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GT (FF/imü): Smartphone stört Eltern-Kind-Beziehung - © Andreas Frücht
GT (FF/imü): Smartphone stört Eltern-Kind-Beziehung | © Andreas Frücht

Gütersloh Beschäftigung der Eltern mit dem Smartphone kann schlecht für's Kind sein

Daddeln ist schlecht fürs Kind

Ingo Müntz
17.07.2018 | Stand 16.07.2018, 20:08 Uhr

Gütersloh. Mama hält das Mobiltelefon wie ein Knäckebrot vor das Gesicht und spricht, das Kind schaukelt auf dem Spielplatz. Papa guckt "mal eben" Sportergebnisse, Kind knabbert am Zuckerlolli auf dem Marktplatz. Verhaltensweisen, die in der Summe das Verhältnis von Eltern und Kind massiv beeinflussen können. Allerdings nicht positiv. Der Gütersloher Sucht- und Bezugstherapeut Christian Groß sagt: "Eine hohe Mediennutzung kann zwischen Eltern und Kind starke Beziehungsstörungen auslösen." US-amerikanische Studien haben sogar einen direkten Zusammenhang feststellen können. Doch der Experte der Bernhard-Salzmann-Klinik bremst ab. "Die aktuelle Forschungslage reicht nicht aus, um so eine direkte Korrelation herzuleiten." Zunächst ein paar Zahlen: Drei bis fünf Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung nutzen exzessiv Medien wie Tablets, Handys, Computer oder Fernseher. Das sind gut vier Millionen Menschen. Bei den Jugendlichen sind es sogar zehn Prozent, sagt der Suchtexperte Christian Groß. Wie sieht das in der Praxis aus? "Mama sitzt auf der Couch, das Kind fordert Aufmerksamkeit und macht auf sich aufmerksam. Wenn die Mama einmal sagt 'Spiel alleine und lass mich mal in Ruhe' interpretiert das Kind das einfach als 'Die Mama ist genervt'", sagt Groß. Passiere das mehrfach, könne das Kind schlussfolgern, es sei nicht wichtig. "Auf der emotionalen Ebene bildet das Kind die Überzeugung, es gibt Dinge, die wichtiger sind, zum Beispiel das Smartphone." Das könne insbesondere dann zu gravierenden Störungen führen, wenn das Kind verstehe, dass das Smartphone in vielen Situationen lediglich eine Daddelkiste ist. Verhaltensauffälligkeiten können die Folge sein. Experten beschreiben in einem Fachartikel, missachtete Kinder seien eher hyperaktiv, frustriert oder hätten Wutausbrüche. Die Forscher berichten, ein negativer Kreislauf entstehe: Viele Eltern reagieren auf die vermeintlich anstrengenden Kinder mit noch mehr Medienkonsum. Eine Sucht, die Probleme verdrängen soll. Während junge Menschen (12 bis 18 Jahre) ihre Smartphones täglich zwischen sechs bis neun Stunden nutzen, sind auch Erwachsene bis zu sechs Stunden online oder im Spielmodus. Mit Blick auf die gemeinsame Zukunft sagt Groß: "Freunde anzurufen, ist halt deutlich anstrengender" "Eltern leben ihren Kindern ein Modell vor. Die Eltern sollten sich fragen, wie die Kinder diese Situation erleben. Im schlimmsten Fall suchen auch Kinder sich schließlich ein Suchtmittel, um wiederum ihre Probleme zu verdrängen." Ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang sei die Langeweile, die beim Kind während der Daddelei entsteht. Christian Groß steht grundsätzlich auf dem Standpunkt, dass Kinder Langeweile aushalten müssen. In dieser speziellen Situation aber machen es die Kinder ihren Eltern nach und suchen "den leichtesten Weg zur Beschäftigung". Und das ist zum Beispiel das Tablet auf dem Tisch. Später komme dann das soziale Netzwerk hinzu. "Freunde anzurufen ist halt deutlich anstrengender, als ihnen mal eben über das Netzwerk zu schreiben. Darum sollten Eltern vorleben, dass reale Kontakte erstrebenswerter sind", sagt der Therapeut. "Dagegen sehe ich es als unproblematisch, wenn Papa und Kind gemeinsam am Tablet sitzen und spielen. Dann sollte aber nach einer gewissen Zeit Schluss damit sein und etwas anderes gemacht werden." Fast im Nebensatz geht Christian Groß auf exzessives Verhalten generell ein. "Auch bei übermäßig viel Arbeit oder Sport kann bei dem Kind der Eindruck entstehen , das sei alles wichtiger. Das passiert immer dann, wenn Eltern ihre eigenen Bedürfnisse ohne Rücksicht auf das Kind ausleben." Doch was tun, wenn die Daddelei überhand genommen hat? "Wenn Sie eine Verhaltensveränderung planen - kommunizieren Sie das ihrer Umgebung", hilft Groß den Einsichtigen auf die Sprünge. Sollte das Kind nach einer Phase der exzessiven Mediennutzung plötzlich einer exzessiven Zuwendung ausgesetzt sein, "weiß das Kind gar nicht, was los ist. Überwinden Sie die eigene Scham und erklären Sie die Verhaltensänderung. Kinder verstehen mehr, als wir oftmals glauben." Eine erklärende Entschuldigung ist positiv. "Beim Kind bewirkt das Wertschätzung, positive Gefühle und Verständnis." Und sollte es sich doch nicht vermeiden lassen, eine Mail zu schreiben oder ein Fußballergebnis abzurufen: "Sagen Sie es dem Kind: ,Ich bin fünf Minuten am Schreibtisch, bin sofort wieder bei dir.? Dann kann sich das Kind darauf einstellen und muss sich beschäftigen." Und einfach das Smartphone heimlich, hinter dem Rücken? Groß winkt ab. "Wie gesagt - Kinder verstehen mehr, als wir glauben."

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