Bekannte Adresse: Das Deutsche Haus zählt zu den ältesten und bekanntesten Gebäuden in Marienfeld. Seit Sommer des vergangenen Jahres stand das ehemalige Hotel und Restaurant leer. - © Robert Becker
Bekannte Adresse: Das Deutsche Haus zählt zu den ältesten und bekanntesten Gebäuden in Marienfeld. Seit Sommer des vergangenen Jahres stand das ehemalige Hotel und Restaurant leer. | © Robert Becker

Marienfeld Stadt mietet Hotel für Flüchtlinge

Bis zu 30 Menschen könnten dort in den nächsten Wochen ein Quartier finden

Robert Becker

Marienfeld. Die Flüchtlingswelle hat das Klosterdorf Marienfeld erreicht: Am Montag zogen erste Bewohner in das Deutsche Haus ein. Bis zu 30 Flüchtlinge könnten in dem Hotel Platz finden, sagt Andreas Kleine, Geschäftsführer des benachbarten Modegeschäfts Bruno Kleine, gestern auf Anfrage der NW. Das Deutsche Haus, 1789 erbaut, hatte Kleines Vater Bruno 1974 erworben. Zunächst war dort in den 70er Jahren ein französisches Restaurant eingezogen ("Le coq d'or"). 1999 wurde es umfangreich saniert und zu einem Hotel umgebaut. Seit Juli 2014 stand die Immobilie leer.

Jetzt ist wieder Leben eingekehrt in das Deutsche Haus, das zu den ältesten und bekanntesten Häusern des Dorfes zählt. Vor wenigen Tagen war das Hotel für den neuen Zweck erneut umgebaut worden. Aus der Küche wurden der Gasherd entfernt und drei Elektroherde eingebaut, Kühlschränke installiert und Trennwände gezogen. Umbaumaßnahmen waren auch wegen der gestiegenen Anforderungen an den Brandschutz erforderlich geworden. Der Saal soll ab sofort als Lagerraum dienen. Die Baumaßnahmen dauerten etwas mehr als eine Woche, sagt Kleine.

Die Besitzerfamilie hat das komplette Hotel an die Stadt vermietet. Über die Miethöhe mochte Andreas Kleine keine Angaben machen. Er sagt nur soviel: "Wir müssen alle helfen." Für die Umbaukosten hatte die Familie bereits in den Geldbeutel gegriffen. Wie lange das Hotel an die Stadt vermietet wird, dazu gebe es keine zeitliche Beschränkung, sagt Kleine. "Keiner weiß, wie lange das alles dauert", so der Modeunternehmer über die derzeitige Situation.

Dass die Kleines ihr Hotel zur Verfügung stellen würden, hätten sie bereits familienintern vorbesprochen gehabt, berichtet Kleine. Fast zeitgleich sei dann der Anruf von Bürgermeisterin Sabine Amsbeck-Dopheide bei Kleines Bruder Niklas, ebenfalls Geschäftsführer im Modehaus, eingegangen. Das war Mitte September, als der Flüchtlingsansturm gerade seinen ersten Höhepunkt erreichte. Die Kleines mussten nicht lange überlegen. "Wir stehen vollkommen dahinter", so Andreas Kleine.

Familien ziehen ein

Die Befürchtung, dass die Bausubstanz des Hauses vielleicht leiden könne durch die große Beanspruchung, mochte Andreas Kleine gleichwohl nicht pauschal vom Tisch wischen. "Wir müssen sehen, was passiert". Er wolle die Situation erst einmal abwarten und beobachten. Dass mehrere Familien einziehen werden, findet Andreas Kleine gut. Drei Familien sind am Montag eingetroffen. Man habe diesen Wunsch geäußert, aber auf die Entscheidung hinsichtlich der Bewohner letztlich keinen Einfluss gehabt, sagt er.

Der Unternehmer hofft auf ein gutes Miteinander der neuen Bewohner. "Integrationsgeschwindigkeit hängt mit Verstehen zusammen", sagt er dazu. In seinem Modehaus hat Kleine mit Flüchtlingen gute Erfahrungen gemacht. Mehrere Bosnier - in den 90er Jahren nach Deutschland gekommen - hätten in den 14 Modehäusern eine Arbeitsstelle gefunden, berichtet Kleine.

Ob er das Hotel künftig (wieder) verpachten wird, vermag Andreas Kleine momentan nicht zu sagen. Der letzte Betreiber hatte nach sieben Jahren Betrieb im Mai 2014 Insolvenz angemeldet und zum 13. Juli den Schlüssel umgedreht (die NW berichtete). Gastronomie sei eben ein schwieriges Geschäft und zumeist nur dann erfolgreich, wenn der Betreiber selbst mit einsteige, sagt Kleine.

Information
Erst Bäckerei, dann Lazarett



  • 1789 wird das Deutsche Haus erbaut. Die Marienfelder Familie Düllo betreibt dort eine Bäckerei, ein Kolonialwarengeschäft sowie die Post.
  • 1900 erfolgen der Türmchen-Anbau und der Bau des „Afrika-Saals“.
  • 1938 entsteht der angrenzende Flughafen. Gegen Kriegsende dient das Haus als Lazarett und Wohnheim für Amerikaner.
  • 1974 erwirbt Bruno Kleine nach langem Leerstand die Immobilie. Im „Afrika-Saal“ eröffnet er sein erstes Modegeschäft. Später wird das Haus als Restaurant verpachtet.
  • 1999 erfolgt die Wiedereröffnung als Hotel mit neuen Gästezimmern.

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