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Zu gut für die Tonne: Carl-Peter Freytag kocht im Bielefelder Umweltzentrum aus geretteten Lebensmitteln eine leckere vegetarische Mahlzeit. - © Jemima Wittig
Zu gut für die Tonne: Carl-Peter Freytag kocht im Bielefelder Umweltzentrum aus geretteten Lebensmitteln eine leckere vegetarische Mahlzeit. | © Jemima Wittig

Anders essen So kämpfen Menschen gegen Lebensmittelverschwendung

Serie "Anders essen": Ehrenamtliche und Supermärkte haben sich zusammengeschlossen, damit noch genießbare Lebenmittel nicht in den Müll müssen. Die Foodsharer treffen aber auch auf Widerstand

Jemima Wittig
27.12.2018 | Stand 26.01.2019, 13:57 Uhr

Bielefeld. Carl-Peter Freytag steht in der Küche im Bielefelder Umweltzentrum zwischen fünf großen grünen Kisten. Alle sind mit Obst, Gemüse und Joghurt gefüllt. Die Lebensmittel haben kleine Mängel. Die Bananen haben braune Flecken, eine Clementine im Netz schimmelt und der Joghurt hat sein Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht. Im Supermarkt würde sie keiner mehr kaufen. Deswegen hat der gelernte Kaufmann sie gerettet. Doch nicht nur die Geschäfte werfen viele Lebensmittel weg. Jeder Deutsche wirft in einem Jahr mindestens 55 Kilogramm in die Tonne. Das hat im vergangenen Jahr eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung ergeben. Auch jetzt an den Weihnachtsfeiertagen ist das ein großes Thema, denn nicht alles der reich gedeckten Tafel wird gegessen. 16 Prozent der Müllmenge besteht aus fertig zubereiteten Speisen. Freytag akzeptiert diese Müllmengen nicht. Deswegen ist er vor etwa drei Jahren zum Lebensmittelretter geworden. An jedem Montag kocht er aus den Lebensmitteln, die er bei seinen Kooperationspartnern abgeholt hat, eine Mahlzeit für die Mitarbeiter in dem Zentrum. An diesem Montag tischt er ihnen eine Gemüsepfanne mit Reis auf. Was dann noch übrig ist, landet in dem auch dort stehenden Kühlschrank. Jeder kann vorbeikommen und sich herausholen, was er gebrauchen kann. Der Kühlschrank und das Regal daneben heißen Fairteiler. Das steckt hinter dem Verein Ein Konzept, das sich der Verein Foodsharing überlegt hat. In diesem Dezember feiert die Plattform ihren sechsten Geburtstag. Die Idee, dass etwas gegen Lebensmittelverschwendung getan werden muss, hatte 2012 eine Gruppe rund um den Berliner Raphael Fellmer. Fellmer containerte bis dahin bei verschiedenen Supermärkten, holte also Lebensmittel aus dem Müll. Containern ist in Deutschland allerdings gesetzlich verboten. Er setzte sich deshalb mit einigen Märkten zusammen und sie sprachen ab, wie man die Lebensmittel retten könnte. Über eine Internetplattform können sich seitdem Betriebe, aber auch Privatpersonen, als Abholstationen anmelden und mit Lebensmittelrettern verknüpfen. Ein Konzept, das für beide Seiten seine Vorteile hat. Denn durch die Retter haben die Supermärkte weniger Müll und müssen diesen auch nicht selbst sortieren. Trotzdem sprechen nur die Foodsharer über die Zusammenarbeit, nennen aber keine Kooperationspartner. Denn diese wollen meist nicht, dass bekannt wird, dass sie sich an der Aktion beteiligen. "Wir haben lange gebraucht, bis wir Kooperationspartner hatten", erinnert sich Freytag. Er war 2015 einer der ersten Lebensmittelretter in Bielefeld. Inzwischen sind auf der Plattform 543 Bielefelder und 35 Kooperationspartner angemeldet. Zusammen haben sie schon 107 Tonnen Lebensmittel gerettet. "Vielleicht befürchten sie, dass dadurch weniger gekauft wird", vermutet er. Manche Geschäfte schließen ihre Mülltonnen ab Solchen Vorurteilen stand auch Anna Möller schon gegenüber. Die Sozialarbeiterin ist eine von etwa 30 aktiven Foodsharern in Paderborn. Sie hat bei den fünf Kooperationspartnern in der Paderstadt angefragt, ob sie ihnen einen Aufkleber, der für die Aktion wirbt, ins Fenster kleben kann und stieß jedes Mal auf Ablehnung. Sie ist seit 2016 dabei und hat in der Zeit schon 1.811 Kilogramm Lebensmittel gerettet. Die 26-Jährige hat bei ihren Touren beobachtet, dass viele Geschäfte ihre Mülltonnen abschließen oder den Bereich sogar mit Kameras überwachen. Mit ihren Kooperationspartnern hat sie aber viel tolle Erfahrungen gemacht, erzählt sie. "Wir sind geschlossen als WG mit dem Bollerwagen über den Wochenmarkt gezogen und haben gerettet, was dort übrig geblieben ist", erinnert sie sich an eine ihrer ersten Touren. Ein starkes Gemeinschaftsgefühl hat auch Mathis Bauer schon oft erlebt. Der 25-Jährige gehört wie Freytag zu den ersten Foodsharern in Bielefeld. "In diesem Jahr haben uns viele gefragt, ob wir das Obst von den Bäumen mitpflücken möchten", sagt er. Und natürlich wollten sie. Mit den Rädern und vielen Körben hat er sich mit Freunden auf den Weg gemacht. Das Obst haben sie anschließend auf dem Kesselbrink verteilt. "Wir können nicht die Welt verändern, nur uns", sagt Foodsharer Serif Dag. Er ginge viel bewusster einkaufen, seit er vor etwa einem halben Jahr zu der Bielefelder Gruppe gestoßen ist. Mit dem Ernährungsrat wollen sich die Bielefelder Foodsharer selbst abschaffen Weil sie aber eben doch mehr verändern möchten, als nur ihr eigenes Verhalten, sind sie mit dem Verein im November dem Bielefelder Ernährungsrat beigetreten. Dort versuchen sie, mit verschiedenen anderen Akteuren die regionale Versorgung mit Lebensmitteln gerecht und ökologisch zu gestalten und das Wissen um gesundes Essen zu fördern. "So wollen wir uns selbst abschaffen", sagt Dag. "Irgendwann soll Foodsharing überflüssig werden."

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