Wohin mit dem Kreuzchen? Wie Umfragen, Prognosen und Trends entstehen und wie sie die Wahl beeinflussen. - © Ingo Bartussek - stock.adobe.com
Wohin mit dem Kreuzchen? Wie Umfragen, Prognosen und Trends entstehen und wie sie die Wahl beeinflussen. | © Ingo Bartussek - stock.adobe.com

Bielefeld Wahlprognosen: Das riskante Spiel mit den Zahlen

Bundestagswahl 2017: Demoskopen übertrumpfen sich mit immer neuen Prognosen zum Ausgang der Wahl. Dabei mangelt es vielen Umfragen an einer genauen Auswertung. Wähler werden verunsichert und beeinflusst

Miriam Scharlibbe

Bielefeld. Wenn am Sonntagabend um 18 Uhr die Wahllokale schließen und wenig später die Hochrechnungen auf den Bildschirmen erscheinen, wird es Entsetzen und Freude geben. Wer die neue Regierung bildet, steht dann noch nicht fest. Eines aber ist vorbei: die Zeit des Spekulierens. Nach Monaten, in denen sich Demoskopen mit Höchst- und Tiefstwerten in ihren Prognosen übertroffen haben, werden die amtlichen Ergebnisse Gewissheit bringen. Die ein oder andere Wahlentscheidung könnte dann bereits durch Umfragen beeinflusst worden sein. Umfragen bilden Stimmungen ab, sie sind keine Garantie. Politiker werden deswegen nicht müde zu behaupten, dass Sonntagsfragen für sie keine Rolle spielen. Stehen die Prozentpunkte günstig, üben sich Kanzlerkandidaten in Demut; geht es abwärts, wird auf die große Gruppe der unentschlossenen Wähler verwiesen. Dennoch gieren alle nach den neuesten Werten. Kein Wunder: Im Marathon namens Wahlkampf sucht auch ein Politprofi nach Bestätigung. Dabei kommt in den Wahlumfragen nur eine kleine Gruppe zu Wort. Stichproben mit unterschiedlichen Methoden „Wahlumfragen werden auf Grundlage einer Stichprobe geführt. 1.000 bis 2.000 Personen werden zu ihren Parteipräferenzen befragt. Das Ergebnis wird dann auf die Grundgesamtheit aller Wahlberechtigten übertragen", erklärt Bernd Schlipphak, Experte für politische Soziologie. Der Professor für empirische Methoden der Sozialforschung an der Universität Münster sieht Wahlumfragen kritisch. Er erklärt, wie sich die Methoden unterscheiden: „Einige Institute befragen die Teilnehmer direkt, andere telefonisch. Bei der dritten Methode erfolgt die Befragung online. Dabei wird auf Nutzer zurückgegriffen, die sich bereit erklärt haben, an Umfragen teilzunehmen", so Schlipphak. „Es gibt also schon einen Unterschied bei der Ausgangssituation der Teilnehmer. Einige sind auf die Umfrage eingestellt, andere werden überrascht." Früher sei der Großteil der Umfragen telefonisch durchgeführt worden. Damals hätten aber mehr Bürger einen Festnetzanschluss gehabt. Die Wahrscheinlichkeit, alle Bevölkerungsgruppen zu erreichen, war höher. „Bei der direkten Befragung, genauso wie am Telefon, kann es zudem sogenannte Intervieweffekte geben", warnt Schlipphak. „Die Teilnehmer lassen sich durch den Fragesteller beeinflussen oder trauen sich nicht, ihre politische Präferenz zu nennen." Jede Befragungsform habe Probleme und Vorteile. „Weder die Meinungsforscher noch die Wissenschaft kann sicher sagen, welche Variante die besten Ergebnisse liefert." Fehlertoleranz im Kleingedruckten Dass sich die Umfragen der Institute stark unterscheiden, sei allerdings ein Trugschluss. „Man muss sich die Fehlertoleranzen angucken. Plus oder minus zwei bis drei Prozentpunkte Abweichung müssen immer bedacht werden", so Schlipphak. „Landet die CDU bei 36 Prozent, die SPD bei 25, kann das Ergebnis auch bei 39 zu 22 oder bei 33 zu 28 liegen." Wie vorsichtig man bei einer Ungenauigkeit von einem Prozentpunkt sein muss, bekam zuletzt die FDP zu spüren. Kurz vor der Wahl 2013 sahen die Demoskopen die Liberalen knapp drin im Bundestag. Es kam anders. Allerdings weisen viele Institute nur im Kleingedruckten auf diese Fehlertoleranzen hin. „Manche Meinungsforscher arbeiten sogar mit Halbpunkten. Das ist gefährlich. Es suggeriert dem Wähler eine Genauigkeit der Vorhersage, die es in Wahrheit nicht gibt", sagt Professor Schlipphak.Die steigenden Werte der AfD lassen sich dem Wissenschaftler zufolge auch mit der Methodik erklären. „In den Rohdaten einiger Umfragen finden sich geringere Werte als in der hochgerechneten Projektion, die zum Beispiel die Grundlage für das Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen ist", sagt Schlipphak. „Das Institut schätzt den Wahlanteil höher ein, als es bei den eigenen Daten herausbekommen hat. Es vermutet, dass unter den unentschlossenen Wählern einige AfD wählen, es vorher aber nicht zugeben." Einfluss der Umfragen ist unterschiedlich Umfragen könnten eine Wahl auf verschiedene Weise beeinflussen. „Hat eine Partei aufsteigende Werte, werden manche Bürger mobilisiert, diese Partei zu wählen, weil sie meinen, das seien die Gewinner. Und sie selbst wollen zu den Gewinnern gehören", sagt Schlipphak. „Andere glauben, die Partei habe so viel Zulauf, sie brauche die eigene Stimme nicht mehr und gehen eventuell gar nicht mehr zur Wahl." Ähnlich verhalte es sich bei schlechten Werten. Niemand setze gerne auf Verlierer. „Andererseits können abnehmende Werte auch dazu führen, dass Bürger wieder mobilisiert werden, die ihnen nahe stehende Partei zu unterstützen", so Schlipphak. Andere Länder haben reagiert und Umfragen in den letzten Wochen vor der Wahl verboten. In Deutschland ist im Prinzip nur der Wahltag geschützt. ARD und ZDF hatten bis 2013 darauf verzichtet, in der letzten Woche Umfragen zu veröffentlichen, obwohl die Daten weiter erhoben werden. Das ZDF hat die Auszeit dann auf drei Tage verkürzt. Das letzte Politbarometer, erhoben von der Forschungsgruppe Wahlen, wurde am Donnerstag veröffentlicht.

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