Wieder öfter diagnostiziert: Auch auf den Röntgenschirmen der Bielefelder Ärzte erscheinen die Merkmale der Tuberkulose häufiger. - © dpa
Wieder öfter diagnostiziert: Auch auf den Röntgenschirmen der Bielefelder Ärzte erscheinen die Merkmale der Tuberkulose häufiger. | © dpa

Bielefeld Fast vergessene Krankheiten wie die Krätze kommen nach Bielefeld zurück

Auch Tuberkulose und Syphilis werden wieder häufiger diagnostiziert. Einige Infektionen sind eingeschleppt, andere beruhen auf Verhaltensänderungen

Thomas Klüter

Bielefeld. Pusteln und Bläschen am Körper. Starker Juckreiz, weil die Krätzemilbe ihre Eier unter der menschlichen Haut ablegt. Was sich anhört wie ein Krankenbericht aus längst vergangenen Tagen, ist in Deutschland wieder aktuell. Seit mehreren Jahren nehmen die Krätze-Fälle zu. Mit Tuberkulose und Syphilis ist es das Gleiche. Schon im Jahr 2000 registrierte das Robert-Koch-Institut diesen Trend und veröffentlichte ein Merkblatt für Ärzte zur Behandlung des Krätzemilbenbefalls, medizinisch Skabies genannt. Auch in Bielefeld steigen die Zahlen. Gab es 2010 noch zwei Fälle der meldepflichtigen Krankheit, waren es 2014 schon 34. „Bis Ende September 2016 hatten wir 50 Krätze-Fälle", sagt Hans-Dieter Steickmann vom Bielefelder Gesundheitsamt. „Und für das gesamte Jahr rechnen wir mit 66 Fällen." Der Grund für den Anstieg der Infektionen ist nicht geklärt. Die Milben werden direkt von Mensch zu Mensch durch engen Hautkontakt übertragen. Besonders hoch ist die Ansteckungsrate in Gemeinschaftseinrichtungen wie Kitas, Altenheimen und Flüchtlingsunterkünften. Genaue Zahlen wollte Steickmann aber nicht nennen. „Krätze ist stark ansteckend", sagt Henning Schnittger, Allgemeinmediziner in Heepen. „Ich bin regelmäßig in der Flüchtlingsunterkunft hier und wenn einer da Krätze hat, schließen wir das gesamte Zimmer." Schnittger schätzt das Vorkommen bei den Geflohenen aber nicht als auffällig ein. „Die Menschen haben ein hohes Gesundheitsbewusstsein", sagt der Mediziner. „In Syrien und im Irak gab es zum Beispiel eine sehr gute Versorgung." Typische Tropenkrankheiten wie Malaria oder Dengue seien nach wie vor selten hier. Für problematisch hält Schnittger eher schlecht versorgte Erkrankungen wie Abszesse. „Solche Fälle kommen meist aus den nordafrikanischen Ländern." Die steigende Zahl der Tuberkulose-Fälle sei dagegen auf Migrationsbewegungen zurückzuführen, sagt Jörg Schmitthenner vom Klinikum Bielefeld. „Durch verbesserte Lebensumstände und eine gute Kontrolle der Krankheit sind die Fälle von Tuberkuloseerkrankungen vorher seit Jahren zurückgegangen." Die Zahl steige erst seit 2015 wieder an. „Viele Flüchtlinge kommen aus Ländern, in denen Tuberkulose stark verbreitet ist", sagt der Facharzt für Lungenerkrankungen. Da der Erreger ein Leben lang im Körper bleibt, seien bei den Deutschen nur noch ältere Menschen betroffen. „Bei Menschen mit Migrationshintergrund sind häufig Kinder und junge Erwachsene erkrankt." Hausgemacht ist dagegen die steigende Zahl von Kopfläuse-Fällen, vor allem in Einrichtungen für Kinder. „Dabei ist das Problem, dass viele Eltern berufstätig sind und die Kinder zu schnell wieder zur Schule oder in die Kita schicken", sagt Schnittger. „So werden die Läuse dann hin und her weitergegeben." Aids hat 
seinen Schrecken
 verloren Auch die Fälle von Syphilis-Erkrankungen nehmen wieder zu. 2004 gab es nur vier Fälle in Bielefeld, mit leichten Schwankungen stieg die Zahl bis 2010 auf 25 Fälle. Für 2015 wurden dem Robert-Koch-Institut 32 Syphilis-Infektionen aus Bielefeld gemeldet. „Die sexuell übertragbare Krankheit ist bei homo- und bisexuellen Männern verbreitet", sagt Peter Struck, Leiter der Aidshilfe Bielefeld. Das liege vor allem daran, dass Safer Sex nicht mehr praktiziert werde. „Es ist tragisch", sagt Struck, „aber HIV und Aids haben ihren Schrecken verloren".

realisiert durch evolver group