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22,5 Stundenkilometer: Das ist die Durchschnittsgeschwindigkeit, die der Tacho auf dem E-Mountainbike von Mathias Kretschmer anzeigt.  - © Oliver Herold
22,5 Stundenkilometer: Das ist die Durchschnittsgeschwindigkeit, die der Tacho auf dem E-Mountainbike von Mathias Kretschmer anzeigt.  | © Oliver Herold
JOBRAD

10.000 Kilometer in drei Jahren

Auto-Leasing war gestern. Stattdessen fördern immer mehr Arbeitgeber E-Bikes und Pedelecs. Ein Beispiel dafür sind Mitarbeiter Mathias Kretschmer aus Bielefeld und sein Arbeitgeber, die Intal gGmhH in Halle.

Oliver Herold
28.07.2021 | Stand 27.07.2021, 14:58 Uhr

Er fährt und fährt und fährt und mittlerweile sind es fast 10.000 Kilometer, die Mathias Kretschmer in den vergangenen drei Jahren mit seinem Pedelec-Mountainbike zurückgelegt hat. Dass der 56-Jährige derart sportlich unterwegs ist, habe er selbst nie für möglich gehalten, sagt er. Doch dem Arbeitgeber sei Dank!

Jobrad nennt sich diese Art der Mobilität, die inzwischen von immer mehr Arbeitgebern gefördert und finanziell unterstützt wird. Das Prinzip ähnelt dem Leasing-Modell bei Kraftfahrzeugen, nur eben zugeschnitten auf E-Bikes und Pedelecs. Fahrrad-Interessierte gehen dabei einfach zu einem Fahrradhändler ihrer Wahl (Voraussetzung ist, dass dieser bereit ist, eine Kooperation mit dem Leasing-Vertragshändler einzugehen, was aber mittlerweile die meisten tun) und suchen sich ihr Wunschrad aus. Den Kaufpreis zahlt der Arbeitgeber, der von seinem Angestellten dann eine monatliche Leasing-Rate vom Brutto-Lohn einbehält. Je nach Leasing-Vertrag kommt noch eine Versicherung oder die Pflicht zur jährlichen Inspektion dazu. Am Ende der Laufzeit, meist nach 36 Monaten, entscheidet man sich, ob man das Rad gegen einen Restpreis kaufen oder abgeben und lieber ein neues leasen möchte.

Weg vom Auto, rauf aufs Rad lautet die Devise, mit der die E-Mobilität vor allem für Pendler attraktiv gemacht werden soll, und irgendwie scheint es zu funktionieren. Vor drei Jahren stellte sich für Kretschmer die Frage, wie er eigentlich den täglich knapp 40 Kilometer langen Hin- und Rückweg zwischen seinem Wohnort Bielefeld und seiner neuen Arbeitsstelle in Halle zurücklegen möchte: Per Bahn oder mit dem Auto, was er noch hätte kaufen müssen. Doch weil sein Arbeitgeber, die Intal gGmhH, schon damals das Jobrad-Modell unterstützte, entschied er sich für die dritte Möglichkeit, nämlich ein Pedelec-Mountainbike der Marke Stevens, Modell Whakka mit Shimano-Schaltung und Mittelmotor zum Preis von 4.900 Euro.

„Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mir ein derart teures Fahrrad zu kaufen", sagt er. Doch dank des Leasing-Modells sei ihm die Entscheidung leicht gefallen, vor allem natürlich, weil er den Kaufpreis nicht selbst aufbringen musste. Stattdessen zieht sein Arbeitgeber, die Intal gGmbH, 36 Monate lang jeweils 156 Euro vom Bruttogehalt des als Ausbildungscoach arbeitenden Bielefelders ab. Hinzu kommt die vertragliche Pflicht, das Rad einmal im Jahr in einer Werkstatt einer Jahresinspektion zu unterziehen (Verschleißteile werden dabei kostenfrei ersetzt) sowie eine Pflichtversicherung. Kretschmar habe sich hier für ein Premium-Modell entschieden, das ihn gegen Diebstahl, Unfälle und Liegenbleiben absichert. Sollte einer der drei Fälle eintreten, werde das Rad in Deutschland und Österreich binnen 24 Stunden ersetzt; die monatlichen Kosten von 15 Euro zahle er für diese Art von Mobilitätsgarantie „gern".

Denn selbstredend nutzt Kretschmer sein Pedelec nicht nur für den Arbeitsweg oder für Fahrten zu Terminen, sondern auch privat. Mal just am Wochenende einen Abstecher nach Bad Oeynhausen oder in den Teuto – was heute keine Seltenheit sei, wäre bis vor drei Jahren undenkbar gewesen, sagt er. Zudem plane er noch diesen Sommer einen Trip nach Bremerhaven in Etappen à 100 Kilometer. Bei einer Akkuleistung von ebendieser Strecke und einem Aufladetempo der Batterien von knapp vier Stunden ein „ambitioniertes, aber durchaus realistisches Vorhaben", wie er sagt.

Neben den beiden positiven Aspekten „körperliche Ertüchtigung" und „Verzicht aufs Auto" habe die E-Mobilität bei ihm zudem dafür gesorgt, „schnell den Kopf frei zu bekommen" und spontan sein zu können. Auf dem Rückweg von der Arbeit mal eben einen Abstecher über die Berge oder an Feldern entlang, das sei einfach unbezahlbar.

„Es mag sich vielleicht merkwürdig anhören, aber man geht schon eine emotionale Bindung mit seinem Fahrrad ein", sagt Kretschmer, der sich ein Leben ohne sein Stevans gar nicht mehr vorstellen könne. Oder doch? Anfang Herbst jedenfalls läuft sein Leasing-Vertrag aus und es stellt sich die Frage: Das Rad für 500 Euro kaufen und behalten oder zurückgeben und ein neues leasen? Obwohl Kretschmer eine endgültige Entscheidung noch nicht getroffenen habe, tendiere er mittlerweile stark zu einem neuen Rad. „Technik und die Akkuleistung haben sich in den letzten Jahren deutlich verbessert, ein neues Mountainbike wäre da schon reizvoll", sagt er. Ein Auto jedenfalls wolle er sich nicht zulegen – bei einer Fahrtzeit von weniger als 40 Minuten für den knapp 20 Kilometer langen Arbeitsweg sei das auch keine Alternative. Sollte es regnen oder stürmen, könne man ja immer noch auf die Bahn umsteigen.

Übrigens: Um unabhängig von fossilen oder durch Atomkraft erzeugten Strom zu sein, überlegt Mathias Kretschmer derzeit gemeinsam mit seinem Arbeitgeber, ob sich eine Investition in den Kauf von Sonnenkollektoren rechne. So könne die gesamte Intal-E-Bike-Flotte während der Arbeitszeit ihre Akkus mit Sonnenenergie laden – und so autark vom Stromnetz werden.

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