Neues Kapitel: Joanna Poethke kümmert sich jetzt in der Dokumentationsstätte um das Sozialwerk Stukenbrock. Sie und Geschäftsführer Oliver Nickel zeigen Fotos aus dem Auffanglager, das 1948 offiziell eröffnet wurde und bis in die 70er Jahren hinein existierte. - © Foto: Sabine Kubendorff
Neues Kapitel: Joanna Poethke kümmert sich jetzt in der Dokumentationsstätte um das Sozialwerk Stukenbrock. Sie und Geschäftsführer Oliver Nickel zeigen Fotos aus dem Auffanglager, das 1948 offiziell eröffnet wurde und bis in die 70er Jahren hinein existierte. | © Foto: Sabine Kubendorff

Schloß Holte-Stukenbrock Sozialwerk Stukenbrock – Zeitzeugen gesucht

Neue Sprechstunde: Joanna Poethke arbeitet jetzt in der Dokumentationsstätte Stalag 326, um mit der Aufarbeitung der Geschichte des Sozialwerks zu beginnen. Immer mittwochs ist sie telefonisch erreichbar

Sabine Kubendorff

Schloß Holte-Stukenbrock. Mehr als 100.000 Menschen haben im Sozialwerk Stukenbrock ihre Spuren hinterlassen. Auf der Suche nach diesen Menschen, nach deren Spuren ist jetzt Joanna Poethke. Die 29-jährige Berlinerin hat damit begonnen, die Geschichte des Auffanglagers für Flüchtlinge, Vertriebene und Aussiedler wissenschaftlich aufzuarbeiten. Dazu muss sie nicht nur in Archiven recherchieren, sondern mit ehemaligen Bewohnern jeden Alters sprechen. Ihre Arbeit ist Teil des neuen Gesamtkonzepts, wie aus der Dokumentationsstätte Stalag 326 eine Gedenkstätte von nationaler Bedeutung werden soll (die NW berichtete). Vor neun Jahren hatte Konrad Thorwesten mit Hilfe der ehemaligen Soziallager-Bewohner Klaus Streck und Klaus Affeldt eine vielbeachtete Ausstellungen zusammengetragen. Die Neue Westfälische legte eine Serie mit Erinnerungen auf, denn viele Menschen, für die das Sozialwerk die Brücke zur neuen Heimat war, sind in SHS geblieben und haben die Entwicklung der Stadt mitgeprägt. Klaus Streck zum Beispiel, der lange CDU-Ratsherr war. Er hat viele Jahre in dem Auffanglager gelebt, weil sein Vater dort nach der Flucht aus der DDR als Verwaltungsangestellter arbeiten konnte. Er hat einen großen Fundus mit Fotos aus jener Zeit, den er vor gut einem Jahr der Dokumentationsstätte vermacht hat. Diese Dokumentationsstätte arbeitet die Geschichte des ehemaligen Lagers für (überwiegend) russische Kriegsgefangene auf. Auf diesem Gelände wurde nach Kriegsende ein Internierungslager der Briten für NS-Führungskräfte und der Kriegsverbrechen verdächtigter Menschen eingerichtet. Vor 70 Jahren wurde diese Gelände umgewidmet. Es entstand das Sozialwerk Stukenbrock. Offiziell gab es das bis 1970, als die Polizeischule dort eröffnet wurde. Tatsächlich lebten dort viel länger Aussiedler und Flüchtlinge.Wenn der kleine Oliver Nickel mit dem Kettcar kam, salutierten die Polizisten Das weiß Oliver Nickel, Geschäftsführer der Dokumentationsstätte, aus eigener Erfahrung. Er kam 1973 als Vierjähriger mit seiner Familie nach Stukenbrock-Senne, weil sein Vater als Lehrer in der Polizeischule unterrichtete. Und Nickel kann sich noch sehr gut daran erinnern, wie er mit seinem Kettcar zu seinen Kumpeln in den roten Baracken fuhr und Polizisten salutierten, wenn er vorbeidüste. Joanna Poethke will sich aber erst einmal um die frühen Jahre im Sozialwerk Stukenbrock kümmern. Sie hat eine 32-Stunden-Stelle, noch befristet bis Ende Mai. Sie und Geschäftsführer Oliver Nickel sind aber optimistisch, dass sie ihre wissenschaftliche Arbeit fortsetzen kann. Denn vor Joanna Poethke liegt die Herkulesaufgabe, nicht nur die Archive zu durchforsten, zum Beispiel nach Lagerausweisen. Sondern auch die Zeitzeugengespräche zu führen, die nach Einschätzung von Oliver Nickel je 10 bis 20 Stunden in Anspruch nehmen werden. Sie auszuwerten, einzuordnen und zu archivieren. Das wird nach Einschätzung von Oliver Nickel viele Jahre beanspruchen. Erfahrung hat die studierte Sozial- und Kulturwissenschaftlerin auf diesem Gebiet bereits. So war sie an verschiedenen Forschungsprojekten beteiligt, unter anderem an der Erinnerungsstätte „Notaufnahmelager Marienfelde“ (Berlin) für Flüchtlinge aus der DDR. Der Kontakt zur Dokumentationsstätte ist über deren Historiker Jens Hecker zustande gekommen. Sie hatten sich kennengelernt auf einer Tagung in Friedland zum Thema „Flucht und Vertreibung“.

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