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Großeinsatz gegen Autoschieber: Polizisten überprüfen an der deutsch-polnischen Grenze hochwertige Fahrzeuge. Viele Täter weichen nun nach Tschechien aus. - © dpa
Großeinsatz gegen Autoschieber: Polizisten überprüfen an der deutsch-polnischen Grenze hochwertige Fahrzeuge. Viele Täter weichen nun nach Tschechien aus. | © dpa

Bielefeld Klauen, umrüsten, exportieren: Seltener Einblick in Autoschieber-Banden

Technisch versierte Kriminelle verwandeln ihre Beute in völlig saubere Dubletten und führen sie auf legalen Wegen aus. Ein Teil der Beute landet in Tadschikistan - und kehrt nie wieder zurück

Jens Reichenbach
11.10.2018 | Stand 11.10.2018, 23:17 Uhr

Bielefeld. Die Zahl der Diebstähle vor allem hochwertiger, neuer Autos in Bielefeld schießt wie berichtet in die Höhe. Sollte der Trend der "Komplettentwendungen" in diesem Jahr weiter anhalten, wird in Bielefeld voraussichtlich die höchste Diebstahlquote der vergangenen fünf Jahre erreicht. 2017 lag die Summe noch bei 99, 2014 bei 103. Doch wer steckt eigentlich hinter den Diebstählen, woher kommt das hochprofessionelle technische Know-how der Täter und wie gehen die Autoklauer eigentlich vor? Zwei aktuelle Gerichtsverfahren am Landgericht zeichnen ein erstaunliches Bild der Täterbanden: AUF BESTELLUNG Die Polizei geht seit Jahren davon aus, dass die Täter auf Bestellung - vornehmlich aus Osteuropa - die Suche nach gewünschten Fahrzeugen aufnehmen. Vor allem geländegängige Luxuswagen und -limousinen werden dort bestellt. Zuletzt verschwand in Bielefeld ein Toyota RAV 4 mit Keyless-System am Buchfinkenweg. Hoch im Kurs liegen auch Audi A 4 und A 6 sowie die SUVs von BMW. HALLE DER VERWANDLUNG Einer baltischen Bande konnte die Bielefelder Kripo die Diebstähle von 20 Fahrzeugen nachweisen, die sie in angemieteten Hallen technisch komplett veränderten, um sie als legale Fahrzeuge ganz offiziell auszuführen. Dazu umgingen sie nicht nur die verräterischen GPS-Sender der hochwertigen Fahrzeuge, sondern tauschten auch mit viel Fachwissen die Fahrzeug-Identifizierungs-Nummern (kurz: FIN, umgangssprachlich noch Fahrgestellnummer genannt) aus - und das nicht nur am Fahrzeug. Sie beschafften auch völlig neue Papiere, wie der ermittelnde Staatsanwalt Moritz Kutkuhn mitteilte. "Die Täter sind straff organisiert und gehen hochprofessionell vor." Das Erstaunliche: "Diese illegal neu geschaffenen Fahrzeuge gibt es wirklich. Hersteller, Motor und Ausstattung waren identisch", erklärt Kutkuhn. So war plötzlich ein Fahrzeug aus Schweden auch in Deutschland unterwegs - völlig sauber, nicht mehr als Diebesbeute erkennbar. Die Ermittler sprechen dabei von "Dubletten". Wie die Täter an die Daten der Fahrzeuge gekommen sind, blieb in diesem Verfahren unaufgeklärt. FUNKMAST ALS ERMITTLER Auf die Spur der baltischen Bande kamen die Ermittler durch großes Glück: Ein schon vor längerer Zeit gestohlener Range Rover sendete plötzlich wieder ein Signal von einer Lagerhalle in Bielefeld-Sennestadt (Piderits Bleiche) an den Hersteller. "Wir vermuten, dass ein Sendemast, der direkt neben dem bereits technisch veränderten Fahrzeug stand, doch noch ein Notsignal ermöglicht hat", so Kutkuhn. Später observierte die Bielefelder Kripo eine Halle der Bande in Papenburg und identifizierte dort 20 gestohlene Fahrzeuge. Es ist davon auszugehen, dass dort noch viel mehr heiße Wagen in Dubletten verwandelt wurden. Doch aus Kostengründen soll die Observation bereits nach 14 Tagen abgebrochen worden sein. ZUGRIFF IN TSCHECHIEN Auch in einem anderen Verfahren wird klar: Nach dem eigentlichen Diebstahl übergeben die Täter die Fahrzeuge sehr schnell, um zumindest das GPS-Signal mit Hilfe einer Überbrückung ausschalten zu können. Dies haben zwei Autodiebe bei Bielefelder Fahrzeugen aber offenbar versäumt. Ihre Fahrzeuge - ein BMW X 5 im Wert von 80.000 Euro und ein 6er BMW Cabrio im Wert von 60.000 Euro - konnten noch in Polen und in Tschechien geortet und dort von der örtlichen Polizei sichergestellt werden. Ein polizeibekannter Pole (29) saß noch am Steuer des 6er BMW. Er wurde kürzlich zu 16 Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt. Ein hoher Preis, wenn man bedenkt, was die Täter vor Ort verdienen. Ein Porsche Macan im Wert von 100.000 Euro wird in Osteuropa für 30.000 bis 40.000 Euro weiterverkauft. Der eigentliche Dieb kriegt innerhalb der straff organisierten Bandenstruktur 2.000 bis 6.000 Euro für seine Arbeit. DREHKREUZ LITAUEN Werden die Fahrzeuge in Deutschland nicht ausreichend verändert, geht es nach dem Diebstahl über die offenen Grenzen nach Polen und inzwischen immer öfter auch nach Tschechien. Die deutsch-polnische Grenze soll einigen inzwischen zu heiß sein. Anschließend gehe die Reise weiter ins Baltikum, nach Litauen, das als Drehkreuz für gestohlene Luxuswagen in den Osten gilt. TADSCHIKISTAN IM VISIER Der Investigativjournalist und Buchautor ("Bandenland") Olaf Sundermeyer, der sich mit kriminellen Strukturen in Europa auseinandersetzt, berichtet in einem SR-Interview, dass die Wagen mit Hilfe von bestochenen Grenzposten auch direkt in die Ukraine gebracht werden. Sundermeyer: "Viele in Deutschland gestohlene Fahrzeuge verschwinden endgültig in der Ukraine oder sogar in Tadschikistan." Das Berliner Landeskriminalamt (LKA) vermutet, dass Tadschikistan eines der Hauptabnehmerländer für geklaute Luxusautos ist, heißt es in einem Bericht von Süddeutscher Zeitung und NDR. Dort werden sie ganz offen von Regierungsangehörigen gefahren. Weil sie die Fahrzeuge gutgläubig aus dritter oder vierter Hand erworben haben, sind sie nach dortigem Recht die rechtmäßigen Besitzer. Sundermeyer: "Wenn das Auto erstmal außerhalb der EU gelandet ist, wo organisierte Kriminalität Teil des Staatswesens ist, ist es unmöglich, der gestohlenen Autos wieder habhaft zu werden." KRITIK AN HERSTELLERN Doch wieso ist es für die Profidiebe so einfach, technisch hochwertige Fahrzeuge zu stehlen? Vor allem das bei den Herstellern derzeit beliebte Keyless-System (Öffnen und Starten per Funksignal) kann mit selbst gebauten Funkverlängerungen leicht umgangen werden, wie zahlreiche Beispiele auch aus Bielefeld beweisen. Ermittler vermuten, dass die Autoindustrie kein großes Interesse hat, die Sicherheitstechnik zu verbessern. Schließlich würden die gestohlenen Fahrzeuge oft sehr schnell ersetzt. Sundermeyer schlägt im SR-Interview in die gleiche Kerbe: "Manche Hersteller könnten mehr Sicherheit bieten. Fakt ist, dass Mercedes weniger gestohlen wird als andere. Fakt ist auch, dass Mercedes über die besten Sicherheitsstandards verfügt." Auch im Fall der baltischen Profidiebe war unter den 20 gestohlenen Wagen kein Mercedes. Es handelte sich hauptsächlich um BMW, Audi und Porsche. Die Autohersteller widersprechen, da die Versicherungsprämien in die Höhe schnellen würden, wenn sie nichts täten. Es handele sich um ein "Wettrüsten zwischen Industrie und Kriminellen". Vor allem das Nachrüsten sei oft sehr beschränkt.

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