Moderatorin und Autorin Sarah Kuttner . - © Katharina Hintze
Moderatorin und Autorin Sarah Kuttner . | © Katharina Hintze

Interview Sarah Kuttner: "Der Tod ist irre tabuisiert"

Die 40-Jährige hat mit Fernsehen mittlerweile weniger zu tun. Dafür ist ihr neuer Roman "Kurt" gerade erschienen.

Die Fernsehmoderatorin und Autorin spricht im Interview über ihr neues Buch, in dem ein Kind stirbt, den richtigen Umgang mit Trauer, 
ihre Liebe zur Gartenarbeit und warum sie keine eigene Fernsehshow mehr moderiert. Frau Kuttner, Ihr neuer Roman „Kurt" (S. Fischer Verlag, 240 Seiten, 20 Euro) dreht sich um den Tod eines Kindes und die Trauer über den Verlust. Wie kamen Sie auf die Idee, über ein solch schreckliches Thema zu schreiben? Sarah Kuttner: Am Anfang stand die Idee, einen Roman über eine Patchworkfamilie zu schreiben, in dem die weibliche Hauptfigur einen Mann mit Kind kennenlernt. Dann lag der Stoff aber ein Jahr lang nur rum, weil es doch nicht so richtig mein Thema war. Bis mir aufgefallen ist, dass ich in dieser Zeit wahnsinnig viel mit Trauer zu tun hatte und Leute gestorben sind, die ich kenne. Haben Sie um den sechsjährigen Kurt getrauert, als Sie ihn in Ihrem neuen Buch sterben lassen mussten? Kuttner: Nein, dazu kann ich genug unterscheiden, ob etwas fiktiv ist oder nicht. Aber ich habe mich beim Schreiben in ihn verknallt, und als es dramaturgisch an der Zeit war, ihn sterben zu lassen, erwischte ich mich dabei, das ein bisschen rauszuzögern. Ich lasse den Tod ja auch sehr leise und still stattfinden, damit er keine Sensationsgeilheit auslöst und damit klar wird: Es geht um das, was nach seinem Tod passiert. Gibt es so etwas wie den richtigen Umgang mit Trauer? Kuttner: Viele trauernde Leute drängen sich aus Überforderung selbst in eine Rolle, von der sie glauben, dass sie die ausfüllen müssen. Immer: Ich darf jetzt nicht lachen, denn ich habe jemanden verloren. Das ist Quatsch und hemmt die Heilung. Ist Trauer ein Tabu in unserer Gesellschaft? Kuttner: Nein, Trauern ist in gewisser Weise sogar sexy. Wenn ein Prominenter stirbt, trauern die Leute bei Facebook, machen einen Tränchen-Smiley und schreiben „Rest in Peace", obwohl sie jemanden gar nicht kannten. Der Tod dagegen ist immer noch irre tabuisiert. Viele Leute haben noch nie eine Leiche gesehen, weil in unserer Kultur die Toten sofort weggeschafft werden. So lassen sich auch die Schaulustigen bei Unfällen erklären: Das ist ihre Chance, mal ganz kurz zu gucken, wie das Ende aussehen könnte. Haben Sie schon Leichen gesehen? Kuttner: Ja, aber eben auch nur bei Dreharbeiten für eine Sendung bei einem Bestatter und genau deshalb war ich damals auch unheimlich neugierig. Den verstorbenen Freund meiner Freundin habe ich dann auch gesehen. Es ist faszinierend, aber auch erleichternd, wie schnell sich Menschen verändern, wenn sie tot sind. Sie sehen fast umgehend nur noch aus wie eine schlechte Madame-Tussauds-Version ihrer selbst. Da ist wirklich nur noch die Hülle übrig. Ich fand das sehr hilfreich und bin daher auch kein Fan von Schminke nach dem Tod. Vor fünf Jahren sorgten Sie mit dem Satz „Ich finde Kinder irgendwie doof" für Wirbel. Jetzt stellen Sie ein Kind ins Zentrum Ihres neuen Romans. Gibt es da einen Zusammenhang? Kuttner: Ich wette, dass 
ein großer Teil der Bevölkerung nichts mit Kindern anfangen kann, sie sind eben 
keine Erwachsenen, und wenn es nicht die eigenen Kinder sind, gibt es eben kaum eine Schnittmenge. Hinzukommt, dass ich zurzeit nicht vor-
habe, eigene Kinder zu kriegen, das wird einem auch immer übel genommen. Dass ein Kind in meinem Buch mitspielt, liegt nur daran, dass es um diese Familie geht. Es gibt keinen anderen Zusammenhang. „Kurt" ist auch ein Buch über ein Paar, das von der Stadt aufs Land zieht, nach Oranienburg. Sie kommen aus Berlin und leben auch in der Hauptstadt, was verbindet Sie mit Brandenburg? Kuttner: Vieles. Wir sind, als ich klein war, an den Wochenenden immer in die Schorfheide gefahren und mein Vater hat ein wunderschönes Haus in der Uckermark. Vor fünf Jahren habe ich mir selber ein Wochenendhäuschen mit Garten in der Nähe von Oranienburg gekauft, weil ich Lust auf den ganzen Naturkram hatte. Ich habe dort immer abgerockte Latzhosen an, in sämtlichen Taschen sind Gartenscheren und so, ich grabe Rosen ein und aus, dünge den Rhododendron, schneide den Apfelbaum. Das macht mich wahnsinnig zufrieden. Könnten Sie sich vorstellen, ganz auf dem Land zu leben? Kuttner: Nein, ich liebe die Stadt und würde nie ganz aufs Land ziehen. Aber ich liebe auch die Möglichkeit, in einer halben Stunde in der Natur zu sitzen und im Garten springen alle Hunde um mich rum. Ich mag auch das etwas Runtergerockte, Ostige, das Brandenburg in dieser Ecke hat. Da gelten auch ganz andere soziale Regeln. Zum Beispiel gibt man sich da noch die Hand zur Begrüßung. Das ist altbacken und viel schöner als diese furchtbare Küssen-Mentalität in der Stadt. Sie sind als Moderatorin bei Viva und MTV bekannt geworden. Ist das Schreiben auch ein Versuch, dieses Etikett loszuwerden? Kuttner: Ich habe es nie darauf angelegt, meinen Ruf 
zu ändern. Ich war in dem Job gut und erfolgreich, es hat mir zu jeder Zeit Spaß gemacht. Was mich aber langweilt, sind diese unkreativen Begriffe, die Journalisten seit Jahren auf mich anwenden, wie „frech" oder „Berliner Schnauze". Aber vermutlich treffen sie ja zu. Ich bin nicht auf den Mund gefallen, selbst meine Romane sind ja rabaukig. Die Mütter von Bekannten sagen oft: „Die Bücher sind ja interessant, aber die ganze Fäkalsprache muss doch nicht sein." Muss aber eben manchmal doch sein, wenn es nah am Leben sein 
soll. Im neuen Roman „Kurt" schreiben Sie auch viel über Sex. Kuttner: So viel ist es gar nicht, finde ich. Mir ist wichtig, dass meine Bücher realistisch sind, und dass der Leser denkt, das könnte ihm auch passieren. Und zum Leben gehört nun mal, dass Leute Sex haben, aufs Klo gehen oder mal nicht gut riechen. Ich habe keine Lust, das rauszunehmen, nur weil es auch um Depressionen oder Sterben geht. Warum haben Sie keine eigene Fernsehsendung mehr? Kuttner: Ich würde gerne mehr Fernsehen machen, aber es bricht mir auch nicht die Beine, dass es nicht so ist. Ich habe damals beim Musikfernsehen sehr viel gearbeitet, ich habe mein Geld gespart, ich mag mein Leben so, wie es ist. Ich habe ein, zwei Konzepte fürs Fernsehen in der Schublade, aber die sind schwer an den Mann zu bringen, weil ich eben schwer an den Mann zu bringen bin. Inwiefern? Kuttner: Das Fernsehen hat immer weniger Mut. Die Mehrheit der Zuschauer orientiert sich doch längst an den Streamingdiensten. Ich selber liebe Fernsehen, aber ich schaue nur noch in den Mediatheken fern, wenn ich den Zeitpunkt selber bestimmen kann. Den Sendern schwimmen die Felle weg, und deshalb verlassen sie sich auf Leute, die garantiert funktionieren und Zielgruppe bringen. Und so jemand bin ich einfach nicht.

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