Paderborn Missbrauchsopfer fordert mehr Hilfe

Kritik: Andreas Meier wird als Kind von einem katholischen Pfarrer im Erzbistum Paderborn missbraucht. Die Diözese zahlt ihm 6.000 Euro, doch der 50-Jährige fühlt sich im Stich gelassen.

Carolin Nieder-Entgelmeier

Paderborn. Der Skandal um den jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch tausender Kinder und Jugendlicher in Einrichtungen der katholischen Kirche erschüttert 2010 ganz Deutschland. Mit den Berichten über das Leid der Opfer kehrt auch das Leid von Andreas Meier (Name von der Redaktion geändert) in sein Leben zurück. Die Erinnerungen an den Missbrauch durch einen katholischen Pfarrer sind wieder da, das Trauma bricht auf. 2015 stellt Meier einen Antrag auf Leistungen in Anerkennung des Leids, das Opfern sexuellen Missbrauchs zugefügt wurde, und erhält vom Erzbistum Paderborn 6.000 Euro. Doch Meier fühlt sich vom Erzbistum im Stich gelassen. „Ich stecke in einer Lebenskrise." Andreas Meier hat einen anderen Namen, möchte seinen Namen aber nicht öffentlich nennen. Zumindest noch nicht, denn er möchte für einen besseren Umgang mit Missbrauchsopfern kämpfen. Der 50-Jährige lebt in Norddeutschland, seine Kindheit und Jugend verbringt er im Siegerland. Die katholischen Gemeinden zählen zum Erzbistum Paderborn, das sich vom Kreis Minden-Lübbecke bis ins südliche Siegerland und vom Hochsauerland bis ins Ruhrgebiet erstreckt. Meier wächst bei seiner Großmutter auf und wird katholisch erzogen. Seine Mutter sieht er vier Mal im Jahr und seinen Vater lernt er nie richtig kennen. „Ein richtiges Zuhause hatte ich als Kind nicht", sagt Meier. In der Grundschule lernt das Opfer den Täter kennen Der christliche Glaube habe für ihn deshalb eine große Rolle gespielt. Im Religionsunterricht lernt er als Grundschüler einen Pfarrer kennen, der ihn in die Kirche einlädt. Er verbringt dort viel Zeit. „Ich habe mich sehr wohl gefühlt, weil ich mit dem Pfarrer sprechen konnte und endlich jemand meine Fragen ernst nahm", sagt Meier. „Ich empfand erstmals in meinem Leben Geborgenheit und Wärme, konnte mich bei jemanden anlehnen und fühlte mich verstanden." Doch aus Geborgenheit und Wärme entwickelt sich sexueller Missbrauch, den der damals Neunjährige nicht einordnen kann. Über sieben Monate lang vergeht sich der Pfarrer im Pfarrhaus und in der Kapelle an seinem Schützling. „Ich musste mich beispielsweise vor ihm ausziehen und er berührte meinen Penis. Dann zog er sich auch aus und zwang mich, auch sein Geschlechtsteil anzufassen." Lange schafft es Meier danach, die Erinnerungen zu verdrängen. Er hat Beziehungen, gründet eine Familie, doch es gibt auch viele Krisen in seinem Leben. Meier verletzt sich selbst. Manchmal so stark, dass er ins Krankenhaus muss. Er leidet an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung und vielen weiteren Erkrankungen. „Ich habe zahlreiche Therapien absolviert und mehrere Aufenthalte in der Psychiatrie hinter mir, doch die Krisen bleiben trotzdem nicht aus." Meier ist seit einigen Jahren Frührentner. „Es ist ein Leben am Existenzminimum." Unterstützung im Alltag und im betreuten Wohnen Unterstützt wird Meier im betreuten Wohnen von der „Initiative zur sozialen Rehabilitation". „Wir unterstützen Menschen mit psychischen Erkrankungen", erklärt Leiter Bernd Knies. „Das können praktische Dinge wie Einkaufen oder Behördengänge sein oder das Angebot von Gesprächen oder Gruppenaktivitäten." Menschen wie Andreas Meier wünschen sich vor allem Gesprächspartner. „Wir hören erstmal zu, ohne sofort Ratschläge zu erteilen." Missbrauchsopfer melden sich besonders häufig bei der Initiative. „Missbrauch hat sehr unterschiedliche Folgen, aber bei vielen Opfern lösen sogenannten Trigger, etwa Gerüche, Bilder oder Berichte, heftige Reaktionen hervor, die auf den Missbrauch zurückgehen." Meier fällt es schwer über den Missbrauch zu sprechen, aber in seinem Umfeld geht er offen mit dem Thema um. Auch das Ausfüllen des Antrags auf Leistungen in Anerkennung des Leids, das Opfern sexuellen Missbrauchs zugefügt wurde, dauert Monate. Deshalb wünscht sich Meier mehr Unterstützung vom Erzbistum Paderborn. „Bis auf die 6.000 Euro in Anerkennung meines Leids, habe ich nichts vom Erzbistum bekommen", moniert Meier. „Andere Erzbistümer unterstützen Missbrauchsopfer dauerhaft, zum Beispiel über einen Fonds." Zudem vermisst er Gesprächsangebote und andere Möglichkeiten der immateriellen Hilfe. Doch kann die Kirche Missbrauchsopfer wie Andreas Meier überhaupt gerecht werden? „Wenn sich Missbrauchsopfer beim Erzbistum Paderborn melden, prüfen wir die Vorwürfe und geben diese an die deutsche Bischofskonferenz weiter", erklärt der Sprecher des Erzbistums, Thomas Throenle. „Nach der Prüfung gibt uns die Konferenz eine Empfehlung, der wir folgen. Wie zum Beispiel die Zahlung von 6.000 Euro an das Missbrauchsopfer." Zahlungen wie die an Andreas Meier sind freiwillig und eine Anerkennung des Leids, das Opfern sexuellen Missbrauchs zugefügt wurde, aber keine Wiedergutmachung. „Denn die ist nicht möglich", sagt Throenle. Zudem übernimmt das Erzbistum von Opfern die Kosten von 50 Therapiesitzungen. „Wir machen auch Gesprächsangebote, aber irgendwann ist auch der Handlungsspielraum eines Erzbistums ausgereizt."

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