Vor drei Jahren ist Abdul Kerim Ali aus Syrien nach Deutschland geflohen. Vor etwas mehr als einem Jahr ist er in eines der Schwedenhäuser eingezogen. Seine Frau und drei der Kinder durften nachkommen. Er findet keine Arbeit und keine feste Wohnung. - © Andreas Frücht
Vor drei Jahren ist Abdul Kerim Ali aus Syrien nach Deutschland geflohen. Vor etwas mehr als einem Jahr ist er in eines der Schwedenhäuser eingezogen. Seine Frau und drei der Kinder durften nachkommen. Er findet keine Arbeit und keine feste Wohnung. | © Andreas Frücht

Gütersloh Beispiel Niehorst: Wenn Flüchtlinge und Einheimische zusammenleben

2016 sind die ersten Geflüchteten im kleinen Örtchen Niehorst in Gütersloh eingezogen. Viele Anwohner reagierten mit Protest. Wie sieht es heute aus?

Gütersloh. „Hallo" - ein kleines Mädchen in roter Jacke läuft an der Spaziergängerin vorbei und grüßt. Zwei Jungs fahren mit ihren Dreirädern ein Rennen. Niehorst, der drittkleinste Ortsteil von Gütersloh, wirkt idyllisch. Von dem heftigen Streit, den es hier vor knapp drei Jahren gab, merkt man zumindest im Vorbeigehen kaum etwas. Was bisher geschah Als Ende 2015 bekannt wurde, dass am Ellernhagen in Niehorst Flüchtlinge untergebracht werden und dafür Holzhäuser gebaut werden sollen, war der Aufschrei groß. Wohnraum für 350 Flüchtlinge sollte in ganz Gütersloh entstehen und eben auch in dem 600-Seelen-Örtchen. Trotz der Beschwerde von 54 Familien und einer Klage gegen die Baugenehmigung der Holzhäuser, zogen im September 2016 die ersten geflüchteten Menschen ein – nur Familien und nicht mehr als 60 Personen, in diesen Punkten hatten sich die Anwohner durchgesetzt. Kurz vor dem Einzug wurde noch der Bebauungsplan geändert, damit die Holzhäuser längerfristig stehen bleiben dürfen. Aus eine Gemischtfläche Wohnen und Gewerbe, auf der die Holzhäuser nur drei Jahre hätten stehen bleiben dürfen, wurde ein reines Wohngebiet. Die Bertelsmann-Stiftung hat die Entwicklung vor Ort von Anfang an begleitet und 2016 einen Nachbarschaftdialog geleitet, der von der Stadt angesetzt wurde, um die Situation zu befrieden und die Anwohner einzubeziehen. Jetzt haben sie den Verlauf der Integration der Geflüchteten ausgewertet. Im Mai bringen sie ihre Publikation "Ankommen im neuen Zuhause. Flüchtlingsintegration als Chance für weltoffene Kommunen” heraus, in der sie auch auf 22 weitere Kommunen in ganz Deutschland eingehen. „Zwei Jahre später sind die Schwedenhäuser in Niehorst Teil der Normalität. Die Kinder der Geflüchteten gehen in dieselbe Schule wie die Kinder der Einheimischen, spielen in ihrer Freizeit miteinander Fußball. Die Erwachsenen besuchen Sprachkurse, es gibt Hilfegruppen der deutschen Nachbar*innen für Alltag und Ämter", wirft die Publikation einen Blick auf die Gegenwart und bietet damit einen Anlass, sich den Alltag vor Ort noch einmal anzusehen. Niehorst 2019 Fast fährt man an Niehorst vorbei. Die grün-gelbe Ortshinweistafel hat das Auto auf freier Strecke weniger Minuten zuvor passiert. Die bunten Schwedenhäuser am Ortsende sind aber von der Brockhagener Straße aus gut zu sehen. Die Beteiligten: Der Flüchtling Abdul Kerim Ali Die drei Wohnhäuser, die in gelb, rot und blau gestrichen wurden, werden durch das blaue Gemeinschaftshaus etwas von den übrigen Anwohnern abgetrennt. Davor sitzt ein Mann in brauner Jacke. Er hat ein Handy in der Hand und beobachtet die Straße. Auch er grüßt freundlich. Der Mann ist Abdul Kerim Ali – einer von 842 Flüchtlingen, die aktuell in städtischen Flüchtlingsunterkünften in Gütersloh leben. Angesprochen darauf, wie das Zusammenleben mit den deutschen Nachbarn funktioniert, sagt er, dass zwischen ihnen kaum Kontakt bestehe. Vor drei Jahren floh der heute 42-Jährige mit seinem ältesten Sohn Hosan aus Syrien nach Deutschland. Seit etwas mehr als einem Jahr leben sie in einem der Schwedenhäuser. Zwei weitere Kinder und die Mutter sind nachgekommen. Seine älteste Tochter ist noch im Irak, über den auch der Rest der Familie geflohen ist. „Sie ruft an und weint", lässt Ali Hosan ins Deutsche übersetzen. Im Haus habe er keinen Empfang, deswegen laufe er immer im Ort herum. Generell ist er mit seiner Situation unzufrieden. Er friere in dem deutschen Klima und das Haus sei zu klein für fünf Personen. Außerdem finde er weder eine größere Wohnung noch eine Arbeit. Das rote Haus, das er bewohnt, ist wie auch die anderen sieben Einheiten 63 Quadratmeter groß. Über eine Veranda, über der ein roter Teppich auslüftet, gelangt man durch die Haustür direkt in eine kleine Küche mit einer Küchenzeile, einer Waschmaschine, einem Trockner und einem silbernen Metallregal. Hinter einer Trennwand ist auf der anderen Seite des Raumes ein Wohnraum. Der ist mit zwei blauen Sofas, einem Sessel und einer Matratze gut gefüllt. Die weißen Türen, die davon abgehen, führen in vier Schlafräume und ein Bad. Viel Platz ist wahrlich nicht. Die Sozialarbeiterin Eminde Demir Wie alle anderen Familien kann auch Alis in das Gemeinschaftshaus. Jeden Mittwoch steht ihnen dort bei Fragen die Sozialarbeiterin Emine Demir zur Verfügung. Auch sie wünscht sich, dass die Flüchtlinge schneller eine richtige Unterkunft finden. Die 26-Jährige spricht deutsch, kurdisch und türkisch. „Das klappt aber auch schon auf Deutsch", sagt sie. Die meisten der Flüchtlinge besuchen inzwischen Sprachkurse. Es gebe auch einen Kreis ehrenamtlicher Helfer, die einmal in der Woche mit den Bewohnern der Schwedenhäuser Deutsch lernen würden. „Das Engagement ist hier besonders ausgeprägt", lobt Andreas Reinhold, Leiter des Bereichs Familie und Soziales bei der Stadt Gütersloh. „Pro Bewohner gibt es hier die meisten Ehrenamtlichen." Ihre Arbeit sehen sie als Begleitung, sowohl der Flüchtlinge, als auch der Ehrenamtlichen. „Die Anliegen der Bewohner sind unsere Arbeit", so Demir. Die beiden verstehen, dass viele der Bewohner trotz Heizung frieren. „Das würde uns in Schweden auch so gehen", so Reinhold. Die Flüchtlinge kämen immerhin aus dem Iran, Irak und Syrien. „Bis auf eine Wohnung sind alle belegt", fasst Demir zusammen. Nur zwei der Familien seien seit dem Erstbezug 2016 in Niehorst. Beide fänden keine Wohnung in Gütersloh. Ohne Sprachkenntnisse und Arbeit sei das aber auch schwer. Zudem sei eine der Familien noch nicht anerkannt. Dafür habe man inzwischen eine Lösung für das Problem mit dem Netz gefunden. Zumindest besseres Internet gebe es jetzt durch Surfsticks. „Wenn die Umstände überall so wären wir hier, wäre das toll", fasst Reinhold zusammen. Der Anwohner Marco Juntorius Man habe sich inzwischen aneinander gewöhnt, bestätigt auch Anwohner Marco Juntorius. Er gehört zu der Gruppe der Initiative „Bürger von Niehorst", die im März 2016 einen offenen Brief an Politik und Verwaltung geschrieben hat. Mit seiner Familie hat er 2005 in Niehorst ein Haus gebaut. Die Gruppe kritisierte die fehlende Infrastruktur, das unzureichend ausgebaute Handynetz und drückte ihre Angst vor einer „Ghettoisierung und Überlastung der direkt angrenzenden Wohnsiedlung" aus. Sie forderten daher, dass nur Familien nach Niehorst ziehen, dass sie einen Ansprechpartner in der Stadtverwaltung haben, ein Lärmschutz zur Brockhagener Straße gebaut wird und ein Markt eröffnet. Die ersten zwei Punkte wurden umgesetzt. Die Lärmschutzwand um das 1,2 Hektar große Baugebiet, das zu etwa einem Viertel mit den Schwedenhäusern bebaut ist, ist gerade in der Planung. Die freie Fläche soll jetzt auch bebaut werden. Wie viele Häuser entstehen, ist aber noch nicht genau beziffert. Den Supermarkt wünscht sich Juntorius noch immer. Die nächste Einkaufsmöglichkeit ist im drei Kilometer entfernten Blankenhagen, der Kindergarten auch. Auch einen Glasfaseranschluss hätte er in Zukunft gerne für seinen Ort. Er sehe die Situation nicht mehr so kritisch wie noch 2016. Immerhin habe es kaum Vorfälle gegeben. Mit den ersten Familien habe man sich öfter getroffen. Er selbst habe mit einem Mann Deutsch gelernt, seine Familie habe sich öfter auf einen Tee mit zwei Familien getroffen, die zuerst eingezogen sein. „Der Enthusiasmus ist inzwischen aber abgeebbt", so Juntorius. Man grüße sich nur noch.

realisiert durch evolver group