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Soll Woldemar-Winkler-Straße heißen: Die nach dem Kommunistenführer benannte Erst-Thälmann-Straße. - © Norbert Millauer
Soll Woldemar-Winkler-Straße heißen: Die nach dem Kommunistenführer benannte Erst-Thälmann-Straße. | © Norbert Millauer

Gütersloh Unterstützung aus Gütersloh? AfD beantragt Woldemar-Winkler-Straße in Heidenau

Die rechtspopulistische Partei hat dafür gesorgt, dass die Ernst-Thälmann-Straße umbenannt wird. Dagegen gibt's Widerstand im Geburtsort des Künstlers. Und Verwunderung in Gütersloh.

Matthias Gans
10.11.2019 | Stand 10.11.2019, 11:38 Uhr

Gütersloh/Heidenau. Künstler zu ehren, indem man eine Straße nach ihnen benennt, ist gängige Praxis. Im sächsischen Heidenau löst eine Entscheidung des Rats, eine Straße nach einem bedeutenden Sohn der 17.000-Einwohnerstadt zu benennen, große Proteste aus. Ab dem 1. Januar könnte die Ernst-Thälmann-Straße dann in Woldemar-Winkler-Straße umbenannt werden. Pikant: Der Antrag kam von der AfD-Fraktion. Und die hatte in ihrer Begründung auch Unterstützung aus Gütersloh angeführt - zu Unrecht, wie eine NW-Nachfrage zeigt. Die rechtspopulistische Partei begründete ihren Antrag damit, dass das künstlerische Lebenswerk von Woldemar Winkler „eine sehr gute thematische Grundlage zur Belebung einer unserer schönsten Straßen Heidenaus und somit der gesamten Innenstadt" böte. Und weiter: „Heidenau würde eine bis jetzt ungenutzte ,Ressource' in vorm einer Sehenswürdigkeit sichtbar machen", formuliert die Fraktion in nicht ganz astreinem Deutsch in ihrem Antrag. Woldemar Winkler kam 1902 im Heidenauer Stadtteil Mügeln, südöstlich von Dresden, zur Welt und hatte hier seine Jugend verbracht. Nachdem sein Dresdner Atelier im Krieg zerstört worden war, zog er mit seiner Frau nach Gütersloh, wo er 2004 im Alter von 102 Jahren starb. Einen solchen Ortsbezug, so argumentiert die AfD, gebe es Falle von Ernst Thälmann. Dem Vorsitzenden der Deutschen Kommunistischen Partei von 1925 bis 1933, der 1944 von den Nazis im KZ Buchenwald umgebracht wurde, wirft die rechtspopulistische Partei vor, "antidemokratische Überzeugungen" gehabt zu haben. Außerdem sei er Mitorganisator des „Hamburger Aufstands" im Jahr 1923 mit mindestens 100 Todesopfern gewesen. AfD hat in Heidenau die meisten Stimmen erhalten Das überzeugte die Mehrheit im Heidenauer Stadtrat. Am 24. Oktober stimmten gegen die sechs Stimmen des Lünksbündnisses nicht nur die fünfköpfige AfD-Fraktion, sondern auch die beiden FDP-Mitglieder und der Vertreter der Bürgerinitiative Oberes Elbtal für den Antrag. Da sich drei Mitglieder der CDU-Fraktion enthielten und drei dagegen stimmten, kam der Antrag dank bürgerlicher Unterstützung durch. Die AfD hatte in Heidenau bei der letzten Kommunalwahl mit 29,5 Prozent die meisten Stimmen erhalten, kann aber wegen fehlender Mitglieder nur fünf der sieben ihr zustehenden Sitze besetzen. Bei vielen Heidenauern kommt die Entscheidung für die Straßenumbenennung nicht gut an. Und das liegt weniger an der Person Woldemark Winklers, als vielmehr an dem bürokratischen Aufwand, der mit der Adressänderung den rund 450 Anwohnern, 63 Gewerbetreibenden sowie der Goethe-Oberschule bevorstehen. „Das wird uns die AfD nicht zahlen", wird eine Apothekerin in der Sächsischen Zeitung zitiert. „Keiner hat was gegen Woldemar Winkler", schätzt Redakteurin Heike Sabel die allgemeine Stimmung ein, „auch wenn der Künstler hier relativ unbekannt ist". Doch viele Bürger Heidenaus identifizieren sich auch mit dem Straßennamen. Daher hat eine Bürgerin eine Petition für die Rücknahme der Straßenumbenennung gestartet, die von fast 350 Heidenauer Bürgern unterstützt wird, rechtlich aber laut Heike Sabels Recherchen nicht bindend sei. Zeitgleich wird daher in Heidenau an der Vorbereitung eines Bürgerentscheids gearbeitet. Ob die Straße also zum 1. Januar 2020 umbenannt wird, ist noch nicht entschieden. Besteht Kontakt zur Woldemar-Winkler-Stiftung in Gütersloh? Eine Irritation hat der AfD-Antrag in Gütersloh ausgelöst. Der Heidenauer AfD-Fraktionsvorsitzende Daniel Barthel hatte nämlich angeregt, dass die Stadt Heidenau den Kontakt zur Woldemar-Winkler-Stiftung in Gütersloh suchen solle. Eine Zusammenarbeit „wäre für beide Seiten ein Gewinn". In einer E-Mail vom 24. Juli 2019 habe sich der Vorstand der Stiftung „in Person von Herrn Klingsieck und Herrn Kniesel sehr erfreut über den geplanten Sachantrag der Fraktion" gezeigt und zugesichert, „geeignete Kommunikationsmaßnahmen zu ergreifen und gemeinsam mit der Stadt Heidenau zu prüfen in wie weit man die Umbenennung und thematische Gestaltung der zukünftigen Woldemar-Winkler-Straße unterstützen kann". Ulrich Kniesel, Vorstandsmitglied der Stiftung, die seit 1994 das Lebenswerk Winklers pflegt, zeigte sich auf NW-Anfrage von der AfD-Formulierung überrascht. „Wir haben zwar mitgeteilt, dass die Stiftung eine Straßenbennung nach Woldemar Winkler begrüßen würde", so Kniesel, aber man habe keinerlei Zusagen einer Unterstützung irgendwelcher Art gemacht. Im Gegenteil: „Wir haben in unserer Antwort herausgestellt, dass aufgrund unserer sehr beschränkten personellen und finanziellen Ressourcen der Fokus unserer Aktivitäten auf regionaler Ebene liegt." In Aussicht gestellt worden sei lediglich, „die Straßenumbenennung im Raum Gütersloh bei passender Gelegenheit zu kommunizieren". Und dass der Antrag von der AfD kam? "Die Stiftung ist politisch neutral. Christoph Winkler betrachtet die Entwicklungen in der Geburtsstadt seines Vaters eher distanziert. Zwar findet er es "grundsätzlich gut", wenn eine Straße in Heidenau nach seinem Vater benannt werde. Heidenaus Bürgermeister Jürgen Opitz (CDU) habe ihm aber im Telefongespräch erklärt, dass die Umbenennung "noch nicht durch" sei, weil es Widerstand im Ort gebe. Er habe Opitz angeboten, eine Ausstellung mit den Werken seines Vaters in Heidenau auszurichten. Eine solche habe es schon vor rund 15 Jahren dort gegeben. "Aber eigentlich ist mein Vater in Heidenau nicht bekannt. Ich wundere mich schon sehr, wie die AfD auf ihn gekommen ist. Die wollten wohl eher den Thälmann loswerden", vermutet Christoph Winkler.

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