Neue Wirkungsstätte: Stefan Thünemann war Pfarrer in Rahden. Heute kümmert er sich um das Seelenwohl der jugendlichen Häftlinge. Hier steht er an einer der Zellen in der Jugendvollzugsanstalt Herford. - © Hendrik Schmalhorst
Neue Wirkungsstätte: Stefan Thünemann war Pfarrer in Rahden. Heute kümmert er sich um das Seelenwohl der jugendlichen Häftlinge. Hier steht er an einer der Zellen in der Jugendvollzugsanstalt Herford. | © Hendrik Schmalhorst

Rahden/Herford Pfarrer aus Rahden ist Seelsorger hinter Gittern

Stefan Thünemann kümmert sich um junge Straftäter und berichtet bei den Landfrauen Rahden über seine Arbeit als Pfarrer in der Jugendvollzugsanstalt Herford

Jennifer Fiene

Rahden/Herford. Stefan Thünemann, ehemaliger Pfarrer in Rahden, entschloss sich im Jahre 2013, noch mal „etwas ganz Neues" auszuprobieren. So ganz neu sei es dann doch nicht, rudert er zurück, eher eine Schwerpunktverschiebung. Blick hinter die Gefängnismauern Nach seiner 14-jährigen Tätigkeit in Rahden arbeitet er nun in der Jugendvollzugsanstalt in Herford. 90 Prozent seiner Arbeit besteht aus Gesprächen mit den Insassen. Mit seinem katholischen Kollegen gehört er zum Fachdienst Seelsorge. In seinem Vortrag bei den Landfrauen vermittelte er „einen kleinen Einblick in etwas, wo normalerweise niemand von den Anwesenden hinkommen wird". Die JVA liegt mitten in Herford und besteht seit 130 Jahren, berichtete Thünemann. 1883 als modernste preußische Zuchtanstalt gegründet, wurde das Gebäude 1939 zum Jugendgefängnis und 1997 wurde es umgebaut zur heutigen Jugendvollzugsanstalt. Äußerlich hat sich das Gebäude sein historisches Aussehen bewahrt, innen erfüllt es die Anforderungen einer modernen Vollzugsanstalt. Die Gefangenen sind isoliert in Einzelzellen, damit kein „Lern-effekt" untereinander zustande kommt. Eine Einzelzelle ist 11,98 Quadratmeter groß. In der Zelle gibt es ein Bett, einen Stuhl, eine Arbeitsplatte und einen Schrank sowie eine Nasszelle. Ein hausinterner Malerbetrieb hält die Zellen in Stand. Fernseher können gemietet werden. Das heißt: Wer fernsehen will, muss dafür arbeiten. Internet und Mobiltelefone sind verboten. Die Kommunikation wird im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten überwacht. Außer in der Einschlusszeit von 21 bis 6 Uhr morgens sind die Jugendlichen niemals alleine. Bei jedem Gang begleitet sie Dienstpersonal, ausgestattet mit Schlüsseln für die Türen. Seelsorge auch für Angestellte Stefan Thünemann ist einer von 230 Angestellten. Über die Seelsorge der Insassen hinaus kümmert er sich auch um die Angestellten. Die jugendlichen Insassen sind von 14 bis 24 Jahre alt. „Allgemein lässt sich ein Rückgang der Straftaten von Jugendlichen verzeichnen, doch das liegt auch größtenteils am demografischen Wandel", so Thünemann. Die Arbeit mit den 14-Jährigen sei besonders, berichtet der Seelsorger. Ob der Junge aus Lünen, der seinen Schulkameraden erstochen hat, in der JVA Herford einsitzt, dürfe er nicht sagen. Es handelt sich in Herford um einen Erziehungsvollzug. Man kümmert sich um die berufliche Entwicklung der Jugendlichen. So ist es den Häftlingen möglich, eine Ausbildung in der Zeit, in der sie in der JVA einsitzen, zu machen. Rund 160 Ausbildungsplätze werden angeboten. Zudem wird die persönliche Entwicklung der Jugendlichen von Lehrern, Sozialarbeitern, Psychologen und von Pfarrer Stefan Thünemann gefördert. Auch die soziale Integration nach der Freilassung wird unterstützt. Durch Vorträge, wie den bei den Landfrauen, wird versucht, das Verständnis für die Jugendlichen auszuweiten und damit die soziale Integration zu verbessern. Es gebe leider eine hohe Rückfallquote von 60 Prozent, sagt Thünemann. Die Frage, ob Gefängnis die Menschen besser mache, bleibe bei solchen Zahlenbeispielen offen. Ein Termin beim Pfarrer ist etwas Besonderes Um in Kontakt mit Thünemann zu treten, müssen die Jugendlichen einen Antrag stellen. Im Moment gebe es bis zu drei Wochen Wartezeit auf ein Gespräch mit dem Pfarrer. Unterhaltungen führt er nie in den Zellen, sondern in seinem Büro. Auf dem Tisch stehen Zucker und Süßstoff, es gibt Kaffee oder Cappuccino. Ein Termin bei Stefan Thünemann ist für die Jugendlichen etwas Besonderes. Der Pfarrer ist einfach nur da, um mit den jungen Straftätern zu reden, ohne ein Gutachten zu erstellen. Außerdem unterliegt er der absoluten Schweigepflicht. Das heißt auch, er unterliegt dem Beichtgeheimnis und hat das Zeugnisverweigerungsrecht vor Gericht. Doch was will eigentlich mit der Seelsorge erreicht werden? Ein Sinneswandel oder aus den Jugendlichen bessere Menschen zu machen, ist nicht das Ziel. Ziel sei es, die Jugendlichen zu irritieren. So setzt sich Thünemann kurz vor der Freilassung noch einmal mit dem Jugendlichen zusammen. Er fragt nicht: „Was haben Sie jetzt vor?", sondern „Was müssen Sie machen, um möglichst schnell wieder hierherzukommen?" Denn Ratschläge zu geben, führe zu nichts, hat Thünemann festgestellt. Ratschläge seien auch Schläge. Die Höchstzeit eines Jugendlichen in Haft sind zehn Jahre. Jugendstrafrecht habe eigentlich das Ziel, den Jugendlichen eine zweite Chance zu geben. Nach zwei Dritteln der Haftzeit folgt in den meisten Fällen die Entlassung auf Bewährung. Erster Kontakt mit Religion In seinen Gottesdiensten, die jeden Sonntag für 30 bis 50 Jugendliche abgehalten werden, fängt er meistens bei Adam und Eva an. In ihrer Haftzeit treten viele Jugendliche das erste Mal wieder in Kontakt mit der Religion. So ist der Gottesdienst eher ein Vortrag, bei dem die Jugendlichen Fragen stellen können. Spiritualität sei wichtig und der Gottesdienst für jeden offen, so kämen auch Muslime zu ihm. Stefan Thünemann fühlt sich mit seiner Arbeit, da wo er ist, genau richtig – in der JVA.

realisiert durch evolver group