Der damalige VIVA-Moderator Mola Adebisi hält im Sendegebäude das Logo des Musiksenders in den Händen. Ein Vierteljahrhundert nach seiner Gründung wird der Musiksender Viva zum Jahresende endgültig eingestellt. - © picture alliance/KEYSTONE
Der damalige VIVA-Moderator Mola Adebisi hält im Sendegebäude das Logo des Musiksenders in den Händen. Ein Vierteljahrhundert nach seiner Gründung wird der Musiksender Viva zum Jahresende endgültig eingestellt. | © picture alliance/KEYSTONE

Musik-TV Viva wird abgeschaltet: Unser Autor erinnert sich an eine Jugend mit Musik-TV

Der Musiksender hatte Kultmoderatoren hervorgebracht und eine ganze Jugendgeneration geprägt

Björn Vahle
31.12.2018 | Stand 31.12.2018, 15:41 Uhr

Das Ritual ist immer dasselbe: Freitagabend, mein Kumpel und ich, die Viva Top 100. Immer mit dabei: Red Star Cola für 20 Cent pro Dose. Und dann die bange Frage, die die kommenden zwei Stunden bestimmt: Spielen sie unser Lied? Was im Nachhinein wie ein romantisches Date klingen mag, ist die Erinnerung an eine Zeit, in der das Internet noch pro Minute abgerechnet wurde - und Lieblingsmusik auf Abruf ein entweder sündteures oder schlicht unmögliches Unterfangen war. Es sei denn, man wollte den Discman in der Tasche spazieren tragen. Es war die Zeit meiner schon etwas fortgeschrittenen Jugend, die frühen 2000er. Ich verbinde sie vor allem damit, gelernt zu haben, was Musik für ein junges Leben bedeuten kann. Sich in sie hineinzusteigern, sie mit jeder Faser begreifen und feiern zu wollen. So merkwürdig das in einem Abgesang auf das Musikfernsehen klingen mag: Um die Videos ging es mir gar nicht. Viva und Co. ebneten der Musik einfach den Weg in mein Leben. Auch, weil Youtube noch in den Kinderschuhen steckte. Die einzige Chance für Blink? Die Top 100 Denn nur damit das klar ist: Dass Video den Radiostar gekillt hatte, war damals schon mehr als 20 Jahre her. Musikvideos wurden zwar immer noch aufwändig produziert und waren immer mal wieder Gesprächsthema. Aber mal ehrlich: Ich war einfach glücklich, wenn zwischen dem ganzen Pop-Geseiere mal "meine" Musik im Fernsehen lief. Oder überhaupt irgendwo. Meine Musik, das waren damals die herrlich pubertären Pop-Punker von Blink 182. Später differenzierte sich das in Richtung Rock und Alternative aus. Doch beides war natürlich auf allen damals empfangbaren Kanälen rar gesät, es sei denn man schaute Viva Zwei zwischen 3 und 5 Uhr nachts. Die einzige Chance zur Primetime bestand also in den Top 100, den deutschen Charts, aus denen Viva ausgewählte Songs spielte. Von hinten nach vorne arbeiteten sich Mola und seine Moderationskonsorten durch die Rangliste. Die hinteren Plätze wurden schnell abgehandelt, so dass man bald zu den Songs kam, die nach damaligen Maßstäben jeder hören wollte. Jeder außer uns. Also brachen mein Kumpel und ich jedes Mal in überbordenden, colaverschüttenden Jubel aus, wenn irgendwo auf Platz 78 der neue Song unserer Lieblingsband vorkam. Wir waren damals schon Freunde von Underdogs, ein klassisches Beispiel jugendlichen Abweichlertums. Britney Spears? Hör mal lieber "What's my age again", Alter. Wir waren die Geilsten, weil wir nicht hörten, was alle hörten. So einfach war die Welt. Von all dem bleibt nun also nichts mehr, Viva wird eingestellt. Die Freitagabende mit dem Schulkumpel gibt es schon länger nicht mehr, Red Star Cola auch nicht. Die Viva Top 100 wird es tatsächlich wohl bis zum Schluss geben. Natürlich habe auch ich schon länger kein Viva mehr gesehen. Und wenn wir ehrlich sind, hat das Ganze seit Jamba-Klingeltönen und US-Datingshows auch schon länger nichts mehr mit "Musik-Fernsehen" zu tun. Und trotzdem steht es für eine Zeit, in der junge Musikfans wie ich lernten, es zu lieben, wenn Musik das Leben begleitet. Das ist die Basis dafür, dass Spotify heute eine Geschäftsgrundlage hat. So wie es die Basis dafür war, dass Plattenspieler, Walkmans und MP3-Player groß wurden. Viva hatte seine Zeit. Sie ist schon länger vorbei. Darauf eine Red Star Cola. Und die ewig gültige Frage: "What's my age again?"

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