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Geparden halten in der Grasebene von Ndutu nach Beute Ausschau: Weniger als 7.000 Tiere soll es noch in Afrika geben, davon etwa 300 im Serengeti-Masai-Mara-Ökosystem. - © Win Schumacher
Geparden halten in der Grasebene von Ndutu nach Beute Ausschau: Weniger als 7.000 Tiere soll es noch in Afrika geben, davon etwa 300 im Serengeti-Masai-Mara-Ökosystem. | © Win Schumacher

Tansania Verletzliches Tierparadies

Vor 60 Jahren machte Grzimeks Naturfilm „Serengeti darf nicht sterben“ Tansanias Wildnis berühmt. Heute kämpft das Schutzgebiet mit neuen Herausforderungen

Win Schumacher
30.11.2019 | Stand 28.11.2019, 16:44 Uhr

Die Löwen haben auf den Augenblick nur gewartet. Langsam hatte sich die Zebraherde der Wasserstelle genähert und dabei misstrauisch den Schilfgürtel gemustert. Doch der Durst in sengender Hitze hatte über den Argwohn gesiegt. Eine Löwin hat ein Jungtier, das sich am weitesten in das kühle Wasser getraut hatte, längst im Visier. Dann geht alles ganz schnell. Die Raubkatze stürzt aus ihrem Hinterhalt und drückt das zappelnde Zebra mit aller Kraft in den Uferstaub. Das Fohlen stößt einen gellenden Schrei aus. Doch bald wird sein Todesruf von aufheulendem Motorenlärm erstickt. Das sterbende Tier wird von mehr als einem Dutzend Safari-Wagen umzingelt. Touristen drängen ihre Guides, näher an das Geschehen heranzufahren. Die rufen per Funkspruch ihre Kollegen herbei. Ein Gemurmel und Rufen in verschiedenen Sprachen unterlegt die Szenerie: Englisch, Italienisch, Russisch und Chinesisch. Die Schaulustigen zücken ihre Kameras und Mobiltelefone. Nur Safari-Guide Tumaini Cleopa will sich an dem Gedränge nicht beteiligen. „Wollen wir uns auf die Suche nach den Wildhunden machen?”, fragt der Massai. Er ist über den Touristen-Andrang beim Löwenmahl wenig erfreut und startet den Motor seines Geländewagens. Ist ein Löwe vor der Kamera, der sich über seine Beute hermacht, nicht der Höhepunkt einer jeden Safari? Mag sein. Aber gar nicht weit von hier, irgendwo dort, wo die große Herde der Gnus weiter nach Westen zieht, so verspricht es Cleopa, wartet ein anderes Abenteuer der Wildnis – eines, das seinen Safari-Gästen dann ganz allein gehört. Was wohl der alte Grzimek zur Serengeti im Jahr 2019 sagen würde? Vor 60 Jahren machte der Schlachtruf des Frankfurter Zoologen „Serengeti darf nicht sterben" die Naturschätze des Landes und ihre Bedrohung schlagartig in aller Welt bekannt. Die berühmte Tierdokumentation wurde am 25. Juni 1959 während der Filmfestspiele in Berlin uraufgeführt und erhielt später als erster deutscher Film überhaupt den Oscar. Sie war wohl maßgeblich da-
ran beteiligt, dass das komplette Ökosystem im Norden des Landes unter Schutz gestellt wurde. Damalige Pläne, die Fläche des Parks mehr als zu halbieren, wurden aufgegeben. Die Massenwanderung der Gnus im Wechsel der Regen- und Trockenzeiten geht seither vom Menschen unbeeinträchtigt weiter und ist Motor des Safari-Tourismus im Land. Während der Dreharbeiten starb Grzimeks Sohn Michael beim Absturz seines Buschfliegers. Für den Vater war es ein kaum zu verkraftender Schicksalsschlag. Die Serengeti aber lebt weiter. Als Präsident der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) legte Bernhard Grzimek den Grundstein für ein jahrzehntelanges Engagement von Naturschützern in Tansania. Noch heute zehrt die Frankfurter Organisation vom Ruhm ihres berühmtesten Mitstreiters. Sie engagiert sich mittlerweile in Schutzgebieten in 18 Ländern und hat Mitarbeiter aus der ganzen Welt. Die Serengeti ist ihr Aushängeschild geblieben. „Serengeti steht bis heute für Wildnis", sagt Christof Schenck. „Allerdings hat sie in letzter Zeit mit immer mehr Herausforderungen zu kämpfen." Der Biologe ist seit fast 20 Jahren Geschäftsführer der ZGF. „Zum einen wird sehr viel Aufwand betrieben, die Wilderei auf Elefanten und Nashörner unter Kontrolle zu bekommen, andererseits gibt es nach wie vor eine hohe Fleischwilderei." Mehr als 25.000 Schlingen wurden seit 2017 von zwei Teams der ZGF eingesammelt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass allein 100.000 bis 150.000 Gnus jährlich gejagt werden. Die meisten davon illegal. Auch das Bevölkerungswachstum, die hohen Viehbestände und der Ackerbau rund um das Ökosystem machen Naturschützern zu schaffen. „Was zu Grzimeks Zeiten noch Pufferzonen waren, sind inzwischen Felder", sagt Schenck. „Immer wieder wird Vieh in den Nationalpark getrieben." Eine im März veröffentlichte internationale Studie von Wissenschaftlern um Michiel Veldhuis von der Universität Groningen belegt: Immer mehr Siedlungen rund um das Schutzgebiet machen den wandernden Tieren bereits jetzt zu schaffen. In einigen Gegenden im Grenzbereich sei die Bevölkerung im letzten Jahrzehnt um das Vierfache gewachsen. In Ndutu, zwischen dem Serengeti-Nationalpark und dem Ngorongoro-Krater, ist für den arglosen Safari-Touristen von alledem nichts zu sehen. Hier spielt sich gerade ein besonderes Schauspiel ab. Wenn nach der Regenzeit das kostbare Wasser die staubige Savanne in eine Fläche aus frischem Grün verwandelt, bringen die Gnus, Zebras und Gazellen hier zu Tausenden ihre Jungen zur Welt. Dann beginnt die Zeit der Katzen. Nicht nur Löwen und Leoparden haben es auf die großen Tierherden abgesehen, auch Geparden stellen dem Nachwuchs von Gnus, aber auch ausgewachsenen Antilopen und Gazellen nach. Die luchsähnlichen Karakale haben eher ein Auge auf die Kitze der Thomson-Gazellen geworfen. Auch die gefleckten Servale haben manchmal Anteil am Festmahl. Kaum irgendwo sonst in Afrika stehen die Chancen für Naturfotografen so gut wie in Ndutu, gleich mehrere Katzenarten zu erwischen. Safari-Guide Cleopa hat am späten Morgen einen Gepard inmitten der Grasebene von Ndutu entdeckt. Mit dem bloßen Auge ist er kaum zu sehen. Langsam nähert er sich dem schnellsten Jäger im Tierreich mit dem Geländewagen. Um das Tier nicht zu stören, stellt er in gebührendem Abstand den Motor ab. „Er hält nach Beute Ausschau", freut sich der Massai. „Geparden jagen auch in den Mittagsstunden. Dann haben sie weniger Konkurrenz." Nach und nach haben auch andere Safari-Wagen den Geparden gesichtet. Die Touristen machen Fotos, sind aber bald wieder verschwunden, um den Lunch in der Lodge nicht zu verpassen. „Sie werden wohl auch das Mittagessen des Geparden verpassen", flüstert Cleopa. „Der hier sieht wirklich hungrig aus." Fast drei Stunden wartet der Guide mit seinen Gästen in der sengenden Mittagssonne. „Geduld zahlt sich oft aus", sagt er, als nur noch ein weiterer Safari-Wagen mit einem Tierfotografen in der Nähe ist. Wie aus dem Nichts taucht plötzlich eine Gazellenmutter mit einem halbwüchsigen Kitz auf. Der Gepard hat sie noch vor Cleopa erspät. Dann geht alles ganz rasch. Die Katze schnellt aus seinem Hinterhalt, eine Staubwolke steigt auf und Cleopa startet den Motor. Bis er sich mit dem Wagen genähert hat, drückt der Gepard dem Gazellenkitz bereits mit einem kräftigen Biss die Kehle zu. „Wir wissen nicht, ob unsere Enkel noch Geparden in der Wildnis erleben werden", sagt Cleopa. Die Bestandszahlen sind in den letzten Jahren dramatisch eingebrochen. Weniger als 7.000 Geparden soll es noch in Afrika geben, davon etwa 300 im Serengeti-Masai-Mara-Ökosystem. Er ist damit die bedrohteste Raubkatze des Kontinents. Dem schnellen Jäger werden vor allem der Verlust von geeignetem Lebensraum und Konflikte mit Viehzüchtern zum Verhängnis. Innerhalb des Nationalparks fielen mindestens acht Geparden in den letzten drei Jahren Unfällen mit zu schnellen Safari-Wagen zum Opfer – ein Verlust, der Cleopa besonders ärgert. Überhaupt setzt der stark zunehmende Tourismus die Serengeti mehr und mehr unter Druck. Unzählige Tierdokumentationen locken immer mehr Reisende nach Tansania. Aus dem starken Wasserverbrauch von immer mehr Touristen-Unterkünften im und um den Park könnte bald ein ökologisches Problem werden. In den Mägen von verendeten Hyänen finden Zoologen immer häufiger Plastikmüll. Naturschützer wie die Zoologin Marion East vom Leibniz-Insitut für Zoo- und Wildtierforschung appellieren dabei an Touristen, sich ihres Einflusses auf das Ökosystem bewusst zu werden. „Einen Reiseveranstalter auszuwählen, dem es wirklich um Nachhaltigkeit geht, ist ganz entscheidend", sagt die Britin. „Jeder kann auch einfach seinen eigenen Müll wieder mitnehmen, statt ihn im Park zu lassen. Ich selbst mache das auch so." Zwar hat Tansania im Mai landesweit Plastiktüten verboten, Verpackungsmüll und Einwegflaschen werden die Serengeti aber weiterhin belasten. Christof Schenck von der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft empfiehlt gar, nach Möglichkeit in andere Safari-Ziele des Landes wie den Ruaha- oder Katavi-Nationalpark auszuweichen. „Der Druck durch den Tourismus ist dort sehr viel geringer und es gibt keine Verkehrsstaus." In der Serengeti können Touristen aber allein schon zum Erhalt der Tierwelt beitragen, indem Sie sich nicht an dem Ansturm auf einzelne Arten beteiligen. „Für mich ist die Beobachtung eines seltenen Vogels, eines Servals oder Karakals manchmal viel spannender als die Begegnung mit einem Löwen oder Leoparden", sagt Cleopa. Als die Sonne bereits hinter dem Akaziengestrüpp verschwunden ist, wartet ein Serval auf Cleopas Gäste direkt am Wegrand – wie von dem Guide bestellt. Die schöne Katze duckt sich ins hohe Gras. Ihre übergroßen Luchsohren sind jedoch gut zu erkennen. Sie späht einen Augenblick lang nach dem Menschengefährt und ist sogleich mit einem Satz in einer nahen Buschgruppe verschwunden. Es ist nicht die letzte Aufregung auf dem Catwalk von Ndutu. Die Kleinste in der Katzenfamilie sorgt zum Schluss für einen unverhofften Auftritt: eine Falbkatze oder Afrikanische Wildkatze. Bevor man über Unterschiede zu ihrer weitbekannten Ahnin, der Hauskatze, nachdenken könnte, ist sie schon wieder weg. Fehlt neben dem Karakal nur noch die geheimnisvolle Goldkatze im Club der heimlichen Savannentiger. Letztere streift allerdings als zentralafrikanische Regenwald-bewohnerin höchstens als Irrgast durch Tansania. Sie wird selbst von Forschern mit automatischen Kameras nur selten erwischt. Cleopa allerdings will sie schon gesehen haben. „Man kann nie genug Glück haben", sagt der Guide. „Die Savanne ist immer gut für einzigartige Überraschungen." Für seine Gäste steht bereits fest – dies war nicht ihre letzte Safari in Tansania...

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