Franziska Schreiber war bis vor zwei Jahren bei der AfD - heute video-bloggt sie für den Jugendkanal funk.  - © funk - Pressefoto
Franziska Schreiber war bis vor zwei Jahren bei der AfD - heute video-bloggt sie für den Jugendkanal funk.  | © funk - Pressefoto

Netzwelt Rechtsruck im Jugendkanal: Eine ehemalige AfD-Frau bloggt jetzt für "funk"

In ihrem Videoformat beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk wirbt Franziska Schreiber für Nationalstolz und Atomkraftwerke, bloggt über "linke Doppelmoral" und übt EU-Kritik. Dass Schreiber mal Politikerin der AfD war, erfährt der Zuschauer nicht.

Matthias Schwarzer
11.07.2019 | Stand 11.07.2019, 18:59 Uhr

Mainz. Der öffentlich-rechtliche Jugendkanal funk hat seit Kurzem eine neue Meinungsbloggerin. Und die Personalie ist durchaus überraschend: Franziska Schreiber war nämlich bis 2017 Mitglied der AfD, genauer gesagt sogar Vorsitzende der "Jungen Alternative". Seit März produziert die 29-Jährige nun regelmäßig Meinungsvideos auf ihrem YouTube-Kanal. Zugeschnitten auf ein junges Publikum und finanziert von den Rundfunkgebühren. Doch gehört die ehemalige Frontfrau einer rechten Bewegung wirklich in ein öffentlich-rechtliches Jugendangebot? Und welche Inhalte sind da zu sehen? Ein Blick in Schreibers Vergangenheit - und in ihre Videos. Wer ist Franziska Schreiber? Bis 2017 galt Franziska Schreiber als "rechte Hand" von Frauke Petry. Die heute 29-Jährige hatte als Vorsitzende der Jungen Alternative (kurz: "JA") Karriere gemacht. Die "JA" ist der radikale Jugendableger der AfD, in dem sich Medienberichten zufolge mehr Rechtsextreme tummeln als man nach außen zugibt. Nach dem Abgang von Frauke Petry trat Schreiber 2017 medienwirksam aus der AfD aus und veröffentlichte dazu auch ein Buch mit dem Namen "Inside AfD". In diesem Zusammenhang wurde Schreiber in diverse Talkshows eingeladen und bekräftigte stets ihre Distanzierung vom vermeintlich "neuen" radikalen Kurs der Partei. Vor der Bundestagswahl 2017 empfahl sie stattdessen die FDP. Nur drei Jahre zuvor klang das alles noch ein bisschen anders: 2015 beispielsweise argumentierte Schreiber gegen das Gesetz zur Holocaustleugnung. "Grenzenlose Meinungsfreiheit" sei ihr lieber. 2017 kritisierte Schreiber den angeblichen "Multi-Kulti-Schmalz" im Kinderfilm "Bibi und Tina". Was ist in den Videos zu sehen? Heute video-bloggt Schreiber selbst für Kinder und Jugendliche. Und das ganz ohne "Multi-Kulti-Schmalz". Im Gegenteil. Die Meinungsbeiträge auf ihrem YouTube-Kanal sind zwar harmlos, ihre Theorien jedoch alles andere als AfD-fern. Eine Kostprobe in Kurzform: Man sollte stolz auf Deutschland sein und öfter mal die schwarz-rot-goldene Fahne schwenken. (Video) Klar ist Rechtsextremismus nicht so schön, aber was ist eigentlich mit G20 oder straffälligen Asylbewerbern? (Video) Blöd, was mit Tschernobyl und Fukushima passiert ist, aber Atomkraftwerke sind ja heute total sicher. (Video) Was soll das eigentlich mit dieser "Body Positivity" neuerdings? Nicht, dass Adipositas noch zum Modetrend wird! (Video) Klar ist es irgendwie schön, wenn Schüler für das Klima auf die Straße gehen und sich für Politik interessieren. Aber muss das wirklich während der Schulzeit sein? (Video) Die EU ist schon okay - Frieden und Völkerverständigung aber nur "kitschiges Bla Bla". (Video 1, Video 2) Wo liegt das Problem? Dass die 29-Jährige mal Politikerin der AfD war, erfährt der Zuschauer in den sechs- bis siebenminütigen Clips übrigens nicht. Weder in ihrem Vorstellungsvideo noch in den Video- oder Kanalbeschreibungen wird das erwähnt. Einzig in einem kleinen Abschnitt auf der funk-Website, erfährt der Zuschauer von Schreibers Vergangenheit. Vielmehr positioniert funk die 29-Jährige als "Stimme der Vernunft" - und als "Journalistin". In einem Video stellt sich "Franzi" als "weder rechts noch links noch mittig" sondern "einfach kritisch" vor. Untermalt wird das von einem erhobenen Zeigefinger im Logo. Man wolle an die "harten Themen ran" und "Klartext reden". In der Kanalbeschreibung kündigt funk eine Haltung Schreibers an, die "mal links, mal Mitte, mal rechts" sei und auch bewusst anecken wolle. Ein antifaschistisches Reddit-Forum hatte das Videoformat von Franziska Schreiber bereits vor einigen Monaten entdeckt und die vermeintliche Neutralität der 29-Jährigen als "wunderbar Faschismus legitimierendes Argument" bezeichnet. Denn wer mit größter Betonung "beide Seiten" des politischen Spektrums abdecke, der decke vor allem die rechte ab. Lesen Sie auch: Wie rechte Sprache funktioniert Warum engagiert funk eine ehemalige rechtsaußen-Politikerin? Doch warum engagiert funk überhaupt eine ehemalige AfD-Politikerin als Meinungsbloggerin? Die Vermutung liegt nahe, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hier erneut auf die laute Kritik rechter Gruppierungen reagiert. Denen ist das öffentlich-rechtliche Jugendangebot nämlich seit jeher ein Dorn im Auge. funk-Formate wie "Jäger und Sammler", die sich oftmals mit dem Thema Feminismus beschäftigten, hatten über Jahre hinweg heftige Proteste in der rechten Szene ausgelöst. Das gilt auch für andere funk-Formate: "Auf Klo" beispielsweise beschäftigt sich mit Minderheiten in der Gesellschaft, "Datteltäter" mit der muslimischen Kultur. Kritisiert wird das Angebot des Jugendkanals aber nicht nur von rechten Internettrollen. Auch die YouTuber "Spacefrogs" hatten Anfang des Jahres in einem Video die Frage nach der politischen Vielfalt bei funk gestellt. Schließlich gebe es ja auch im Fernsehen "konservativere Formate". Und außerdem seien auch nicht "alle Jugendlichen Social-Justice-Warrior". Dieser Kritik wolle funk mit Schreibers Format wohl entgegentreten, vermuten auch Nutzer im Reddit-Forum. Was sagt funk selbst zum Format? Die Verantwortlichen beim öffentlich-rechtlichen Jugendangebot erklären auf Anfrage von nw.de: "Ziel von funk ist es, Meinungsbildung zu ermöglichen und möglichst unterschiedliche Perspektiven innerhalb des demokratischen Konsenses abzubilden." Dieses "Vielfaltsziel" habe auch bei der Entscheidung für Franziska Schreiber eine Rolle gespielt. "Und wir sind auch weiter auf der Suche, um noch mehr Haltungen abbilden zu können, denn Demokratie ist Diskurs." Schreiber sei von funk gezielt für das Format angesprochen worden - ihre frühere AfD-Mitgliedschaft habe man vorab diskutiert. "Wir haben uns nicht für Franziska Schreiber entschieden, weil sie eine AfD-Aussteigerin ist. Aber natürlich haben wir das Thema auch intern diskutiert. Für uns war es wichtig, dass Franziska nicht als politische Akteurin bei uns auftritt, sondern als Journalistin und so ist der Kanal jetzt auch angelegt", heißt es. Mitbekommen hat Schreibers Karriere als Videobloggerin bislang übrigens kaum jemand. Im Schnitt schauen nur rund 20.000 Menschen ihre Videos, der YouTube-Kanal hat seit dem Start rund 13.000 Abonnenten gesammelt. Im Vergleich zu anderen YouTube- oder funk-Formaten ist das wenig. Bei den wenigen Zuschauern kommt Schreibers Format aber gut an. Selbst ihr Werbevideo pro Atomkraft erhielt zahlreiche positive Reaktionen. Bei einigen Kommentatoren allerdings stoßen Schreibers Thesen auch auf Unmut. Vor allem denjenigen, die Schreiber noch aus AfD-Zeiten kennen, ist ihre Meinung schlicht (Zitat): "zu links".

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