Ungewohntes Bild mit visionärem Charakter: Am „Aktionstag Wilhelmstraße" schlendern die Menschen vom Jahnplatz zum Kesselbrink – und bleiben oft lange in „der Wilhelm" hängen. - © Barbara Franke
Ungewohntes Bild mit visionärem Charakter: Am „Aktionstag Wilhelmstraße" schlendern die Menschen vom Jahnplatz zum Kesselbrink – und bleiben oft lange in „der Wilhelm" hängen. | © Barbara Franke

Bielefeld Wilhelmstraße als autofreie Einkaufs- und Kiez-Straße

Testlauf als Mutmacher: Akteure des Projektes "KlimaNetze" sorgten am Samstag dafür, dass Autos außen vor blieben und das Leben in vielen seiner Facetten eintrat in "die Wilhelm". Eine Umfrage zeigte, dass viele sich Ähnliches wünschen für die Zukunft

Kurt Ehmke
03.09.2018 | Stand 03.09.2018, 10:33 Uhr |

Bielefeld. Die Wilhelmstraße kann mehr - sie kann verbinden, sie kann bunt, belebt und attraktiv sein. Das will das Projekt "KlimaNetze" zeigen - und helfen, den "Kiez" aufzuwerten. Es wird von einem "Real-Labor" gesprochen. Akteure aus der Stadt und Wissenschaftler versuchen mit konkreten Beispielen den Klimaschutz zu verbessern und die gesellschaftlichen Prozesse auf dem Weg dorthin zu betrachten, zu hinterfragen und zu verbessern. Und so konnten sich am Samstag Menschen ein Bild davon machen, wie die kleine Straße, die große Orte verbindet, aufgewertet werden kann. Zwischen Jahnplatz und Kesselbrink, zwischen Altem Friedhof und Loom (über die Passage Arcade), vom Haus der Wissenschaft (ab 2022) bis zur neuen Volksbank gibt es rund um die 200 Meter lange Wilhelmstraße so viele relevante Orte, dass Anwohner und Geschäftsleute sowie Stadtplaner und Interessierte davon überzeugt sind, dass aus dieser Straße mehr werden können muss als heute. Samstag konnte autofrei erlebt werden, wie Frisöre auf der Straße schnitten, Cocktails getrunken und Spiele gespielt wurden - und vor allem miteinander geredet wurde. Vom neuen Verkehrsraum versprechen sich die Netzwerker viel Zu den "KlimaNetz"-Werkern gehört Bernd Vollmer, er sagt: "Wir müssen Verkehrsräume für alle nutzbar machen, bisher dominiert das Auto." Dafür sei die Wilhelmstraße ein typisches Beispiel. Tilman Rhode-Jüchtern ergänzt mit Blick auf die aktuellen Verkehrsdebatten: "Jetzt ist das Fenster der Aufmerksamkeit weit offen, jetzt können wir über 30 bis 50 Straßen in Bielefeld reden, die heute anders genutzt werden könnten." Beispiel Wilhelmstraße: "Sie ist überaltert und hat verkehrlich keine echte Verbindungsfunktion mehr - wenn wir hier den Verkehrsraum für alle öffnen und die Parkplätze streichen, nehmen wir nicht allzu viel weg, geben aber sehr viel." Weder Anwohner noch Kunden bräuchten die Parkplätze, die fast immer sowieso von anderen belegt seien - und nebenan sei die Kesselbrink-Tiefgarage eh nie voll ausgelastet. Der Gewinn wäre: Eine aufgewertete Wilhelmstraße mit neuen Möglichkeiten - so könne die Achse Alter Friedhof - Wilhelmstraße - Kesselbrink - Ravensberger Park als lebenswerte Trasse in die Köpfe der Menschen kommen. Rhode-Jüchtern: Stelen könnten optisch helfen, die heute kaum bekannte Wegebeziehung bei den Bielefeldern wieder zu verankern. "Die Politik hat Bedenken, aber Anwohner und Geschäftsleute geben uns in vielen Dingen Recht und wollen endlich vorankommen." Vom neuen Verkehrsraum versprechen sich die Netzwerker viel - eine Allee könnte entstehen, regt Petra Schepsmeier an. Wertige Geschäfte könnten den aktuellen Mix ergänzen, das Publikum sich verändern; auch durch das Haus der Wissenschaft. An die Passage "Arcade" glaubt kaum einer Nur an die Passage "Arcade" glaubt kaum einer. Heike Winter von der Volksbank-Immobilientochter "Geno": "Ich sehe keine Chance, dass sie jemals funktionieren kann." Das sei ihre private Meinung. Sie stößt an: "Man kann so einen Baustein auch aus den Gebäuden wieder herausnehmen, das geht." Als reine Abkürzung zur City leiste die Arcade keinen Beitrag für die Wilhelmstraße. Ziel der Akteure rund um "die Wilhelm", wie sie die Straße nennen, ist es, in einen politischen Entscheidungsprozess zu kommen, einen, den sie mit prägen wollen. Rhode-Jüchtern: "Widerstände wollen wir schon vorher erahnen, um reagieren zu können." Der zum Netzwerk gehörende Leiter des Umweltamtes, Martin Wörmann, setzt 2019 auf eine Informationsvorlage der Verwaltung, "mit der auf die Politik zugegangen wird". In dieser sollen dann konkrete Vorschläge stehen, zudem soll bereits ein Teil der aufkommenden Fragen abgearbeitet sein - und soll es erste Visionen aus einem studentischen Seminar an der Aachener Hochschule RWTH geben. Diese sollen im Januar vorgestellt werden; öffentlich, so Johannes Vogelsang aus der Projektgruppe. Wörmann betont: "Es wäre schon sehr enttäuschend, wenn die Politik am Ende sagt, dass sie das alles nicht interessiert." Auch eine Broschüre zur "Wilhelm" soll entstehen. Alles mit dem Ziel, dass einmal mehr Menschen das sagen, was Samstag eine Frau zufrieden feststellte: "Ich bin noch nie so langsam durch die Wilhelmstraße gegangen."

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