Frisch angepflanzte Orangenbäume auf dem Gelände der spanischen Finca Naranjas del Carmen. Diese Bäumchen haben alle einen Paten. - © Naranjas del Carmen
Frisch angepflanzte Orangenbäume auf dem Gelände der spanischen Finca Naranjas del Carmen. Diese Bäumchen haben alle einen Paten. | © Naranjas del Carmen

Wirtschaft Neuer Trend Crowdfarming: Landwirte beziehen Verbraucher mit ein

Verbraucher übernehmen Patenschaften von Tieren und Pflanzen. Sie unterstützen so die Landwirte - und bekommen ihre Rendite in Lebensmitteln ausgezahlt

Julia Gesemann

Bielefeld. Woher stammt das Fleisch für mein Schnitzel? Wurde das Gemüse oder das Obst mit Pestiziden behandelt? Und wurde mein Frühstücksei von einem glücklichen, freilaufenden Huhn gelegt? Nach den vergangenen Lebensmittelskandalen wächst die Nachfrage nach Lebensmitteln, die von verantwortungsvollen Bauern tier- und umweltfreundlich erzeugt werden. Die Landwirtschaft reagiert auf diese Wünsche - und versucht nachhaltiger zu werden. Das ist für sie mit viel Aufwand und hohen Kosten verbunden. Ein neuer Trend: Crowdfarming. Dabei können Verbraucher Patenschaften von Tieren und Pflanzen übernehmen und bekommen ihre Rendite in Lebensmitteln ausgezahlt. Crowdfarming ist ein neuer landwirtschaftlicher Ansatz und stellt eine direkte Verbindung zwischen den Landwirten und den Konsumenten her. Die Verbraucher werden aktiv in den Produktionsprozess ihrer Lebensmittel eingebunden. Aus vielen kleinen Beiträgen entsteht etwas Großes. Die Lebensmittel werden nicht mehr anonym produziert und vermarktet. Der Konsument weiß am Ende ganz genau, was er auf seinem Teller hat. Die Verbraucher werden so gemeinsam mit den Anbietern zu Bauern. Sie können sich mit dem Gewächs oder dem Lebenwesen identifizieren - auch wenn sie Profis das Pflanzen, die Pflege und Ernte überlassen. Spanische Finca ist Vorreiter in Sachen Crowdfarming Vorzeigeprojekt ist die spanische Finca Naranjas del Carmen nahe Valencia. Seit zwei Jahren beziehen die Brüder Gabriel und Gonzalo Urculo ihre Kunden mit ein - und vergeben Patenschaften für Orangenbäume und Bienenvölker. Auf einer 25 Hektar großen Plantage wachsen insgesamt 10.000 Orangenbäume. Mehr als 2.000 davon wurden frisch gepflanzt und haben bereits einen Paten. "Einige kommen sogar selbst vorbei, um den Baum zu besuchen oder ihn selbst zu pflanzen", sagt Anna Wanninger. Die gebürtige Allgäuerin arbeitet für das junge Unternehmen, das 15 Mitarbeiter hat. Die Idee hinter dem Konzept: "Unsere Kunden sollen entscheiden, was wir anbauen und wie viel davon", so Wanninger. "Es ist uns ein persönliches Anliegen, etwas gegen die Überproduktion, die Lebensmittelverschwendung und die Wegwerfgesellschaft zu unternehmen." Durch Crowdfarming werde nur das angebaut und geerntet, was auch tatsächlich verbraucht wird - ohne Einsatz von Herbiziden oder Pestiziden. Ebenso wichtig: Die Kunden wissen dank der Patenschaft, woher ihr Obst kommt. "Sie sollen aktiv in den Herstellungsprozess ihrer Lebensmittel eingebunden werden", erklärt Wanninger. Und das funktioniert ganz simpel: Die Kunden können einen Orangenbaum adoptieren. Dieser wird frisch gepflanzt. Im ersten Jahr werden 80 Euro fällig, in jedem weiteren Folgejahr kostet die Patenschaft 60 Euro zuzüglich Versandkosten. Als Gegenleistung erhalten die Paten die Ernte ihres Baumes - meist sind das um die 80 Kilogramm Ertrag - direkt nach Hause geliefert. Solange der eigene Baum noch keine Früchte trägt, bekommen die Kunden Orangen von einem der älteren Bäume. Die Kunden können dabei individuell entscheiden und kalkulieren, wie viele Kilos ihnen mit jeder Bestellung zugesendet werden. Die Rechnung geht auf Kleines Rechenbeispiel: Im ersten Jahr zahlt der Kunde 80 Euro. Er entscheidet sich zudem dafür, dass seine 80-Kilogramm-Ernte ihm zweimal in einer 30-Kilogramm-Portion und einmal in einer 20-Kilogramm-Portion zugesendet wird. Er zahlt also insgesamt 180 Euro im ersten Jahr für 80 Kilogramm Orangen, das macht 2,25 Euro pro Kilogramm. Vergleichbar mit dem Orangenpreis im hiesigen Supermarkt. Auch für die Besitzer der vom Großvater ererbten Finca stimmt die Rechnung nach eigenen Angaben. Zwar sei der Ertrag pro Hektar vergleichsweise niedrig, schon weil die Bäume viel mehr Platz bekämen. Doch für jede Frucht bekämen sie von ihren Kunden ein Vielfaches der von den Zwischenhändlern gezahlten Preise, die zum Teil unter 13 Cent pro Kilo gelegen hätten. Und die Kunden erhalten auf diese Weise auf direktem Wege saftige Früchte, die viel Sonne gesehen haben. Für die Betreiber der Finca gibt es noch einen entscheidenden Vorteil: "Da wir direkt an den Endkunden verkaufen, fällt auch das Risiko weg, dass innerhalb der herkömmlichen Handelskette Lebensmittel weggeworfen werden müssen, weil die Transportwege zu lang waren", so Wanninger. Viele deutsche Kunden Der Großteil der Kunden komme aus Deutschland. "Man merkt, dass dort das Umdenken, wenn es um bewusstere Ernährung geht, schon weiter fortgeschritten ist als in anderen europäischen Ländern", sagt Wanninger. Aber auch Kunden aus Frankreich habe die Finca viele. Alle haben gemeinsam, dass sie "bewusst und kritisch mit dem Thema Lebensmittel und Nachhaltigkeit umgehen wollen". Für die Zukunft hat Naranjas del Carmen ein hehres Ziel: "Wir wollen eine landwirtschaftliche Revolution auslösen und dahin kommen, dass alle Bäume ihren eigenen Paten haben." Bei den spanischen Landwirten können auch kleine oder große Bienenfamilien adoptiert werden. Als Gegenleistung gibt es dann 4 Kilogramm (70 Euro) oder 12 Kilogramm (180 Euro) Honig. Und das Patenschaftskonzept könnte sogar noch ausgebaut werden - mit Olivenbäumen. Ähnliche Crowdfarming-Projekte aus Deutschland Rotthoffs Hof Eine Anlagemöglichkeit der anderen Art sind die Bio-Schwein-Aktien von Rotthofs Hof der Bottroper Werkstätten. Dort betreuen 55 Menschen mit psychischen Erkrankungen und mit geistiger Behinderung Pferde, Gänse und Hühner sowie 52 Schweine, 16 davon in Bio-Mast. Verbraucher können für 240 Euro eine Aktie im Wert eines halben Bio-Schweins erwerben. Der Gegenwert: Nach dem Schlachten dürfen die Aktionäre jeweils 45 Kilogramm Schweinefleisch mit nach Hause nehmen.„Mit unserer Bio-Schwein-Aktie wollten wir ein bewusstes Zeichen gegen Massentierhaltung sowie für regional und nach ökologischen Richtlinien aufgezogene Tiere setzen", so Betriebsleiter Christian Standl in einer Mitteilung. Der Hof arbeitet nach den ökologischen Richtlinien des „Naturland"-Verbundes. Die Aktionäre können ihre Investition jederzeit besuchen und ihr beim Wachsen zusehen. Bauernhof Gasswies Der Bauernhof im baden-württembergischen Klettgau erzeugt Lebensmittel nach den streng kontrollierten Bioland-Richtlinien. Hier können Verbraucher zum einen eine Patenschaft für einen Apfel-, Birnen-, Kirsch- oder Zwetschgenbaum übernehmen. Das kostet einmalig 36 Euro, die Patenschaft kann für jeweils ein Jahr übernommen werden. Jeder Pate erhält ein Zertifikat und Informationen zum Beginn der Obstblüte oder zur Ernte. Einmal im Jahr sind zudem alle Paten eingeladen, den Hof und die Obstbaumanlagen zu besuchen. Hierbei ist die Patenschaft nicht wie bei anderen Angeboten mit einer Warenlieferung verbunden. Das gilt auch für die Kuh-Patenschaft. 120 Euro zahlen Verbraucher für ein Jahr. Im Fotoalbum können die potenziellen Paten Fotos der Kühe sehen, dazu gibt ein paar nett formulierte Informationen zum Charakter. Kuh Flora beispielsweise ist "ein Pechvogel und Schussel", der gelegentlich in die Klemme gerät und auch schon größere Unfälle hatte. "Bei einem verlor sie leider eines ihrer prachtvollen Hörner." Das durch die Patenschaften eingenommene Geld investiert der Hof in eine tierfreundliche Milchkuhhaltung mit muttergebundener Kälberaufzucht. Dabei werden Muttertier und Kalb nach der Geburt nicht wie sonst in der Milchviehhaltung üblich voneinander schnell getrennt, sondern bleiben artgerecht zusammen. Biomolkerei Andechser, Bayern Für 96 Euro können Verbraucher jeweils für die Dauer eines Jahres Kuh-Paten bei der Biomolkerei werden. Dafür vermittelt Andechser die Tiere der Lieferanten. Die Paten können sich durch eine Fotogalerie klicken und ihre Lieblingskuh wählen. Als Dankeschön bekommen sie dann ein Bild und einen Steckbrief ihrer "adoptierten" Kuh. Zusätzlich werden sie regelmäßig über das Leben des Tieres informiert: über eventuellen Nachwuchs, den Beginn der Weidesaison oder den neuen Wohnort. Zwei Mal im Jahr gibt es ein Paket mit Biomilchprodukten. Nach Absprache kann jeder Pate die Kuh auch besuchen. Und: Die Patenschaft kann auch verschenkt werden. Ein Drittel der 96 Euro geht direkt an den Bio-Landwirt, so Andechser auf der eigenen Homepage. Der Rest des Geldes fließt in die Genusspakete und den Versand.

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