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Vorbilder: Der 16-jährige Albaner Devi Kala (links) und der 15-jährige Syrer Dyar Hussein kümmern sich im Haus Libanon ums Essen. Laut ihrer Betreuerin Vanessa Dobler (rechts) sind die beiden - so wie die meisten Flüchtlinge - hoch motiviert. - © Wolfgang Rudolf
Vorbilder: Der 16-jährige Albaner Devi Kala (links) und der 15-jährige Syrer Dyar Hussein kümmern sich im Haus Libanon ums Essen. Laut ihrer Betreuerin Vanessa Dobler (rechts) sind die beiden - so wie die meisten Flüchtlinge - hoch motiviert. | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld Junge Flüchtlinge angefeindet

Vorurteile: Passanten rufen Polizei, weil sie eine Frau, die mit minderjährigen Flüchtlingen unterwegs ist, in Gefahr sehen

Monika Kophal
28.01.2016 | Stand 27.01.2016, 22:22 Uhr

Bielefeld. Seit den sexuellen Übergriffen auf Frauen am Boulevard in der Silvesternacht klagen Clearingeinrichtungen für minderjährige Flüchtlinge vermehrt über Anfeindungen. Jüngster Vorfall: Als eine Betreuerin mit vier minderjährigen Männern die Externsteine besichtigt, rufen Passanten die Polizei. Es sollte ein normaler Ausflug zu den Externsteinen nahe Detmold werden, als es zu dem absurden Vorfall kam: Mehrere Besucher fragen die Mitarbeiterin einer Clearingeinrichtung, ob sie von den vier jungen Ausländern bedroht werden würde. Die Frau erklärt, dass sie als Betreuerin mit den Minderjährigen unterwegs sei. Doch die Passanten glauben ihr nicht. Die Leitung der Clearingeinrichtung hat den Vorfall bestätigt, möchte aber weder Name der Mitarbeiterin noch der Einrichtung bekanntgeben. Zu groß sei die Angst vor negativen Auswirkungen. Denn seit der Silvesternacht würde den Jugendlichen vermehrt fremdenfeindlich begegnet. Die Stimmung, bestätigt Michael Walde, Regionalleiter der Jugendhilfe Bethel, sei seit der Silvesternacht tatsächlich schlechter geworden. Auch zweier ihrer Jugendlichen seien auf dem Kesselbrink von zwei älteren Männern verbal und mit einer Holzlatte bedroht worden. Das wolle man nun zum Anlass nehmen, um über die Arbeit in Clearinghäusern zu informieren - und zwar über die positiven wie negativen Seiten. Vanessa Dobler ist Bereichskoordinatorin der Wohngruppe Libanon, in der aktuell 23 minderjährige Männer untergebracht sind. Die meisten der Jugendlichen seien sehr motiviert, lernen fleißig Deutsch und wollen integriert werden. So zum Beispiel der Albaner Devi Kala (16) und der Syrier Dyar Hussein (15). Probleme mit Anfeindungen hatten die beiden noch nicht. Sie fühlen sich wohl und haben große Ziele, wollen Mediziner werden. Doch im Haus gibt es auch Ausnahmen. "Zwei marokkanischen Jungs haben hier Drogen genommen sowie Diebesgut und fremde Leute von der Straße mitgebracht", sagt Dobler. Seitdem gehört nachts ein Sicherheitsdienst mit zum Team. Es fehle tagsüber an Personal, das die Jugendlichen sinnvoll beschäftigen könne. Viele der Minderjährigen haben noch keinen Schulplatz und können im Haus Libanon nur wenige Stunden täglich unterricht werden. 100 der rund 450 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in Bielefeld werden in Bethel betreut. 10 bis 15 Prozent stammen aus dem nordafrikanischen Raum. Laut Pressesprecher Garlichs hat es eine gewisse Kriminalität unter Flüchtlingen immer schon gegeben. Die Jugendhilfe Bethel arbeite hier eng mit den Behörden und der Polizei zusammen. Probleme entstünden allerdings, wenn diese Vorfälle ohne Konsequenz blieben. Dasselbe gilt für den umgekehrten Fall. Doch laut Polizei kam es wegen fremdenfeindlicher Handlungen noch zu keiner Anzeige seitens der Clearingeinrichtungen. Kommentar: Mit Problemen offen umgehen Die Jugendhilfe Bethel macht es richtig. Sie hat entschieden, auch bei Problemen im Haus die Öffentlichkeit zu informieren. Wenn dabei herauskommt, dass es junge Flüchtlinge gibt, die Drogen nehmen oder stehlen, muss das niemanden verwundern. Denn viele dieser Jungs mussten traumatische Erfahrungen meistern – und zwar auf sich allein gestellt. Hinzu kommt, dass sie als Jugendliche mit den normalen Problemen zu kämpfen haben, die dieses Alter mit sich bringt. Natürlich dürfen solche kriminellen Handlungen nicht toleriert werden. Aber die Lösung kann auch nicht sein, alle jungen Flüchtlinge über einen Kamm zu scheren. Vielmehr ist es Aufgabe von Jugendhilfe und Gesellschaft, den Minderjährigen zu helfen, hier Fuß zu fassen. Und zwar nach den gleichen Regeln, die für deutsche Jugendliche gelten. Und um das umsetzen zu können, braucht es mehr Personal sowie weitere Schul- und Ausbildungsplätze für die Jugendlichen. monika.kophal@ihr-kommentar.de

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