Schleife binden und noch viel mehr können Kinder wie Mewan, Harun, Blnd und Emirhan (alle 7, v.l.) von Pedro, Carla und Sandra Thyke lernen. - © Ivonne Michel
Schleife binden und noch viel mehr können Kinder wie Mewan, Harun, Blnd und Emirhan (alle 7, v.l.) von Pedro, Carla und Sandra Thyke lernen. | © Ivonne Michel

Bielefeld "Happy End" für Bielefelds Therapie-Esel

Von wegen dumm: Carla und Pedro sind lebenskluge Therapieexperten - mit ganz besonderem Schuhwerk. Sie machen andere stark, vermitteln wichtige Werte und haben nach geduldiger Suche endlich eine neues Zuhause gefunden

Ivonne Michel
12.05.2019 | Stand 13.05.2019, 13:21 Uhr

Bielefeld. Sie sind bescheiden, neugierig, sanft, liebevoll, wertschätzend und immer bereit für ein Abenteuer. Selbst von ihrem Schuhwerk kann man einiges lernen. Der Rede ist von Carla (15) und Pedro (20), den beiden Therapie-Eseln des Vereins "Natursinn". Gut Ding will Weile haben: Fast ein Jahr lang haben die beiden - oder genau gesagt Sandra Thyke, Vorsitzende und Gründerin des Vereins - nach einem neuen Zuhause gesucht. Nach über zehn Jahren ist Natursinn sein kleiner Hof an der Bodelschwinghstraße gekündigt worden. Nicht nur in der Menschenwelt ist es aktuell schwer, eine bezahlbare, geeignete Unterkunft zu finden. Aber die Geduld wurde belohnt: Ende März konnten Carla und Pedro jetzt in ihren neuen Stall auf dem Areal der Bethel-Schäferei in Senne einziehen. "Das Beste, was uns passieren konnte", sagt Thyke. Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr: So scheint das Motto so einiger Menschen zu lauten. Bei Carla und Pedro ist genau das Gegenteil der Fall. Während manch einer gern protzt, prahlt, nach immer mehr strebt und nicht selten mehr redet als er wirklich macht, kommen die beiden Halbwüstentiere mit wenig aus - und leisten viel. Bis zu 40 Jahre alt können Esel werden. "Sie brauchen keine Weide mit üppigem Gras, ein bisschen Heu, Stroh, Rinde und Stöcker und reichen aus", sagt Thyke. Und am liebsten Sonne und Sand. Und genau das haben Carla und Pedro jetzt in ihrem neuen Zuhause in der Senne gefunden. Andere stark machen: Oft fühlt man sich von Egoisten umgeben - jeder ist sich selbst der Nächste, ist auf seinen Vorteil gedacht, Ellenbogen sind gefragt. Ganz andere Erfahrungen können Kinder und auch Erwachsene mit Einschränkungen in der tiergestützten Pädagogik machen. "Heilsamer Dialog" heißt das Angebot von Sandra Thyke und ihren beiden vierbeinigen Mitarbeitern. Es soll entschleunigen, entspannen und stark machen, Geduld und liebevolles Miteinander lehren. Wertschätzung und Schlüsselqualifikationen: "Die Esel achten nicht darauf, ob man irgendwelche Defizite hat, nehmen keine Wertung vor", sagt Thyke, Sozialpädagogin und Therapeutin. Jeder sei richtig und toll und werde so angenommen, wie er ist. "Esel lassen sich nicht drängeln, reagieren nur auf höfliche, geduldige Ansprache und zeigen klar, was Sache ist", ergänzt Thyke. Selbstbewusstsein, Konflikt-, Team- und Kommunikationsfähigkeit und Führungsqualität: Bei der Arbeit mit den wunderbaren Langohren würden alle Schlüsselqualifikationen fürs Leben geschult. Handwerkskunst statt Billigware: Auffällig ist auch das Schuhwerk der beiden Esel: An allen vier Hufen tragen sie dunkelbraune Lederschuhe mit rotem Schleifenband. Maßanfertigungen von einem Schuster, der sein Handwerk liebt, so Thyke. Nicht nur schickt sehen Carla und Pedro damit aus. An den Schuhen können Kinder gleich auch das Schleife binden üben und ihre Feinmotorik schulen. Naturerlebnisse, die man ins Herz schließt: Wie der Name schon sagt, geht es dem Verein "Natursinn", der sich über Spenden finanziert und darauf angewiesen ist, um Sinn für die Natur, um bewegende Naturerlebnisse. Nicht erst seit "Fridays for Future" ist das doch vielen eine Herzensangelegenheit. Andererseits gäbe es ein Naturdefizit: Immer weniger Kinder können sich heute noch frei und ohne Aufsicht draußen bewegen, so Thyke. Dabei könne man am besten wertschätzen, was man begreift - im wahrsten Sinne des Wortes. Die Bedürfnisse der Kinder seien gleich geblieben, aber die Bedingungen hätte sich geändert. Mit Pedro und Carla geht's zu Spaziergängen und Trekking in die Natur in der Umgebung - ohne erhobenen Zeigefinger. "Was Kinder erleben, schließen sie ins Herz", sagt Thyke.

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