Am Rathaus: Bielefelder Mohamed Saber (v. l.) diskutiert mit Shai Hofmann, Julia Hübner und Paulina Fröhlich. - © Foto: Christian Weische
Am Rathaus: Bielefelder Mohamed Saber (v. l.) diskutiert mit Shai Hofmann, Julia Hübner und Paulina Fröhlich. | © Foto: Christian Weische

Bielefeld „Bus der Begegnungen“ macht in Bielefeld Station

Truppe will mit Passanten 
über Gesellschaftsthemen, Ängste und Wahlfrust ins Gespräch kommen

Christine Panhorst

Bielefeld. Eigentlich lässt sich der Bielefelder nicht gerne von der Seite ansprechen – oder sich gar in eineinhalbstündige Diskussion über Demokratie verwickeln. Die Truppe vom „Bus der Begegnungen" weiß, vielleicht zum Glück, nichts vom oft skeptisch veranlagten Temperament der Einwohner der Teuto-Stadt. Die zehn Engagierten, die am Samstag mit ihrem roten Doppeldecker auf dem Rathausplatz anrollen, wollen mit den Bielefeldern ins Gespräch kommen. Das funktioniert dann erstaunlich gut. Es gibt Kaffee und auch ein kleines Mittagessen, gekocht in der Küche im Inneren des Busses. Draußen stehen Bierzeltbänke. Ein paar Kinder kritzeln auf Papier, während sich die Eltern unterhalten – mit Shai Hoffmann, Gründer der Initiative, mit Julia Hübner oder Paulina Fröhlich. Sie gehören zum Kernteam des ungewöhnlichen Projekts, dass zwei Wochen vor der Bundestagswahl durch ganz Deutschland tourt, um etwas für die Stimmung im Land zu erfahren und zum Austausch einzuladen. Seit 12.30 Uhr habe sie vorm Rathaus schon drei Gespräche geführt, sagt Hübner. In drei Stunden, keine schlechte Ausbeute. Mit einer älteren Dame hat sie über Flüchtlinge gesprochen. Die neuen Kinder von anderswo gehen mit der Enkelin in die Schule gehen. „Da gab es viele Ängste", erzählt Hübner. Sie höre immer erst einmal zu. Jede Meinung ist erwünscht Jeder Meinung ist beim Bus legitim und erwünscht. Die Teamer kommunizieren in den Gesprächen aber eigene Standpunkte. Die sind individuell, keine Partei steht hinter dem Projekt, lediglich Fördergelder des Bundesprogramms „Demo-kratie leben". Der „Bus der Begegnungen" und seine Insassen werben für eine „offene, pluralistische Gesellschaft", so steht es in der Projektbeschreibung. Am Bierzelttisch vor dem Rathaus wird das Gespräch zwischen Pauline Fröhlich und Bielefelder Mohamed Saber emotional. Saber ist sich noch nicht sicher, ob er bei der Bundestagswahl wählen gehen wird. „Ich bin Migrant, das ist ein wichtiger Faktor", sagt er. Er erlebe im Alltag viel Rassismus – von Busfahrern, bei Ämtern, beim Bäcker, Blicke, Sprüche. Saber arbeitet als Sozialarbeiter mit Geflüchteten und trainiert eine Jugendfußballmannschaft. Dass es für ihn durch eine bestimmte Partei und durch seine Stimme besser werden könnte in Deutschland, glaubt er nicht. Seit eineinhalb Stunden redet er mit Pauline Fröhlich schon über Familie, Jobs, Rente, Rassismus. Eigentlich war er auf dem Heimweg. „Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal ein so langes Gespräch über Politik geführt habe", meint Saber lachend. Im Alltag sei kaum Zeit für solche Gespräche, jeder sei mit sich selbst beschäftigt. In der Ich-Gesellschaft für mehr Wir zu werben: Gut 70 Gespräche führt das Team pro Stadt. Es ist Demokratie in kleinen Dosen. In Bielefeld ist die Mission geglückt.

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