Ab 2020 lässt Miele auch in Polen fertigen. - © Raimund Vornbäumen
Ab 2020 lässt Miele auch in Polen fertigen. | © Raimund Vornbäumen

Gütersloh/Bielefeld Verunsicherung bei Miele-Mitarbeitern: Wie geht's in Bielefeld und Gütersloh weiter?

Gewerkschaft und Betriebsrat fordern langfristige Vereinbarungen für die heimischen Werke - für derlei Garantien würden die Beschäftigten auch Einbußen in Kauf nehmen

Gütersloh/Bielefeld. Die IG Metall und der Betriebsrat streben bei Miele Vereinbarungen zur langfristigen Ausrichtung der Standorte an. Einen solchen Standortsicherungstarifvertrag halten sie speziell für das Gütersloher, aber auch für das Bielefelder Werk für geboten. Die Geschäftsleitung des Unternehmens habe sich grundsätzlich bereit erklärt, in solche Gespräche einzutreten. Die Verträge sollen langfristig regeln, was in welchen Werken und in welchem Umfang produziert wird. Die Arbeitnehmerseite versteht sie als Antwort auf die zunehmende Verlagerung der Fertigung ins Ausland. Für die Beschäftigten in Gütersloh und Bielefeld könnte das auf Arbeitsplatzgarantien, aber auch auf Einkommenseinbußen hinauslaufen. Einsparungen zur Sicherung der Zukunft Miele betonte, natürlich stehe weder der Standort Gütersloh noch Bielefeld noch andere deutsche Standorte in Frage. Der Begriff „Standortsicherungstarifvertrag" sei daher missverständlich. Bislang bekannt ist, dass Miele Einsparungen von „deutlich mehr als 100 Millionen Euro" pro Jahr anstrebt und so die Zukunftsfähigkeit aller Standorte im In- und Ausland sichern will. Der Konzern hat sich dafür die Unternehmensberater von McKinsey ins Haus geholt. Sie sollen dieses Jahr Ergebnisse vorlegen. „Es wird letztlich um die Frage gehen, zu welchem Preis wir solche Standortgarantien bekommen", sagte Thomas Wamsler, Geschäftsführer und designierter Erster Bevollmächtigter der IG Metall. Angesichts der bevorstehenden Eröffnung eines neuen Werkes Anfang 2020 in Polen und der aktuellen Erweiterung des Werkes in Tschechien halte er ein Konzept zur Beschäftigungs- und Standortsicherung für die heimischen Werke für überfällig. Verunsicherung bei Miele-Beschäftigten „Die Verunsicherung bei den Miele-Beschäftigten ist spürbar. Sie brauchen klare Aussagen darüber, auf welche Produktion sie sich in den kommenden Jahren in ihren heimischen Werken verlassen dürfen." Der Gütersloher Betriebsrat Klaus Niebusch sagte, ein Standortsicherungstarifvertrag mit Einbußen sei aus Sicht der Belegschaft allemal besser als irgendwann ein Sozialplan und Interessenausgleich mit gravierenden Einschnitten. Auch Gesamtbetriebsrat Andreas Bernstein plädierte dafür: Die Verträge sollten eine Laufzeit von mindestens drei Jahren plus Verlängerungsoption haben, ferner sollten sie Vereinbarungen über fortlaufende Qualifizierungen enthalten. An Zugeständnissen seitens der Mitarbeiter sei etwa eine Flexibilisierung von Arbeitszeiten denkbar, das Streichen von Prämien oder eine Neuregelung der Bandpausen. „Verglichen mit den Beschäftigten bei den Mitbewerbern geht es uns bei Miele relativ gut", sagte Bernstein. „Vielleicht sollten wir uns an den Gedanken gewöhnen, dass wir uns von einigen dieser Dinge verabschieden müssen." Stellenabbau in Gütersloh Waschmaschinen: In Gütersloh wird die Eröffnung des Waschmaschinen-Werkes im polnischen Ksawerow (nahe Lodz) nächstes Jahr bisherigen Aussagen zufolge zum Verlust von 500 Stellen bis 2025 führen. Unternehmenssprecher Carsten Prudent sagte, Werkleitung und Betriebsrat führten derzeit intensive Gespräche über Personalbedarf, Altersstruktur und Produktionsprozesse. Naturgemäß würden dazu auch Optionen zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit und Kostensituation erörtert. „Zu welchen Übereinkünften es hierbei kommen kann, ist noch nicht absehbar." Betriebsrat und Gewerkschaft befürchten sogar noch höheren Abbau. Erste Sondierungen habe es auch mit der IG Metall gegeben. Der Werkleiter Arnt Vienenkötter arbeite mit seinem Team daran, „die notwendigen Kapazitätsanpassungen im Gerätewerk zu erreichen, ohne dass hierfür betriebsbedingt gekündigt werden muss". Die Weiterentwicklung des Gerätewerkes und der Wäschepflegesparte werde inhaltlich durch die Unternehmensberatung Staufen begleitet, es sei kein Schwerpunktthema von McKinsey. Weniger Arbeiter in Bielefeld benötigt Geschirrspüler: Im tschechischen Unicov ist die zweite Montagelinie für Geschirrspüler installiert, die Produktion fährt laut Prudent gerade hoch. Das hat Folgen für Bielefeld: „Nach derzeitigen Berechnungen werden etwa 180 Beschäftigte weniger benötigt als heute." Die Stellen würden durch Renteneintritte, Fluktuation, weniger Leiharbeit und auslaufende Befristungen abgebaut. Betriebsbedingte Kündigungen seien nicht geplant. Aktuell seien in Bielefeld 800 Beschäftigte (Teilzeitkräfte anteilig gezählt) in der Geschirrspülerproduktion tätig. Die Produktion von Geschirrspülern zähle mit fast 40 Prozent mehr verkauften Geräten binnen drei Jahren zu den „herausragenden Erfolgsstorys der jüngsten Zeit", so Miele. Auch für die nächsten Jahre würden höhere Stückzahlen erwartet. Um der Nachfrage gerecht zu werden, liegt laut Gesamtbetriebsrat Bernstein für das Bielefelder Werk ein Antrag auf Ausweitung der Samstagarbeit vor. Auf der anderen Seite sei davon auszugehen, dass mit dem Ausbau von Unicov nach und nach ein Teil der Produktion verlegt werde. Dazu zählt auch die Spülraum-Vorfertigung, die in Tschechien voraussichtlich Mitte des Jahres in Betrieb gehen werde. Staubsauger: Die Rückgänge beim Verkauf von Staubsaugern sind gravierend. Laut Firmensprecher Prudent betrugen sie im vergangenen Jahr acht Prozent; das habe vorläufig zum Abbau von 86 Stellen geführt. Die Mitarbeiter seien in die Geschirrspülerfertigung gewechselt, und die Leiharbeit sei reduziert worden. Die Talsohle sei inzwischen aber durchschritten. Miele leidet vor allem unter der rasant gestiegenen Nachfrage nach Akku-Staubsaugern – ein Produkt, mit dem der Konkurrent Dyson Erfolg hat, aber auch Firmen wie Rowenta und Philips. Prudent kündigte an, dass auch Miele demnächst „ein überzeugendes Produkt mit gutem Marktpotenzial" anbieten werde. Betriebsrat Bernstein hält der Geschäftsleitung entgegen, dass sie einen Markttrend verschlafen habe. Er gehe davon aus, dass der Akku-Staubsauger, wie bisher alle Produktneuerungen, zunächst, aber vielleicht auch dauerhaft in Bielefeld und nicht etwa im Werk in China gefertigt werde.

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