Radikalisierung: Die Anwerbungsversuche und Zahlen gewaltbereiter Salafisten steigt seit Jahren. - © picture alliance
Radikalisierung: Die Anwerbungsversuche und Zahlen gewaltbereiter Salafisten steigt seit Jahren. | © picture alliance

Düsseldorf Salafistische Gewalt: Sachverständige im NRW-Landtag mahnen tiefere Forschung an

Experten warnen vor zu hohen Erwartungen an das Präventionsprojekt "Wegweiser"

Florian Pfitzner

Düsseldorf. Angesichts der Ausbreitung des gewaltbereiten Salafismus haben Sachverständige im NRW-Landtag eine tiefere Forschungs- und Sozialarbeit angemahnt. In einer Anhörung des Innenausschusses riet der Münsteraner Soziologe Aladin El-Mafaalani zum Aufbau eines landeseigenen Instituts. Es sei eine "hohe Konzentration von Expertise" gefragt, um dem Neosalafismus entgegenzutreten. Bundesweit hat sich die Zahl der gewaltbereiten Salafisten in den vergangenen sechs Jahren mit 9.700 Menschen mehr als verdoppelt. In NRW stellte der Verfassungsschutz zuletzt mit 2.900 Personen beinahe eine Verdreifachung fest. Einrichtungen wie das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung in Bielefeld, die sich in Fallstudien an salafistische Gruppen herantasten, "leiden unter einer hohen Fluktuation", sagte El-Mafaalani. Dagegen könne ein dauerhaft finanziertes Institut die Kräfte halten. Einschätzungen und Hintergrundinformationen Der Islamwissenschaftler Marwan Abou-Taam vom Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz sprach sich für eine größer angelegte Forschungsanstalt zum politischen Extremismus aus. Neosalafisten und Neonazis gingen häufig ähnliche Wege in die Radikalisierung. Das geforderte Institut soll den Beratungsstellen des "Wegweiser"-Programms in NRW wissenschaftliche Einschätzungen und Hintergrundinformationen geben. Es wäre in der Lage, flexibel auf das lebendige Feld zu reagieren, so El-Mafaalani. Außerdem könnte es nach Meinung der Sachverständigen landesweite Standards festlegen - etwa zur Frage, wann ein Fall als abgeschlossen gilt. El-Mafaalani warnte vor zu hohen Erwartungen an die Salafismus-Prävention. Bundesweit gibt es laut dem Migrationsforscher derzeit maximal 20 Neosalafisten, die sich Hilfe gesucht hätten. Das Ziel einer "Deradikalisierung" halten die Sachverständigen für zu hoch gegriffen. Aus ihrer Sicht wäre schon viel erreicht, wenn sich die Klienten von der Gewalt lossagten. Die Überlegung, die extremistischen Anschauungen argumentativ zu entkräften, halten die Wissenschaftler für sinnlos. Statt im Internet Videoclips einzustellen, "sollten wir Jungen und Mädchen mit größerer Medienkompetenz ausstatten", sagte Samy Charchira vom Institut für Islamische Theologie in Osnabrück. Zudem warb er für Weiterbildungen von Lehrern. Charchira lobte das "Wegweiser"-Programm. Durch den dezentralen Ansatz habe NRW im bundesweiten Vergleich einen Vorsprung.

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