Die TV-Moderatorin Mo Asumang hat ihre Erfahrungen im Umgang mit Alltagsrassismus in einem Buch zusammengetragen. - © Christian Weische
Die TV-Moderatorin Mo Asumang hat ihre Erfahrungen im Umgang mit Alltagsrassismus in einem Buch zusammengetragen. | © Christian Weische

Bielefeld "Ich will den Rassisten ihre Anonymität nehmen"

Anti-Rassismus-Wochen: Mo Asumang liest aus ihrem Buch "Mo und die Arier"

Raphael Cyrill Vásquez

Bielefeld. Wenn die Deutsch-Ghanerin Mo Asumang über ihren Alltag erzählt, hängt das Publikum in der Stadtbibliothek gebannt an ihren Lippen. Im Rahmen der Bielefelder Aktionswochen gegen Rassismus, unter dem Motto „Rassismus – Nicht mit mir!" erzählt sie ihrem Publikum Geschichten aus ihrem Alltag und dem dazugehörigen alltäglichen Rassismus. Hierfür lud die Arbeitsgruppe „Uni ohne Vorurteile", die Stadtbibliothek, das Kommunale Integrationszentrum, die psychologische Frauenberatung sowie die Antirassismus AG die bekannte TV-Moderatorin, Journalistin und Autorin Mo Asumang zur Lesung aus ihrem Buch „Mo und die Arier - Allein unter Rassisten und Neonazis" ein. In ihrem Buch beschreibt sie Szenen wie jene, als ein Neonazi sie in einer Berliner S-Bahn am Hals packte und sie mit strengen Blick in der Luft hielt - eine Station lang. Sie schildert die Situation nicht mit Hass oder zittriger Stimme, sondern wie jemand, der gelernt hat, damit umzugehen. Denn im Gegensatz zu den Personen, die mit ihr an diesem Tag im Abteil saßen, stellt sie sich den Rassisten in den Weg. Es war nicht die erste Begegnung mit solchen Menschen und es sollte auch nicht die letzte sein. Plötzlich hat die vermeintliche Bedrohung ein Gesicht Immer wieder betont sie, dass auch sie lange Zeit und Mut benötigte, auf jene Menschen zuzugehen, die ihr manchmal sogar den Tod wünschen. Das erste Kapitel, dass sie vorträgt, erzählt wie ein Berliner Neonazi Anfang der 200er Jahre davon singt, wie er genau dies eines Tages machen wird. Anfänglich war sie mit der Situation überfordert. Sie beschreibt, wie sie sich eine ungewollte Begegnung mit dem Sänger vorstellt und wie diese Paranoia sie dazu zwang, sich mit dem Alltagsrassismus intensiver auseinanderzusetzen. In dieser Zeit beschließt sie, sich den Menschen zu nähern, die sie so sehr hassen. Ihre erste bewusste Annäherung geschieht in einem Brandenburger Gefängnis. Sie hofft auf eine gefahrlose Distanz durch Gitterstäbe und Wachpersonal. „In dieser Situation bin ich vielleicht sicher", erinnert sie sich. Vor einem Auftritt dort sucht sie den Kontakt mit den Insassen und ist verwundert, dass sich der vermeintliche Neonazi ganz zögerlich und zurückhaltend ihr gegenüber verhält. Plötzlich hat für sie die Bedrohung ein Gesicht, das auch Angst kennt. Diese Begegnung sollte ein wichtiger Punkt in ihrem Leben werden. Anstatt sich einschüchtern zu lassen, geht sie auf die Menschen zu, will ihre Geschichte hören, ihre Gesichter kennen. Asumang möchte aber auch, dass diese Menschen sie kennen. Sie möchte einander die Anonymität nehmen. Szenen, die den Zuschauern kalte Schauer über den Rücken jagen Es sind Situationen wie jene in Brandenburg, die ihr den Mut geben, immer wieder auf Menschen zuzugehen und den Dialog zu suchen. Hierfür geht sie auf Demonstrationen von Neonazis, besucht Mitglieder des US-amerikanischen "Ku Klux Klans", verabredet sich mit angeblichen Ariern auf ein Date und redet mit dem Verschwörungstheoretiker Axel Stoll über Flugscheiben und Nazis auf der Schattenseite des Mondes. Es gibt viele solcher Szenen, von denen sie erzählt, die den Zuschauern einen kalten Schauer über den Rücken jagen. Nicht nur, weil sie diese Geschichten mit einer Ruhe und Gelassenheit erzählt, als würde sie gerade über ihre Anreise plaudern. Vielleicht aber gerade weil es irgendwie surreal wirkt, dass jemand in einem eigentlich sicheren Land so massiv angegangen werden kann. Sie hegt keinen Groll – im Gegenteil. Noch immer passiert es ihr, dass fremde Menschen sie bedrohen. Doch sie hat gelernt, sich davon nicht einschüchtern zu lassen. Denn auch diese Person ist nur ein weiteres Gesicht, das es kennenzulernen gilt. Sie möchte ihnen die Anonymität nehmen.

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