Noch menschenleer: Die Mensa der Jahn-Realschule in Lübbecke war gestern Nachmittag verwaist. Ab dem Wochenende sollen hier 300 Flüchtlinge untergebracht werden. Die 150 Schüler mussten das Gebäude gestern Vormittag überraschend verlassen und werden von Montag an in der Pestalozzi-Schule unterrichtet. - © Tyler Larkin
Noch menschenleer: Die Mensa der Jahn-Realschule in Lübbecke war gestern Nachmittag verwaist. Ab dem Wochenende sollen hier 300 Flüchtlinge untergebracht werden. Die 150 Schüler mussten das Gebäude gestern Vormittag überraschend verlassen und werden von Montag an in der Pestalozzi-Schule unterrichtet. | © Tyler Larkin

Lübbecke / Minden Jahn-Realschule geräumt

Gebäude soll am Wochenende überraschend zur Notunterkunft für 300 Flüchtlinge werden

Tyler Larkin

Lübbecke / Minden. Die Nachricht wurde den Schülern am späten Vormittag in die Hand gedrückt. Auf Briefpapier des Kreises stand dort, sie müssten das Gebäude mit dem Ende der fünften Schulstunde räumen. Grund dafür sei die anhaltende Flüchtlingskrise: Ab dem Wochenende sollen in der Jahn-Realschule rund 300 Menschen Obdach finden. Wann dort wieder unterrichtet wird, ist völlig offen. Die 150 Schüler der neunten und zehnten Jahrgangsstufe mussten gestern alle Unterrichtsmaterialien einsammeln und aus dem Gebäude mitnehmen. Weiterhin erfuhren sie in dem von Landrat Ralf Niermann und Bürgermeister Eckhard Witte unterzeichneten Schriftstück, dass sie den Rest der Woche frei hätten und der Unterricht ab kommender Woche an der Pestalozzi-Schule abgehalten wird. Für kommenden Dienstag (22. September, 19.30 Uhr) ist eine Elternversammlung in der Lübbecker Stadthalle geplant. "Informationen zum weiteren Vorgehen" soll es dort von Vertretern der Stadt Lübbecke und des Kreises geben. Die überraschende Räumung löste im Kollegium der Realschule und bei Eltern Unverständnis aus. "Die Bereitstellung der Räumlichkeiten für die Flüchtlinge ist nachvollziehbar. Diese Menschen brauchen eine Unterkunft", sagte ein Vater im Gespräch mit dieser Zeitung. "Was mich jedoch sehr stört, ist die Art und Weise, wie wir darüber informiert werden. Es kann nicht sein, dass man den Schülern einfach ein Stück Papier in die Hand drückt."Kenntnis erst seit Dienstagnachmittag Schulleiterin Marion Bienen, die gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar war, erfuhr offenbar erst Dienstagnachmittag von den Plänen für eine Notunterkunft. Nach Angaben einer Stadtsprecherin hatte auch die Lübbecker Verwaltung nicht früher Kenntnis davon. Noch am gestrigen Nachmittag wurden Verwaltungsmitarbeiter von der Nachricht überrascht. Dagegen legte Kreisdirektorin Cornelia Schröder in einer Stellungnahme am gestrigen Nachmittag großen Wert auf die enge Abstimmung zwischen allen Beteiligten: "Es ist von großer Bedeutung, dass wir diesen Schritt zur Einrichtung der Notunterkunft eng mit den direkt Betroffenen absprechen. Wir möchten den Weg in diese neue Situation im Sinne der Schüler in enger Absprache mit der Schule und gerade auch der Elternschaft gehen." Alle Beteiligten begrüßten es laut Schöder sehr, dass es hierzu positive Signale gegeben hätte. Noch am Montag hatte es von offizieller Seite geheißen, dass man in Lübbecke keine Gebäude für die Unterbringung von Flüchtlingen ins Auge gefasst hätte. Nachdem jedoch Kreisdirektorin Cornelia Schöder und Kreisbaudezernent Jürgen Striet sowie weitere Personen am leer stehenden Gebäude des ehemaligen Toom-Baumarkts an der Osnabrücker Straße gesichtet wurden, ruderte die Kreisverwaltung zurück. Zwar wurde das Gebäude für nicht geeignet gehalten, aber der Stab für Flüchtlingsfragen des Kreises prüfe weiterhin auch im Lübbecker Raum, ob Örtlichkeiten im Bedarfsfall in Betracht kämen. "Wir haben zwar keine aktuelle Anforderung der Bezirksregierung Detmold vorliegen, aber die Wahrscheinlichkeit ist natürlich sehr hoch, dass sich dies kurzfristig ändern könnte", sagte Landrat Ralf Niermann auf Anfrage der Neuen Westfälischen. 24 Stunden später wurde die Annahme zur Realität.Helfer sollen für Ankunft der Flüchtlinge sorgen Die gestern von unterschiedlichen Seiten geäußerte Vermutung, die Pläne für eine Notunterkunft seien schon vor der Bürgermeisterwahl am Sonntag bekannt gewesen, bestritt die Lübbecker Stadtsprecherin Sabine Oldemeier vehement: "Ich war bei allen Entscheidungen dabei. Wir haben erst am Dienstag von der Angelegenheit erfahren." Heute und morgen sollen bislang nicht näher beschriebene Helfer das Realschulgebäude für die Ankunft der Flüchtlinge vorbereiten. "Unseren Einsatzkräften macht es sehr viel Mut, wenn sie sehen, dass ihre Arbeit breite Unterstützung aus der Bevölkerung erfährt", sagte Landrat Niermann. "Auch wenn unsere Kapazitäten hier im Kreisgebiet sicher begrenzt sind und sich nicht mit den Möglichkeiten anderer Regionen vergleichen lassen, ist unser Ziel, den Menschen hier im Kreis Unterkünfte zu bieten, in denen sie Schutz und Sicherheit finden können." Tatsächlich wird die Sicherheit in Lübbecke eine Rolle spielen. Erst Montag hatten Unbekannte einen Brandanschlag auf eine Asylbewerberunterkunft in Porta Westfalica verübt. Der Molotowcocktail zerbarst an der Außenwand, keine der 37 Personen im Gebäude wurde verletzt.

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