Siegfried Kosubek (l.) und Klaus Streck - © Sibylle Kemna
Siegfried Kosubek (l.) und Klaus Streck | © Sibylle Kemna

Schloß Holte-Stukenbrock Geschichte des Sozialwerks Stukenbrock

Die Geschichte soll mehr ins Bewusstsein gerückt werden. Der Vortrag von Klaus-Jürgen Streck findet große Resonanz.

Sibylle Kemna

Schloß Holte-Stukenbrock. Das Sozialwerk Stukenbrock – es findet zu wenig Beachtung, meint die Senioren-Union. Der Vortrag von Klaus-Jürgen Streck am Dienstag im Hotel „Zur Post" trug dazu bei, es wieder stärker ins Bewusstsein der Bevölkerung zu bringen. Das Flüchtlingslager, in dem nach dem Krieg etwa 220.000 Menschen eine Heimat gefunden haben, war bereits 2009 Thema eines Referats von Streck bei der Senioren-Union. Seitdem hat er viele zusätzliche Dokumente und Materialien gesammelt, und die mehr als drei Dutzend Zuhörer verfolgten interessiert seinem Vortrag. „Es wird immer alles auf das Stalag 326 reduziert, die Geschichte danach wird nicht gewürdigt", sagte der Vorsitzende der Senioren-Union, Siegfried Kosubek, einleitend. Was einer Ergänzung bedarf: In der Dokumentationsstätte Stalag 326 wird bereits an der Aufarbeitung der Geschichte des Sozialwerkes intensiv gearbeitet. Es bot von 1948 bis 1971 Geflüchteten und Vertriebenen Zuflucht. „Dahinter steckten viel Leid und viele Schicksale" Klaus Streck ist dort aufgewachsen. Sein Vater hat mehrere Lagerformen durchlaufen. Der Referent zeigte dessen Ausweise und Dokumente. Vom Kriegsgefangenen- über das Internierungs- und das Flüchtlingslager bis zur Polizeischule hat Strecks Vater alle Metamorphosen erlebt und die letzten drei als Mitarbeiter begleitet. Arbeiterwohlfahrt, Johanneswerk, Blindenverein, Deutsches Rotes Kreuz, Evangelisches Hilfswerk, Caritas – alle diese Wohlfahrtsverbände wurden vom Sozialministerium eingebunden und erhielten genau abgegrenzte Aufgaben. „Das war einmalig in Deutschland", berichtete Streck. Es waren zunächst vor allem die kranken und alten Flüchtlinge und Vertriebenen, die im Lager, das im Februar 1948 den Namen „Sozialwerk Stukenbrock" erhielt, ankamen. „Dahinter steckten viel Leid und viele Schicksale. Wenn man sich die Krankheitsberichte durchliest, kann man sich nur wundern, dass sie Flucht, Vertreibung und Transport überhaupt überstanden haben." So spielte das Behelfskrankenhaus eine wichtige Rolle. AWO und Evangelisches Johanneswerk kümmerten sich um die alleinerziehenden Mütter mit Kindern. „Nur mit Mühe gelang es, diese Menschen wieder körperlich und seelisch zu kräftigen, dass sie wieder fähig wurden, auf eigenen Füßen zu stehen". Es gab Kindergarten, Schulen, Kirchen, Ladenzentrum, Badehaus, Bibliothek, das Blindenheim hatte sogar eine eigene, dazu Chor und Orchester. Selbstversorgerblocks machten ab 1957 die Bewohner unabhängig von den Großküchen. Viele Bewohner arbeiteten außerhalb und wurden morgens in die Betriebe der Region gefahren. „Für viele war das der Beginn einer neuen beruflichen Existenz und sie siedelten sich in der Umgebung an", berichtete Streck. Im Lager entstand eine kleine Stadt mit 4.400 Einwohnern. Mit dem Bau der Berliner Mauer 1961 verebbte der Flüchtlingsstrom, das Lager wurde immer kleiner, 1965 zog die erste Hundertschaft der Bereitschaftspolizei ein, 1966 die Landespolizeischule, die 1971 das Gelände komplett übernahm.

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