0
Strafverteidiger und Rechtsanwalt Detlev Otto Binder. - © Wolfgang Rudolf
Strafverteidiger und Rechtsanwalt Detlev Otto Binder. | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld Detlev Binder ist der Mann für die brisanten Fälle

Detlev Binder vertritt Mörder bundesweit in spektakulären Prozessen

Dennis Rother
03.02.2017 | Stand 27.02.2017, 17:55 Uhr

Bielefeld. „Verteidigung am Limit" – das ist das Credo von Detlev Binder. Der 51-Jährige kümmert sich beruflich viel um Kapitalverbrechen, also Mord und Totschlag. Er ist Fachanwalt für Strafrecht. Er gilt nicht nur in Bielefeld als einer der renommiertesten Verteidiger, sondern bearbeitet von seiner Kanzlei an der Detmolder Straße aus bundesweit Fälle. Die machen Schlagzeilen, sind mal brutal, mal bizarr, oft beides. Außergewöhnlich sind sie immer, von Kannibalismus bis Polizei-Prügel. Strafrecht in all seinen Facetten, das habe ihn schon während der Studienzeit fasziniert, sagt Binder. „Es gibt Einblicke ins pralle, pulsierende Leben samt aller Untiefen", sagt er. Unabdingbar sei „Empathievermögen", also die Fähigkeit, sich in die Lage der Mandanten zum mutmaßlichen Tatzeitpunkt hineinversetzen und ihre Beweggründe zumindest nachvollziehen zu können. In die Akten müsse er sich einarbeiten, in den Mandanten aber auch „hineinfühlen". 60 bis 70 Stunden Arbeit pro Woche seien normal. Viel Zeit für Hobbies bleibt nicht. „Nur wenn’s zeitlich klappt, mache ich zwei Mal in der Woche Ausdauersport." Angst vor Kontakt mit Schwerkriminellen hat Binder nicht. „Fast alle ticken rational", sagt Binder. Sie wüssten: Der Anwalt will helfen, „ist kein Feind". Mulmig werde ihm nur selten, etwa bei psychisch Kranken. „Deren Impulsivität ist unberechenbar." Bestes Beispiel dafür: Im Jahr 2003 vertrat Binder einen 24-Jährigen, der im Rheinland mit dem abgetrennten Kopf einer 25-Jährigen durch eine Kleinstadt spaziert war. Binder erinnert sich an das erste Gespräch: „Der Mann hat mich gefragt, ob seine Augen glänzen." Binder verneinte irritiert. „Gut", habe der Mann dann erleichtert gesagt. „Denn wenn sie glänzen, will ich töten." Der Mann wurde schließlich zu zehn Jahren Haft verurteilt. Einblick in verborgene Welten und menschliche Abgründe Deutschlandweit für Aufsehen sorgte auch der Fall des „Menschenfressers von Berlin". 13 Jahre hinter Gitter sowie in stationäre Psychiatrie kam ein geständiger 41-Jähriger, der einen Mann getötet und in einer Kühltruhe „zum späteren Verzehr" gelagert hatte. Verurteilt wurde er im Jahr 2005 wegen Mordes zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, denn Kannibalismus ist kein eigener Straftatbestand. Detlev Binder vertrat den 41-Jährigen. „Seelische Abartigkeit" hat dem Mann ein Gutachter bescheinigt. Binder recherchierte über die Fantasien seines Mandanten, sah in „menschliche Abgründe, verborgene Welten", sagt er. Manche Fälle seien so grausam, dass sich „die Gesellschaft instinktiv vom Angeklagten abwendet". Erst recht sehe er es dann als seine Aufgabe, dem Mandanten „in der extrem belastenden Situation" zur Seite zu stehen, so Binder. Der 51-Jährige liebt an seinem Job, dass er so „vielfältig und abwechslungsreich" ist. In Ostwestfalen-Lippe hat Binder jüngst etwa Angeklagte im Rietberger Doppelmordprozess und im Bilanzskandal-Verfahren des Möbelriesen Schieder verteidigt. Zudem vertrat er einen Autofahrer, der in Herford von einem Polizisten mit blanken Fäusten und Pfefferspray attackiert worden war – und nicht zuletzt einen 48-jährigen Bielefelder, der den 58-jährigen Partner seiner erst 17 Jahre alten Tochter kastriert hatte. Der Vater schnitt dem Liebhaber seiner Tochter die Hoden ab – ohne Betäubung. Im Bosseborn-Prozess um Foltermorde verteidigt er derzeit Wilfried W. Alltag ist für Binder indes auch die eher weniger öffentlichkeitswirksame Arbeit mit Unternehmen in Sachen Wirtschaftsstrafrecht. Da geht’s diskreter zu, stiller, betont er. Knifflig sei es allemal. Am wichtigsten ist laut Binder immer, dass die Verteidigungsstrategie vom Mandanten mitgetragen wird. „Wir dürfen die Akten nie außer Acht verlieren", sagt Binder. Das heißt: Ist die Beweislage erdrückend, macht es manchmal rein rechtlich keinen Sinn, die eigene Unschuld vor Gericht zu beteuern. Binder führt dem Mandanten dann „deutlich vor Augen, dass sich die persönliche Einschätzung nicht mit der objektiven Prozesslage in Einklang bringen lässt". Das könne zur Konfrontation mit Mandanten führen. Die scheue er nicht, sagt Binder. Das letzte Mittel: Trennung. Oft komme das aber nicht vor: „Eins von 100 Mandaten endet so." Binder verteidigt aber auch nicht prinzipiell alle, betont er. Mandate, bei denen es um sexuellen Missbrauch von Kindern geht, lehnt er ab. Die „emotionale Hürde" sei zu hoch, die Absage empfinde er als Pflicht. „Denn ich könnte mich nicht voll einbringen." Die NW stellt in den kommenden Wochen in einer Serie zunächst die sechs bekanntesten Strafverteidiger und ihre Arbeit vor: Detlev Binder Holger Rostek Ulrich Kraft Carsten Ernst Peter Wüller Peter Brandt

realisiert durch evolver group