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Am Schreibtisch: Rund 10.000 Verteidigungen hat Holger Rostek bislang übernommen. - © Wolfgang Rudolf
Am Schreibtisch: Rund 10.000 Verteidigungen hat Holger Rostek bislang übernommen. | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld Bielefelder Anwalt Rostek sieht sich als Sozialarbeiter, Seelsorger und Betreuer

Die Strafverteidiger (2): Seit Jahrzehnten gehört Holger Rostek (72) zur Spitze. Er kritisiert, dass Strafverteidigung immer mehr „zum Showgeschäft verkommt“

Dennis Rother
13.02.2017 | Stand 27.02.2017, 17:50 Uhr

Bielefeld. Er spricht für Mörder und Millionenbetrüger vor Gericht – und für Opferfamilien sowieso. Er schreibt Bücher und Fachartikel, reist für Mandanten quer durchs Land. Holger Rostek gehört seit den 70ern zu den renommiertesten Strafverteidigern. Es gab ein Jahr, in dem er im Alleingang fast alle Schwurgerichtsmandate überhaupt bekam. Bei 10.000 Verteidigungen hat er mehr als 300 Mal mutmaßliche Kapitalverbrecher vertreten. Menschen, die Killer beauftragten, Opfer verstümmelten, Leichen einfroren. 72 Jahre ist Rostek mittlerweile alt. Der Terminkalender ist voll, ans Aufhören denkt der „Altmeister" nicht. Doch manche Entwicklung in seiner Branche sieht er kritisch. Während seiner Bundeswehrzeit hat sich Rostek fürs Jura-Studium entschieden. Bereut habe er es nie, denn er schätze den ganzheitlichen Ansatz: Als Strafverteidiger sei er „Anwalt, Sozialarbeiter, Seelsorger und Betreuer in Personalunion". Prinzipiell lehne er keine Strafrechtssachen ab. Berufsethos, so Rostek. Fachkenntnis, Präzision, Kampfeswille – alles wichtig im Job, klar. „Man muss aber auch regelrecht mitleiden können", sagt er. „Es geht um Hilfe in existenzieller Not, oft über die eigene Belastungsgrenze hinaus." Körperlich oder seelisch? „Beides." Um fit zu bleiben, läuft Rostek Marathon, den Hermann etwa schon etliche Male. Bestzeit: unter drei Stunden. 1992 war Rostek beim New-York-Marathon, während der Studienzeit spielte er in der Tischtennis-Bundesliga für München, später in Brackwede. Auch jetzt steht er noch an der Platte. Rostek betont, dass „familiärer Rückhalt unerlässlich" ist, um den Rücken frei zu haben. Die Arbeit ist schließlich nicht nur rein rechtlich knifflig, sondern auch gruselig, manchmal grotesk, wie aus Horrorkrimi-Drehbüchern. 40 Verhandlungstage nahm beispielsweise ein Fall in Anspruch, bei dem ein Angeklagter mit selbstgebautem Krematorium nach Rostock reiste, um eine Frau zu töten und direkt vor Ort zu verbrennen. Das missglückte, also zerteilten Täter und Komplize die Leiche. Rostek vertrat den Täter. „Geschichten, die das Vorstellungsvermögen überschreiten" Bekannt auch ein Fall von 2001: In Limburg ließ ein 59-Jähriger – Rosteks Mandant – seinem Geschäftspartner beide Ohren abschneiden. „Es ging um versuchten Mord, denn das Opfer hätte verbluten können", so Holger Rostek. In beiden Fällen mussten die Angeklagten etliche Jahre hinter Gitter. Im Prozess um den Mord an einer Prostituierten, dessen Leiche 2014 in einer Spenger Gefriertruhe gefunden wurde, war Rostek ebenfalls aktiv, genauso wie im Fall Radenko, dem 2008 von Bochum-Fans schwer verletzten Arminia-Ordner. Beim Großbetrug von Friedel Balsam in den 90ern war er zudem für dessen Finanzchef im Einsatz. Und dann war da noch der Fall Frille Ende der 80er, eine Geschichte, die Hollywood wohl als zu unplausibel ablehnen würde. Die Kurzversion: Ein 57-jähriger Landwirt aus Petershagen-Frille – Rosteks späterer Mandant – will seinen Sohn erschießen lassen. Der Hoferbe hatte ihn jahrelang schikaniert. Der angeheuerte Auftragskiller verwechselt den Sohn aber mit dem Nachbarn, trifft auch, aber das Projektil bleibt im Schädel stecken, unentdeckt. Der Landarzt diagnostiziert Tod durch Herzversagen. "Das kann man nicht erfinden" So weit, so bizarr. Der Sohn schikaniert seinen Vater dann weiter, zwei Jahre lang, ehe der Vater ihn persönlich umbringen will. Er schlägt mit dem Hammer auf ihn ein, verletzt ihn schwer am Kopf, doch der Sohn überlebt. Der Vater eilt auf den Dachboden, hängt sich auf und wird in letzter Sekunde gerettet – vom blutüberströmten Sohn. Dessen Kopfverletzung macht schlussendlich einen Notar stutzig, der Kriminalfall kommt doch noch ins Rollen: Die Kripo lässt die Leiche des Nachbarn exhumieren, Vater und Auftragsmörder gestehen. Rostek sagt: „Das kann man nicht erfinden. Die Wirklichkeit schreibt Geschichten, die das Vorstellungsvermögen überschreiten." Auch wegen Justizfehlern und umstrittener Gutachten machte der Fall Frille bundesweit Schlagzeilen. Sechs Jahre dauerte das Verfahren, zwei Urteile hob der Bundesgerichtshof auf, darunter die ursprünglich lebenslange Haftstrafe. Rostek erreichte, dass der Haftbefehl nach sechs Jahren verbüßter U-Haft außer Vollzug gesetzt wurde. „Damit war die Sache endgültig erledigt." Über Revisionen das Strafmaß deutlich zu reduzieren, das ist etliche Male gelungen, berichtet Rostek. Das sei ein Grund zur Freude, zur Genugtuung, aber kein Grund zum Prahlen. „Strafverteidigung verkommt immer mehr zum Showgeschäft." „Anwälte sehen sich als Hauptdarsteller. Das mag ihnen persönlich helfen, aber es schadet Mandanten", sagt Rostek. Er setze auf Diskretion. Das sei bekannt, und damit fahre er gut. Seit mehr als 40 Jahren.

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