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Blick zurück: Auf diesem Foto aus den 50er Jahren sind die Werbeflächen des Geschäftes in der ehemaligen Arrestbaracke (heute Gedenkstätte) zu sehen. Das Bild zeigt, dass zu der Zeit der Blick nach vorn wichtig gewesen ist. Ziel war es, sich eine neue Heimat aufzubauen und das vorgefundene so gut wie möglich zu nutzen. - © Archiv Stalag 326
Blick zurück: Auf diesem Foto aus den 50er Jahren sind die Werbeflächen des Geschäftes in der ehemaligen Arrestbaracke (heute Gedenkstätte) zu sehen. Das Bild zeigt, dass zu der Zeit der Blick nach vorn wichtig gewesen ist. Ziel war es, sich eine neue Heimat aufzubauen und das vorgefundene so gut wie möglich zu nutzen. | © Archiv Stalag 326

Schloß Holte-Stukenbrock Grundlagenarbeit hat Türen geöffnet

Aufarbeitung: Die Aufarbeitung der Geschichte des Sozialwerks Stukenbrock ist etwas ins Stocken geraten.Die Hoffnung ist jedoch groß, dass in diesem Jahr ein neuer Förderantrag bewilligt wird

Karin Prignitz
09.07.2018 | Stand 08.07.2018, 18:18 Uhr

Schloß Holte-Stukenbrock. Als junger Mann flüchtete er aus der DDR. Das Sozialwerk Stukenbrock wurde die neue Heimat auf Zeit. Als Gärtner für den Soldatenfriedhof gesucht wurden, zeigte er spontan auf. „In den 50er Jahren war dieser Jugendliche einer der ersten, der das Gestrüpp entfernt hat", erzählt Jens Hecker. Als Wissenschaftler interessiert ihn aber viel mehr das vom Gärtnergehilfen aufgeschnappte Gespräch von Herren einer sowjetischen Delegation, die seinerzeit den Zustand der Gräber der russischen Kriegsgefangenen kontrollierten. Sehr abfällig hätten sich die Kontrolleure über die dort begrabenen Soldaten geäußert, berichtete der Ohrenzeuge, der die russische Sprache verstand – womit die Herren nicht gerechnet hatten. Kriegsgefangene seien aus deren Sicht Verräter gewesen, weil sie nicht bis zum Ende gekämpft hätten. „Opfer wurden unter Stalin als Verräter gesehen, das änderte sich erst unter Gorbatschow", das weiß Jens Hecker, der betont, dass solche Zeitzeugenberichte von großer Bedeutung seien. Hecker ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte Stalag 326 und dort insbesondere für die Neukonzeption der Gedenkstätte zuständig, die nationale Bedeutung erlangen soll (die NW berichtete mehrfach). Der Historiker und Kulturmanager hat derzeit gemeinsam mit Ulrike Pastoor auch die Aufgabe übernommen, die Aufarbeitung der Geschichte des Sozialwerkes Stukenbrock (heute Polizeischule), das ein Auffanglager für Geflüchtete, Vertriebene und Aussiedler war, weiter zu begleiten. Bereits seit Anfang des Jahres und mit den nötigen Fördergeldern war Sozial- und Kulturwissenschaftlerin Joanna Poethke aus Berlin mit großen Enthusiasmus mit dem Projekt beschäftigt, das allerdings im Mai ausgelaufen ist. Derzeit werden neue Fördergelder beantragt. Poethke, die eine 32-Stunden-Stelle hatte, hat sich mittlerweile „aus persönlichen Gründen", wie es heißt, beruflich anders orientiert. „Mit ihrer Grundlagenarbeit hat sie schon viele Türen geöffnet", betont Jens Hecker. 100.000 bis 150.000 Menschen hatten von 1949 bis 1970 im Sozialwerk Stukenbrock gelebt. Poethke hatte sich besonders um die frühen Jahre gekümmert, Archive durchforstet und Zeitzeugensprechstunden angeboten. „All das hat es bisher an der Gedenkstätte nicht gegeben", hebt Hecker hervor. „Hier wurde bisher nicht geforscht, die Bewohner selbst haben ihre Geschichten erzählt und gesammelt." Aus der eigenen Perspektive. Nun müssten Erlebtes und Fachwissenschaft zusammengebracht werden. „Dabei braucht es die persönliche Note, sie ist das Hauptaugenmerk, damit Geschichte lebendig bleibt." Das Sozialwerk sei „ein unfassbar wichtiges Thema"; für die vielen Menschen, die in der Umgebung geblieben seien, sei es wohl noch zentraler als die Historie der Kriegsgefangenen, vermutet Hecker. Das Sozialwerk sei ein Erinnerungsort. „Viele Vertriebene haben in NRW eine neue Heimat gefunden", etliche leben noch heute in Schloß Holte-Stukenbrock. So wie Klaus Streck. Als Sechsjähriger kam er ins Auffanglager, in dem sein Vater nach der Flucht aus der DDR als Verwaltungsangestellter arbeitete. Die Familie blieb bis zum Schluss. »Sonnige Kindheitmit vielen Freiheiten« Sowohl Streck als auch Barbara Kammertöns, deren Mutter Margot Repper Lehrerin im Internat des Sozialwerks war, erinnern sich an eine glückliche Kindheit. Während bei den Internatskindern Tränen geflossen seien, weil die Eltern sich auf Arbeitssuche machten, „hatten wir ein feines Leben, eine sonnige, unbeschwerte Kindheit mit vielen Freiheiten", so beschreibt es Barbara Kammertöns. „Eventuelle Spannungen sind an uns vorübergegangen", sagt auch Klaus Streck. „Freizeit, Zusammenhalt, Schule, viele kulturelle Angebote, Freundschaft", so fasst er die Kindheit zusammen. Und er erinnert sich noch genau daran, dass am Tag des WM-Endspiels im Jahr 1954, bei dem die Deutschen als Sieger vom Platz gingen, „50 Mann im Jugendheim auf einen 42 Zentimeter kleinen Fernseher gestarrt haben und die Kinder auf dem Tisch saßen, damit wir etwas sehen konnten". Beim 3:2-Siegtreffer seien viele Köpfe unter die Decke der Baracke gegangen. Noch viel mehr solcher Geschichten gibt es. Und weil die Menschen, die davon erzählen können, mittlerweile ein höheres Alter erreicht haben, sei es wichtig, sie zügig aufzuarbeiten, betont Jens Hecker. Der 36-Jährige ist zuversichtlich, dass die Arbeit mit weiteren Fördermitteln langfristig fortgeführt werden kann. Und er betont, dass dieser Teil der Aufarbeitung nicht etwa nur ein Anhängsel im Gesamtkonzept der Gedenkstätte sei, wie von einigen Kritikern zu hören ist. „Perspektivisch planen wir, die Erforschung auf eigene Beine zu stellen und andere lokale Forschungsinitiativen mit einzubeziehen", sagt Hecker. „Die Recherchen zum Sozialwerk werden Teil der neuen Ausstellung werden, weil man sonst das Gelände nicht versteht." Wichtige Säulen der Aufarbeitung seien ein Zeitzeugenprojekt mit DDR-Flüchtlingen und Kontakte, die bereits bestehen, weiter auszubauen. Ausschlaggebend sei die Bewilligung der Förderung, „damit es wissenschaftlich fundiert weiterlaufen kann". Anfang Oktober soll es ein großes Symposium zum Thema geben. Noch sei das aber nicht ganz in trockenen Tüchern.

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