Claus Weselsky, Vorsitzender der Lokführergewerkschaft GDL, ist ein Mann der deutlichen Worte. - © picture alliance / dpa
Claus Weselsky, Vorsitzender der Lokführergewerkschaft GDL, ist ein Mann der deutlichen Worte. | © picture alliance / dpa

Bielefeld/Berlin GDL-Chef Weselsky attackiert andere Gewerkschaftsbosse

Lokführer-Funktionär im Interview: "Der Fisch stinkt vom Kopf"

Lennart Krause

Bielefeld/Berlin. Begleitet von heftigen Angriffen auf die "Bosse" anderer Gewerkschaften hat der Vorsitzende der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky, zu engagierteren Arbeitskämpfen aufgerufen. Anlässlich des Tags der Arbeit am 1. Mai sagte er der Neuen Westfälischen, der zurückgehende Organisationsgrad der deutschen Arbeitnehmer sei "das Grundübel schlechthin". Weselsky, bekannt für seine oft polternde Art, attackierte seine Kollegen in anderen Organisationen heftig: "Gewerkschaftsbosse machen es sich im System bequem", sagte er, und: "Der Fisch stinkt vom Kopf". Gewerkschaftsführer äußerten sich heute gerne zu allen politischen Dingen und vergäßen dabei ihren "Hauptjob", sich für Arbeitnehmerinteressen starkzumachen. Dazu gehöre vordringlich auch, Mitglieder zu gewinnen: Es mache ihm Sorgen, dass nur noch 20 Prozent der deutschen Angestellten gewerkschaftlich organisiert seien. Die Arbeitgeber hätten es geschafft, "eine Mitgliedschaft in der Gewerkschaft als nicht mehr notwendig zu erklären". Dem setzten die Gewerkschaften zu wenig entgegen.Vehement für das Streikrecht eingesetzt Weselsky nimmt für seine GDL in Anspruch, sich als erste Gewerkschaft vehement für das Streikrecht einzusetzen, das er vom Tarifeinheitsgesetz bedroht sieht. Mit dem Gesetz, das im Juni in Kraft treten soll, will die Regierung unterschiedliche Gewerkschaften dazu bringen, in Tarifverhandlungen für eine Beschäftigtengruppe gemeinsam zu handeln. Andernfalls soll der Tarifvertrag der Gewerkschaft gelten, die im Betrieb die meisten Mitglieder hat. Kleine Gewerkschaften wie die GDL befürchten eine Entmachtung. Der Bundesvorsitzende des dbb Beamtenbund und Tarifunion, Klaus Dauerstädt, ließ zum 1. Mai verlauten: "Dass ein solches Gesetz von der einst stolzen Arbeiterpartei SPD mit vorgelegt wird, hätte ich nicht für möglich gehalten." Dagegen sehen andere Gewerkschafter wieder einen engeren Schulterschluss zwischen Arbeitnehmern und SPD. Frank Bsirske, Vorsitzender der im DGB mächtigen Dienstleistungsgesellschaft Verdi, sagte der Passauer Neuen Presse: "Mit dem Mindestlohn und der Rente mit 63 nach 45 Beitragsjahren sind erste Schritte zur Rückabwicklung der falschen Politik der Agenda 2010 erreicht worden."Luft nach oben beim Mindestlohn Nach oben ist beim Mindestlohn seiner Ansicht nach aber Luft. "Das Gesetz ermöglicht leider eine Anhebung erst für das Jahr 2017. Dann wird es darum gehen müssen, den gesetzlichen Mindestlohn schnell in Richtung zehn Euro anzuheben." Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) betonte, der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel habe die Partei "wieder näher an die Gewerkschaften herangeführt". Radikaler Protest ist deshalb am Tag der Arbeit kaum zu erwarten, auch wenn die DGB-Gewerkschaften mit markigen Sprüchen zur Teilnahme an ihren Demonstrationen aufrufen. "Adieu, Diktatur der Bosse", heißt es auf einem DGB-Plakat zum 1. Mai. "Ich habe die Befürchtung, dass die Gewerkschaften in einer Sinnkrise sind", kommentierte der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Rainer Dulger, die Wortwahl. Gewalttätige Auseinandersetzungen werden wieder in Berlin befürchtet, wo der 1. Mai traditionell zum Anlass genommen wird für Anti-Staats-Krawalle. (Mit Material der dpa)

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