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Einschlafen nach dem Vorlesen: Herrlich. - © picture alliance / ZB
Einschlafen nach dem Vorlesen: Herrlich. | © picture alliance / ZB

Familie Eltern-Blog: Über die Großartigkeit des Vorlesens

Björn Vahle
29.10.2019 | Stand 29.10.2019, 12:44 Uhr

Kinder, denen mehrmals in der Woche vorgelesen wird, lernen selbst besser und schneller lesen. Trotzdem liest nur ein Drittel der Eltern Kindern zwischen 2 und 8 regelmäßig vor, sagt die Stiftung Lesen. Unseren Autor, Vater einer dreijährigen Tochter, macht das traurig. Darum eine Ode an Pixi, Petzi und Pitje Puck. Die Supermarktkasse stürzt mich jedes Mal in ein pädagogisches Dilemma. Und zwar nicht wegen der Süßigkeiten. Schuld sind Pixi und seine Bücher. In einer überdimensionierten Salatschüssel, gehalten von den Armen eines Kobold-Pappaufstellers, liegen sie. Und zwar so platziert, dass meine Tochter mir spätestens dann in den Ohren liegt, wenn wir es gerade erst an Quetschies und Fruchtschnitten vorbei geschafft haben, ohne dass lächerliche Mengen davon im Einkaufswagen gelandet sind. "Papa, eins mitnehmen?", lautet dann stets die Frage. Wenn sie besonders diplomatisch gelaunt ist: "Und dann ist Schluss". Und dann stehe ich da und bin verloren. Ich freue mich unendlich, dass die Bemühungen von Mama und Papa diese Lust aufs (Vor-)Lesen bei ihr haben wachsen lassen. Gleichzeitig soll sie nicht den Sinn für das Besondere verlieren. Weshalb es eben nicht immer ein Buch gibt. Obwohl ich ihre Leselust am liebsten in den Himmel fördern würde. Ich bin froh, dass sie so ist. Bedanken können wir uns da wohl bei unseren Eltern, denn die Vorlesezeit mit Papa auf dem Sofa, bei warmem Kakao unter Decken gekuschelt, war schon für uns ein Highlight. Er machte es nämlich zum Event. Übertrieben langsam schob er die nickelige Lesebrille auf die Nase, grinste uns verschwörerisch an, als begäben wir uns alle zusammen in ein Abenteuer, und dann sagte er den Satz, den er sich rituell für den Beginn jeder Geschichte zurechtgelegt hatte: "Aufgemerkt, nun also." "So, Papa, jetzt weiter" Ich war jedes mal wie gebannt davon. Denn Vorlesen ist Erlebnis, ist Nähe, ist Kuscheln. Mit oder ohne Decke, mit oder ohne Kakao. Funktioniert sogar so ähnlich wie Fußball, wenn man der Logik folgt, dass der nur deshalb so viele Fans hat, weil man da so schön hoffnungslos Nostalgiker sein kann: Es ist nämlich immer auch Erinnerung an die eigene Kindheit. Als uns selbst noch beschäftigte, wie Weihnachten in Bullerbü gefeiert wird oder Pippi Langstrumpfs ihren Piratenvater wiederfindet. Und es ist ein Quell absurder Komik, wie sie nur Kinder heraufbeschwören können. Neulich las ich meiner Tochter von Petzi vor, dem kleinen Bären, und seiner Begegnung mit der Giraffe mit dem steifen Hals. Als Petzi und seine Freunde einen Flaschenzug bauen, damit das Tier aus einem umgedrehten Regenschirm voll Wasser seinen Durst stillen kann, las ich, dass der Langhals "einen großen Schluck getrunken" habe. "Nein, Papa. Einen großen Schluck GENOMMEN", piepste sie neben mir, ohne den Finger aus dem Mund oder den Blick von der Seite zu nehmen. Sie hat Recht: So steht es da. Manchmal, wenn wir ein Buch zum drölfzigsten Mal lesen, fängt sie auch einfach leise an zu singen. "Alle Vögel sind schon da" oder "Kommt, wir wollen Laterne laufen" zum Beispiel. Nicht gelangweilt, weil sie die Geschichte natürlich längst auswendig kennt, aber doch bestimmt. Und dann heißt es warten. Auf ihr Signal. "So, Papa, jetzt weiter." "Aufgemerkt, nun also" Am meisten Spaß aber macht es, zu sehen, wie sie versteht. Wie sie lernt, was Dinge bedeuten. Wie sie Gefühle begreift. Wenn das kleine Ich-bin-ich, nachdem es dutzendfach hören musste, dass es nirgendwo richtig dazugehört, seine Einzigartigkeit erkennt: "Sicherlich gibt es mich: Ich bin ich." Dann strahlt sie. Als hätte sie, dieses zarte Etwas von zweieinhalb Jahren, die Suche nach der Identität, diese das Menschsein so tief durchdringende Erfahrung, von Anfang bis Ende verstanden. Dieses kleine Mädchen, das noch an der Koordination seiner Finger scheitert, wenn man es fragt, wie alt es ist. Dann beginne ich zu verstehen, warum sich mein Vater so viel Mühe damit gemacht hat, uns das Vorlesen als etwas Großartiges zu vermitteln. Etwas, das einen würdigen Rahmen verdient, und wenn es nur das Kuscheln unter der Decke an einem kalten Herbstnachmittag ist, wenn nichts auf der Welt so spannend ist, wie die spießigen Ereignisse im Leben des Briefträgers Pitje Puck. Etwas, das eine Brille auf der Nasenspitze verdient. Und so ist es auch mir schon passiert, dass ich die Lektüre des absolut höhepunktslosen Buches "Conni geht aufs Töpfchen" quasi automatisch mit den Worten begann, die ich gelernt habe. "Aufgemerkt, nun also." Und da war es, auf dem Gesicht meiner Tochter, dieser Ausdruck, den sie nur beim Vorlesen bekommt: die Vorfreude auf eine Geschichte. Das Lächeln des Abenteurers.

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