Kritische Berichterstattung: Die Wochenzeitung "Die Zeit" veröffentlichte in ihrer Donnerstagsausgabe ein Dossier über Tönnies unter dem Titel "Der König der Schweine". - © Patrick Menzel
Kritische Berichterstattung: Die Wochenzeitung "Die Zeit" veröffentlichte in ihrer Donnerstagsausgabe ein Dossier über Tönnies unter dem Titel "Der König der Schweine". | © Patrick Menzel

Wirtschaft "Die Zeit" bekräftigt Vorwürfe gegen Tönnies

Werkverträge: Chefreporter widerspricht der Behauptung des Unternehmens, die Autoren hätten die Produktion 
nicht besucht

Jens Ostrowski
Andrea Frühauf

Michael Schuh

Gütersloh. Nach unserer Berichterstattung über den Zeit-Bericht („Schwere Vorwürfe gegen Tönnies“), der die Arbeitsbedingungen in der Tönnies-Fabrik in Zusammenhang mit der damals dort beschäftigten rumänischen Leiharbeiterin Mihaela C. setzt, die ihr neugeborenes Baby aus Furcht vor dem Jobverlust ausgesetzt haben soll, meldete sich einer der beiden Autoren in der NW-Redaktion. Wie berichtet, weist Tönnies die Vorwürfe zurück und will sich gegen den Zeit-Bericht zur Wehr setzen. „Wir haben juristische Schritte gegen die Berichterstattung eingeleitet. Insbesondere aufgrund zahlreicher falscher Aspekte im Bericht, bei denen wir eine Richtigstellung einfordern“, teilte das Unternehmen der NW mit. Doch die Behauptung des Tönnies-Sprechers Markus Eicher gegenüber der Neuen Westfälischen, die Zeit-Autoren hätten das Tönnies-Angebot abgelehnt, einen Tag die Produktion zu besuchen, ist nach Angaben des Zeit-Chefreporters Stefan Willeke so nicht richtig: „Wir haben am 30. März auf Einladung der Firma Tönnies hin die Produktion am Standort Weißenfels besichtigt. Die Führung durch die Fabrik dauerte mehrere Stunden und wurde von Clemens Tönnies geleitet.“„Wir haben mit 21 rumänischen Arbeitern gesprochen" Am 28. Oktober – „während der Konfrontation unserer Rechercheergebnisse gegenüber Herrn Tönnies in Rheda-Wiedenbrück“ – habe Herr Tönnies ein weiteres Mal angeboten, die Produktion kennenzulernen, diesmal in seiner Zentrale in Rheda-Wiedenbrück. „Weil wir aber am Ende unserer Recherche angekommen waren und in den darauffolgenden Tagen wichtige, letzte Recherchetermine wahrzunehmen hatten, haben wir dieses Angebot im Raum stehen lassen. Abgesagt haben wir auch dieses Angebot nicht.“ Und der Autor betont: „Wir haben mit 21 rumänischen Arbeitern gesprochen. Nicht alle sind Frauen, aber viele von ihnen. Sämtliche Befragten, ob Frau oder Mann, sind bei dem Subunternehmer MGM angestellt – deswegen die Angst vor dem Rauswurf.“ Besagte „MGM Handels- und Vermittlungs GmbH“ residiert in einem unauffälligen Haus an der Gartenstraße, in dem noch weitere Immobilien- und Handelsfirmen ihren Sitz haben. Ein Schriftzug auf dem Briefkasten lässt erahnen, dass Reklamationen für diese Firmen nichts Außergewöhnliches sind: Die rumänische Vokabel „Sesizari“ steht dort geschrieben – und gleich darunter die deutsche Übersetzung: „Beschwerden“.„Mihaela C.
vermisst ihr
 Kind sehr“ Wer seine Einwände mündlich vorbringen wollte, hätte zumindest am vergangenen Montag schlechte Karten gehabt, denn auf das Klingeln an der Haustür reagierte bei MGM niemand. Auch eine Telefonnummer ist im Internet nicht zu finden. Alle Befragten arbeiten laut Angaben der Zeit im Werk Rheda. „Nicht alle berichteten, man dürfe dort nicht schwanger werden, aber die meisten von ihnen.“ Für die Interviews seien professionelle Dolmetscherinnen engagiert worden. „Die verschiedenen Treffen mit Mihaela C. – es waren vier – dauerten insgesamt rund sieben Stunden.“ Mihaela C. sei auch deshalb an die Öffentlichkeit gegangen, um Frauen in vergleichbarer Situation zu helfen, betont Inge Bultschnieder von der Interessengemeinschaft WerkFAIRträge. Die IG kämpft seit 2013 für bessere Lebensbedingungen von Tönnies-Werkvertragsarbeitern. Auch um Mihaela C. kümmert sich die IG seitdem der Haftbefehl nach vierwöchiger Untersuchungshaft ausgesetzt wurde. „Sie wird in einer kirchlichen Unterkunft betreut, wir stehen ihr mit finanziellen Mitteln, aber auch mit Rat und Tat zur Seite“, sagt Bultschnieder. Geld vom Staat erhalte sie nicht. Um die Frau zu schützen, wolle sie über die aktuellen Lebensumstände nicht mehr verraten. Nur: „Sie vermisst ihr Kind sehr.“

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