Anna-Maria Zimmermann aus Rietberg. - © Birgit Vredenburg
Anna-Maria Zimmermann aus Rietberg. | © Birgit Vredenburg

Rietberg Anna-Maria Zimmermann: „Ich mache das solange, wie die Leute mich sehen wollen“

Vor zehn Jahren sagte Jürgen Drews zu Anna-Maria Zimmermann: "Mädchen, das Schlagergeschäft ist ein Haifischbecken. Da muss man schnell schwimmen können, um zu überleben." Genau das hat sie gemacht.

Frau Zimmermann, woher nehmen Sie Ihre Kraft? ANNA-MARIA ZIMMERMANN: Wir alle können nur so stark sein, wie wir Menschen haben, die hinter uns stehen und mit uns stark sind. Und das ist meine Familie. Sie hält mir die Stange, so dass ich voller Elan auf der Bühne stehen und alles geben kann. Sie lassen mich machen, gucken aber auf mich und wüssten zum richtigen Zeitpunkt die Notbremse zu ziehen. Ich habe also gar nicht die Chance, abzudriften und mal nicht stark zu sein. Wie lange hat es gedauert, den traumatischen Hubschrauberabsturz zu verarbeiten? ZIMMERMANN: Vier Jahre. Danach war dieses Buch für mich geschlossen. Heute denke ich gar nicht mehr daran. Zu Beginn meiner Schwangerschaft wurde ich immer wieder gefragt, wie ich die Versorgung eines Babys mit einem gelähmten Arm schaffen will. Vorher hatte ich darüber gar nicht nachgedacht. Ich bin jemand, der die Dinge auf sich zu kommen lässt. Natürlich hat es auch schwierige Situationen gegeben, aber mittlerweile ist das für mich kein Problem mehr. Es geht – ist aber doppelt so anstrengend. Nach stressigen Tagen schmerzt mein rechter Arm und ich spüre die Doppelbelastung im ganzen Körper. Gibt es im linken Arm inzwischen eine Besserung? ZIMMERMANN: Nach zwei Operationen kann ich zumindest den Oberarm wieder leicht anheben, so dass ich mal die Wäsche oder das Fläschchen unter den Arm klemmen kann. Und ich habe wieder Gefühl im Arm, allerdings ein anderes als im rechten. Die Ärzte würden mich gerne ein weiteres Mal operieren, aber ich habe keine Lust mehr auf Kranksein, auf Krankenhaus, auf Schmerzen. Deshalb schiebe ich das ein bisschen vor mir her. Hat der Hubschrauberabsturz und seine Folgen Sie als Mensch verändert? ZIMMERMANN: Ja voll. Nach dem anfänglichen Schock habe ich eine unfassbare Dankbarkeit gespürt. Inzwischen habe ich eine ganz andere Einstellung zum Leben, kann über Vieles hinweg sehen und bin in manchen Dingen viel lockerer geworden. Und ich habe durch den Unfall gelernt, mehr auf mein Bauchgefühl zu hören. Denn an diesem Tag musste ich mich wirklich dazu zwingen, in den Helikopter zu steigen. Ich habe gelernt, ein bisschen mehr auf mich zu hören und auch mal Nein zu sagen. Wie steht es um die Gleichberechtigung in der Schlagerwelt? ZIMMERMANN: Vor zehn Jahren hat Jürgen Drews zu mir gesagt: „Mädchen, das Schlagergeschäft ist ein Haifischbecken. Da muss man schnell schwimmen können, um zu überleben." Heute sage ich ihm: „Jürgen, ich hab sie alle gepackt, die Haifische". Ganz ehrlich? Es ist ein Job wie jeder andere. Ich war aber auch nie dieses angreifbare 90-60-90-Püppchen – das klassische Opfer der Männer. Ich war immer schon die Frau, von der die Männer auch am Ballermann wussten: Wenn ich der dumm komme, gibt es einen doppelt blöden Spruch zurück. Ich glaube, dass wir mittlerweile gleichberechtigt sind. Wie denken Sie über die Me-Too-Debatte ? ZIMMERMANN: Ich finde es falsch, dass Frauen jahrelang schweigen und dann plötzlich mit lange zurück liegenden sexuellen Übergriffen an die Öffentlichkeit gehen. Ich zähle nicht zu denen, die sagen: „Me too". Was ist Ihnen heute wirklich wichtig? ZIMMERMANN: Zufriedenheit. Ich finde, wir verlieren alle mittlerweile den Blick für das Wesentliche. Was mich nervt, sind Missgunst und Neid – beispielsweise darauf, dass ich so viel reise. Aber: Ich hatte allein jetzt um Karneval neun Auftritte und stehe trotzdem morgens um sieben Uhr auf. Es ist nicht immer alles Gold, was glänzt. Die Leute jammern gerne. Aber das Leben geht weiter und endet an der gleichen Stelle. Der Weg bis dahin ist der gleiche. Mit Gejammere ist er für alle Beteiligten umso anstrengender. Sie stehen seit 13 Jahren im Rampenlicht. Wo sehen Sie sich in 10 oder 20 Jahren? ZIMMERMANN: Da, wo die Leute mich sehen. Ich mache das so lange, bis ich das Gefühl habe, dass es besser ist, das Buch zu schließen und auf die tollen Momente zurück zu schauen, die ich hatte. Für die Zeit danach habe ich viele Ideen. Ich möchte mein angefangenes Kunst-Studium beenden und irgendwann ein neues Kinderalbum mit einem passenden Buch produzieren. Spannend wäre auch das Entwerfen alltagstauglicher Kinderkleidung oder als Kindermoderatorin zu arbeiten. Lehnen Sie inzwischen auch mal Auftritte ab? ZIMMERMANN: Ja, Mallorca beispielsweise habe ich etwas zurückgeschraubt. Zehn Jahre lang haben wir alles angenommen, egal wie es mir gesundheitlich ging. Inzwischen bin ich froh, wenn ich mal einen Tag frei habe. Privat bin ich partyfaul geworden. Den Luxus, auch mal einen Job abzulehnen, habe ich mir in all den Jahren hart erarbeitet. Mit 30 darf man auch mal einen Gang zurück schalten. Wie wichtig ist Ihnen Ihre Heimatstadt Rietberg? ZIMMERMANN: Hier zu wohnen, bedeutet für mich Freiheit. Hier kann ich so herrlich normal sein. Manchmal habe ich keinen Bock auf Schminke im Gesicht und ertappe mich in schmuddeligen Gartenklamotten im Elli-Markt – und es ist egal. Hier kann ich super runter kommen.

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