschungen das Buch „Vergessen? Polnische und sowjetische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene im Raum Delbrück 1939-1945“. „Gezielt wurden Arbeiter nach Deutschland importiert“ Kolek: „Gezielt wurden Arbeiter nach Deutschland importiert.“ Allein aus der Sowjetunion fast fünf Millionen Menschen. Im Delbrücker Gebiet sind zwölf Arbeitslager verzeichnet, in denen jeweils 40 Zwangsarbeiter lebten. In Deutschland mussten sie Erkennungsabzeichen auf ihre Kleidung nähen. Darunter „P“ für polnische, „Ost“ für sowjetische Arbeiter. Kolek hat einen Brief der damaligen Delbrücker Möbelfabrik Nolte im Stadtarchiv gefunden. Darin fordert die Fabrik wegen Engpass 200 weitere Ost-Abzeichen. „Erst damit durften die Arbeiter frei rumlaufen“, sagt Kolek. Doch auch das mit vielen Einschränkungen. „Es gab eine Sperrstunde für die Zwangsarbeiter.“ Polnische und Ostarbeiter durften nach 20 Uhr nicht mehr aus ihren Unterkünften heraus. Andere ausländischen Arbeiter durften eine Stunde länger im Freien bleiben. Kolek hat die Geschichte des polnischen Zwangsarbeiters Wladislaus Jachnik recherchiert. Der 23-Jährige wurde wegen seiner engen Freundschaft zur Deutschen Theresia Engelmeier festgenommen und starb im Konzentrationslager Dachau 1943. „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ Bei der Aufarbeitung der NS-Zwangsarbeit und Entschädigung der Betroffenen sieht Kolek Missstände in Delbrück. „Die Beschäftigung mit dem Thema hinterlässt bei mir eine Ohnmacht. Es ist alles dokumentiert. Aber es wird fast nichts gemacht für die Aufarbeitung und Entschädigung“, sagt der Vorsitzende der Delbrücker „Initiative Erinnerungskultur“. Im Jahr 2000 wurde durch ein Bundesgesetz die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ gegründet. Deutsche Unternehmen beteiligten sich mit rund fünf Milliarden D-Mark an dem 10 Milliarden-D–Mark-Fonds zur Entschädigung der ehemaligen Zwangsarbeiter und anderer NS-Opfer. Jens Hecker, Historiker und Mitarbeiter der Dokumentationsstätte, möchte Zeitzeugenberichte über Zwangsarbeiter in das Konzept der derzeit neu entstehenden Ausstellung einfließen lassen. In etwa vier Jahren könne die vergrößerte Ausstellung im Stalag fertig sein, sagt er (NW berichtete).

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