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Ein Aufschrei geht durch die Labore: Von einer „geheimen" Haltestelle ist 1995 in der NW die Rede, hier im Unikeller. - © NW-Artikel, 23. März 1995
Ein Aufschrei geht durch die Labore: Von einer „geheimen" Haltestelle ist 1995 in der NW die Rede, hier im Unikeller. | © NW-Artikel, 23. März 1995

Die großen Planungsirrtümer Die geheime Stadtbahn-Haltestelle unter der Bielefelder Universität

Christine Panhorst
12.08.2019 | Stand 09.09.2019, 15:02 Uhr

Bielefeld. 1969 will Bielefeld beim Straßenbahnbau groß rauskommen – und baut die wohl kleinste U-Bahn der Welt. Für einen weiteren Tunnel soll später eine ganze Stadtbahnlinie vom Netzplan gestrichen werden. Anekdotenwert haben mittlerweile die Pläne zu einer rätselhaften Haltestelle unter der Universität, die die Wut der Physiker entfacht. Für unsere Liste der größten Bielefelder Planungsirrtümer liefert Bielefelds Straßenbahngeschichte gleich mehrere unterirdisch gute Geschichten. Ein Sparrenberg-Tunnel und ein Durchbruch durch den Teuto Höhe Osningstraße wurden verworfen, doch beim Bau einer „Unterpflaster-Straßenbahn" will Bielefeld in den 1960ern ganz vorne dabei sein. Bielefeld ist ganz vorne mit dabei Eine geeignete Stelle ist bald gefunden: Als die Arbeiten zum Haltepunkt „Beckhausstraße" Ende der 1960er beginnen, ist Bielefeld die vierte Stadt in Nordrhein-Westfalen mit einem solchen Untertage-Projekt: nach Köln, Essen und Bonn und als erste Stadt in Westfalen. Doch noch mitten im Bau muss bereits nachgebessert werden, weil das Land neue Wagenbreiten beschließt. 1971 wird der Straßenbahn-Tunnel mit Tamtam eröffnet. Der Oberbürgermeister zieht die letzte lockere Gleis-Schraube eigenhändig fest. 20.000 Freifahrtscheine werden vergeben. Ganz großer Bahnhof. Für genau eine Haltestelle. Kurzer Ruhm Ein kurzer Ruhm: Bielefelds Straßenbahn wird auf gerade einmal 500 Metern zur U-Bahn, wenn sie zwischen Alleestraße und Nicolai-Friedhof abtaucht. 20 Jahre lang bleibt es dabei. Bei allem Spott, den die Mini-U-Bahn einstecken musste: „Dass in Bielefeld über die Stadtbahn und ihre Verlängerungen gestritten werden kann, ist gewissermaßen ein Privileg", sagt Hans Werner Neumann (83). Der ehemalige Verkehrsplaner erlebt im Verkehrsamt von 1968 bis 1999 die großen Pläne und Diskussionen mit. Er erklärt, Bielefeld habe in den 1960ern zu den wenigen Städten gehört, die trotz Autoboom an einer Stadtbahn und ihrem Ausbau festgehalten hätten. Die Basis, auf der heute die Verkehrswende im ÖPNV geplant wird, wird damals gelegt. Planer wollten ganze Stadtbahnlinie streichen „Davon profitieren wir bis heute. Die meisten Städte haben die Straßenbahn damals als ein Verkehrshindernis wahrgenommen und abgeschafft." Auch in Bielefeld gibt es immer wieder Kritik am Stadtbahn-Bau – zu hohe Kosten, zu lange Bauzeit, die Wirtschaftlichkeit sei ungewiss und ohnehin habe man das Auto. Ein anderer Stadtbahn-Tunnelbau wird später zum Glück wieder abgeblasen: Ursprünglich habe in der Rohrteichstraße getunnelt werden sollen, erzählt Neumann. Statt der Linie 3 nach Stieghorst und der Linie 2 nach Sieker sollte nur eine einzige Linie unterirdisch fahren. Die Verkehrswende hätte es wohl noch schwerer gehabt. „Da können wir heute froh sein, dass wir im dicht besiedelten Osten der Stadt eine Linie mehr zur Verfügung haben", sagt der ehemalige Bauingenieur. Auch wenn heute der Hochbahnsteigbau an Oelmühlenstraße und August-Bebel-Straße nervenaufreibend ist. Rätselhafte Haltestelle Und dann ist da noch das „Rätsel um die Stadtbahnstation unter der Uni" wie die NW im März 1995 titelt. Die Unilinie ist damals mitten im Bau, als es an der Uni zu brodeln beginnt. Der Hintergrund: Die einen wollen die Haltestelle ganz nah vor der Tür (Politik, Behörden und Studentenvertreter), die anderen sie möglichst weit weg (Rektorat und Naturwissenschaftler). Physiker und Chemiker sehen ihre Messgeräte schon durchgeschüttelt von vorbeifahrenden Stadtbahnen. Elektromagnetische Felder und Impulse könnten gar die Forschung so bedrohen, dass man „den Anschluss verliere", heißt es damals dramatisch. Die Bombe platzt Dann platzt die Bombe: Studenten sind sich sicher, eine Haltestelle sei längst in Vorbereitung. In der Universität. Ein Jurastudent will den geheimen Haltepunkt im Unikeller selbst gesehen haben. Durch die Labore geht ein Aufschrei. Das Unirektorat hält dagegen, „völliger Quatsch", die angebliche Haltestelle sei nur ein unterirdischer Lieferweg. Neumann weiß heute: „Solche Pläne gab es durchaus. Eine Haltestelle im Keller war beim Uni-Bau ein erster Gedanke und Anfang der 1970er auch in den Gremien Thema." Alles richtig gemacht? Physiker und Chemiker bewiesen damals den längeren Atem. Wenn die Straßenbahn heute an der Uni vorbeigleitet, bleibt sie auf Abstand. Inzwischen bindet sie auch den Campus der Fachhochschule an. Und die Universität hat dort, wo einst die Straßenbahntrasse verlaufen sollte, ihr Gebäude X errichtet und will zum Campus wachsen. Schon heute ist der Weg von der Haltestelle bis zur Mensa wohl kürzer, als er über Treppen aus dem Unikeller gewesen wäre. Mehr zur NW-Serie über Planungsirrtümer: Bielefelds größte Planungsirrtümer - der Teuto-Tunnel Ein Autobahnkreuz mitten in der City Bielefelder Flughafen: Als die Lufthansa in Jöllenbeck landen wollte

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