Immer mehr Zulauf: Islamischer Religionsunterricht wird auch an immer mehr Schulen in OWL angeboten. - © dpa
Immer mehr Zulauf: Islamischer Religionsunterricht wird auch an immer mehr Schulen in OWL angeboten. | © dpa

Bielefeld Islamunterricht in NRW in der Kritik

Der Einfluss konservativer Islamverbände ermöglicht der türkischen Regierung nach Angaben des Islamwissenschaftlers Abdel-Hakim Ourghi direkten Einfluss auf den Unterricht an Schulen in NRW

Carolin Nieder-Entgelmeier

Bielefeld. Als eines der ersten Bundesländer hat NRW 2012 den islamischen Religionsunterricht eingeführt. Während das Schulministerium vier Jahre nach der Einführung den Erfolg des Fachs feiert, wird die Kritik am islamischen Religionsunterricht immer lauter. Kritiker sehen Änderungsbedarf, weil konservative Islamverbände, insbesondere die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib), zu großen Einfluss haben. Seit dem Start im Schuljahr 2012/2013 baut NRW den Islamunterricht kontinuierlich aus. Zu Beginn nahmen landesweit 33 Grundschulen und 1.800 Schüler daran teil. Mittlerweile sind es 13.700 Schüler an 176 Grundschulen und weiterführenden Schulen. Unterrichtet werden die muslimischen Schüler von 215 Fachlehrkräften. Auch in OWL wird an immer mehr Schulen islamischer Religionsunterricht angeboten. Nach Angaben der Bezirksregierung Detmold nutzen rund 550 Schüler das Angebot. Schulen können das Fach anbieten, wenn sich mindestens zwölf muslimische Schüler anmelden. „Es besteht weiterer Bedarf. Da die Lehrstellen jedoch nur schwierig besetzt werden können, kann der Bedarf derzeit nicht befriedigt werden", erklärt der Sprecher der Bezirksregierung, Andreas Moseke. Beirat erteilt Lehrerlaubnis Voraussetzung für Lehrer ist der Abschluss des Lehramtsstudiums der islamischen Religionspädagogik. Allerdings werden die ersten Absolventen dieses Studienfachs frühestens 2017 ihren Abschluss an der Universität Münster machen. Deshalb reicht es derzeit aus, wenn Lehrer an einem Zertifikatskurs teilnehmen. Außerdem müssen Lehrer dem Glauben angehören und eine Lehrerlaubnis vom Beirat für den islamischen Religionsunterricht vorweisen. Da keine islamische Organisation die rechtlichen Merkmale einer Religionsgemeinschaft erfüllt, sieht das Gesetz zur Einführung des islamischen Religionsunterrichts als ordentliches Lehrfach in NRW vor, dass ein achtköpfiger Beirat die Anliegen der islamischen Organisationen bei der Durchführung des islamischen Religionsunterrichts vertritt. Der Beirat ist an der Erstellung der Unterrichtsvorgaben, der Auswahl der Lehrpläne und Lehrbücher und der Bevollmächtigung von Lehrern beteiligt. Ziel des bekenntnisorientierten Islamunterrichts ist nach Angaben des Schulministeriums die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe und die religiöse Identitätsbildung. Doch der Einfluss konservativer Islamverbände im Beirat verhindert nach Angaben von Kritikern eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem Islam und leistet einer religiösen Identitätsbildung Vorschub, die auf einer konservativen Lesart des Islam beruht. Der Wissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi ist einer der wenigen Kritiker, die offen Kritik an konservativen Islamverbänden wie der Ditib üben. Einfluss auch in Hessen Hinter dem Begriff steht die größte türkischstämmige muslimische Organisation in Deutschland. Nach eigenen Angaben gehören ihr 900 Moscheen an. Ditib ist in vielfältiger Weise mit dem türkischen Religionsministerium Diyanet verbandelt, insbesondere finanziell. Als Leiter des Fachbereichs islamische Theologie und Religionspädagogik an der pädagogischen Hochschule Freiburg hat Ourghi das Curriculum für den islamischen Religionsunterricht in Hessen überprüft, das ebenso wie in NRW und Niedersachsen, von der Ditib beeinflusst wird. In seinem Gutachten fällt Ourghi folgendes Urteil: „Die Ausrichtung des Islamunterrichts ist weder konstruktiv noch kritisch. Das gilt insbesondere für Koranverse, die die Ungleichheit der Geschlechter oder die Legitimation von Gewalt betreffen." Dabei sei die Auseinandersetzung mit so problematischen Stellen im Koran für die von den Schulministerien beschworene Identitätsbildung junger Muslime entscheidend, weil die Schüler im Unterricht mit der konservativen Auslegung des Islam konfrontiert werden, die nicht zu ihrer westlich geprägten Lebenswirklichkeit passt. „Kinder und Jugendliche, insbesondere aus traditionellen Elternhäusern, müssen die Möglichkeit bekommen, konstruktiv über problematische Stellen im Koran sprechen zu können", fordert Ourghi. Nach Ansicht des Islamwissenschaftlers stehen alle Bundesländer, die Islamunterricht anbieten, vor einem Dilemma: „Der Staat benötigt Ansprechpartner, doch der Islam hat keine kirchlichen Strukturen. Deshalb arbeitet der Staat mit Verbänden zusammen, die lediglich 15 Prozent der Muslime in Deutschland repräsentieren, und betraut sie mit so wichtigen Aufgaben wie der religiösen Identitätsbildung junger Muslime." Ideologischer Einfluss aus der Türkei Dabei könne der Unterricht zu einer gelingenden Integration und einer Verhinderung von Extremismus beitragen, sagt Ourghi. Durch den Einfluss der Ditib habe das türkische Religionsministerium und damit der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan jedoch ideologischen Einfluss auf den Unterricht an deutschen Schulen. Nach Angaben des NRW-Schulministeriums besteht jedoch kein Handlungsbedarf, weil dem Beirat auch Vertreter des nichtorganisierten Islam angehören und damit für die bei Muslimen in NRW vorherrschende Pluralität offen bleibe. Zudem geht man im Ministerium davon aus, dass die in der Ditib zusammengeschlossenen Moscheevereine staatsunabhängig agieren. „Ditib-Moscheevereine agieren staatsabhängig, dass haben die Reaktionen auf die Armenien-Resolution im Bundestag noch einmal deutlich gemacht", so Ourghi.

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