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Teufelsding: Anna Karsubke und Christian Groß warnen vor der Verteufelung des Smartphones. Das sei zu einfach, so die Suchtexperten. Das Gerät ist eher das Symptom, die eigentlichen Ursachen für übermäßigen Gebrauch sitzen tiefer. - © Andreas Frücht
Teufelsding: Anna Karsubke und Christian Groß warnen vor der Verteufelung des Smartphones. Das sei zu einfach, so die Suchtexperten. Das Gerät ist eher das Symptom, die eigentlichen Ursachen für übermäßigen Gebrauch sitzen tiefer. | © Andreas Frücht

Gütersloh Kinder gleiten in die Internetsucht

Das Smartphone ist kaum kontrollierbar, wenn es einen Internetzugang hat. Eltern haben zurecht Angst vor der Abhängigkeit ihrer Kinder

Ingo Müntz
23.02.2018 | Stand 23.02.2018, 12:49 Uhr

Gütersloh. Schnell ist ein Urteil über Kinder und Jugendliche gefällt, wenn sie augenscheinlich auf ihrem Smartphone herumdaddeln und vermeintlich ihre Zeit sinnlos vertun. In Teil 1 und 2 dieser Serie konnten wir mit der Jugendschutzbeauftragten der Stadt Gütersloh, Anna Karsubke, herausfinden, dass da doch mehr hinter steckt. Häufig verfügen die jungen Menschen über deutlich mehr Medienkompetenz als gedacht, außerdem hat sich das Smartphone zu einem fast notwendigen Organisations- und Kommunikationstool entwickelt. Doch es ist nicht von der Hand zu weisen. Der ständige Zugang zum Internet verursacht auch Abhängigkeiten. Im Gespräch mit Anna Karsubke und Christian Groß nun der Versuch, Verständnis für diese Abhängigkeiten zu entwickeln. Groß ist Suchttherapeut in der Bernhard-Salzmann-Klinik und arbeitet dort mit medienabhängigen Patienten. "Eine Suchtdiagnose ist erst ab dem 18. Lebensjahr möglich", sagt Groß. Bei Kindern und Jugendlichen sprechen die Experten von suchtartigem Verhalten. "Denn bei jungen Menschen kann es sich um Phasen handeln, die sich wieder ausschleichen." Damit meint er, dass sich junge Menschen gerne extrem für die eine Sache begeistern können, die aber bereits nach kurzer Zeit nicht mehr wirklich cool ist. Doch wann kann bei Minderjährigen von Sucht die Rede sein? "Sucht manifestiert sich über einen gewissen Zeitraum. Das erste Indiz ist, dass der Betroffene sein Verhalten nicht mehr steuern kann. Wenn der junge Mensch nicht mehr nur eine halbe Stunde, sondern acht Stunden in seinem Computerspiel verbringt, wenn die virtuelle Welt ein großer Bestandteil seiner Lebensrealität wird. Angenommen die virtuelle Welt fällt weg und es ergibt sich für den Betroffenen ein Loch, das er nicht mehr mit alternativen Tätigkeiten füllen kann." Doch was treibt einen jungen Menschen in die virtuelle Welt? Am Beispiel eines 13-jährigen fiktiven Charakters: Die Medienwelt wird sein Lebensmittelpunkt und in seinem Spiel schafft er sich eine "Insel der Anerkennung", wie Groß sie nennt. Anerkennung in der Leistungsgesellschaft ist also ein zentraler Begriff. "Grundsätzlich geht einer Sucht immer eine multiple Problemkonstellation voraus. Ob bei stofflichen Süchten wie dem Alkohol oder der Internetsucht - ein Suchtmittel soll immer Probleme verdrängen. Gleichzeitig haben die Betroffenen in der Regel mit Selbstwertproblemen zu kämpfen", sagt Christian Groß. Die Aufgabe des Suchttherapeuten sei dann, die ursächlichen Probleme zu erkennen und zu beheben. Ansonsten starte der berühmte Teufelskreis der Sucht, den Groß den "Teufelskreis der Ablenkung" nennt. Die Eltern sind in der Pflicht. "Es ist zu einfach, das Smartphone als Buhmann darzustellen", sagt Anna Karsubke. Ja, ergänzt Groß, die Verteufelung helfe nicht, sie sei lediglich ein Hinweis darauf, dass der Hilferuf des Kindes nicht gehört werde. Wer also kann helfen, wenn zunächst keine professionelle Hilfe geplant ist? Freunde, Hausarzt, Lehrer? Und dann sagt Groß etwas, das zunächst befremdlich klingt. Die Suche nach Hilfe sei gar nicht schwer. "Der Experte sitzt ja bei ihnen zuhause. Das Kind!" Das Kind? Als Betroffener kenne sich das Mädchen oder der Junge schließlich am besten mit Materie und Problem aus. "Grundsätzlich tut man gut daran, sich für die Lebenswelt des Kindes zu interessieren", sagt Christian Groß. Eltern sollten immer Gesprächsbereitschaft signalisieren. Nicht besprochene oder gelöste Probleme seien immer Nährboden für Sucht. Der Suchtexperte rät: "Fragen sie ihr Kind, ob es sie mit auf die Reise nimmt. Lassen sie sich erklären, was genau das Kind mit seinem Smartphone macht. Was spielt das Kind? Wann spielt es und mit wem? Unterbrechen sie das Kind nicht, vermeiden sie, die Vorgänge zu bewerten." Wertschätzen sie ihr Kind. Der Ansatz ist schlicht: Kommunikation hilft, vor allem die richtige Kommunikationstechnik. Die Fronten könnten sich schnell verhärten, wenn Eltern überhaupt nicht wüssten, was vor sich ginge. "In der ambulanten Behandlung von 13-14 Jährigen erlebe ich sehr häufig, dass die Eltern gleich mal loslegen und sich über das Verhalten des Kindes aufregen." Impulsive Handlungen der Eltern, getrieben durch Hilflosigkeit, seien genau so wenig ratsam, wie die Resignation. Kinder und Jugendliche suchen also Wertschätzung, die sie in ihrer realen Lebensumgebung nicht finden. Zum Teil könne dabei geschlechtsspezifisches Vorgehen gefiltert werden. "Mädchen sind viel im Social Networking unterwegs, bei Facebook oder Youtube. Zum Teil mit eigenen Filmen über Schminktipps suchen sie nach Aufmerksamkeit, sie wollen wahrgenommen werden, es geht ihnen um Wichtigkeit, Sicherheit und Attraktivität", analysiert Groß. Die Jungs sind häufig in Spiele vertieft. "Die Grundmotivation ist in der Regel Anerkennung, Leistung und die Herausforderung." Zum Teil habe er seit zehn Jahren Abhängige in der Therapie. "Wenn es darum geht die fiktiven Spielcharaktere zu beerdigen, also vom Spiel Abstand zu gewinnen, erlebe ich immer wieder totale Zusammenbrüche, bis hin zu dissoziativen Zuständen." Neben der Erarbeitung der persönlichen Probleme helfe in der Therapie zum Teil nur die Abstinenz. "Nach ein bis zwei Wochen Abstand zum Suchtmittel können wir bei den Betroffenen eine Verbesserung des Gesamtzustandes feststellen", sagt Christian Groß. Internetsucht sei da analog zu stoffabhängigen Süchten. Der Ansatz der Suchttherapie habe sich geändert, ebenso die Suchtstoffe. "Während in der Zeit nach dem Krieg eher sedierende Stoffe wie Alkohol gebraucht wurden, sind es heute euphorisierende und leistungssteigernde Mittel. Bis vor einigen Jahrzehnten war dann der Ansatz, den Betroffenen so gut es geht vom Suchtmittel abzuschirmen. Heute geht es darum, ursächliche Probleme zu finden und diese zu lösen." Und ein bester Ansatz sei, sofern keine professionelle Hilfe beansprucht werden solle, die Lebensrealitäten des Kindes zu verstehen, so Groß. "Es hilft wenig, sich auf das Suchtmittel zu fokussieren. Es muss die Frage gestellt werden: Wozu wird es genutzt? Und: Wovon soll es ablenken?"

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