Tatort Krankenhaus: In den Notaufnahmen, wie hier in Gilead I, werden Ärzte und Pfleger immer öfter angegangen. - © Oliver Krato
Tatort Krankenhaus: In den Notaufnahmen, wie hier in Gilead I, werden Ärzte und Pfleger immer öfter angegangen. | © Oliver Krato

Bielefeld Gewaltbereite Patienten verbreiten Angst und Schrecken in Bielefelder Kliniken

Respektlosigkeit: Wüste Pöbeleien nehmen Krankenschwestern und Ärzte nicht mehr wahr. Aber handfeste Attacken nehmen zu. In Bethel soll das Personal jetzt Deeskalation und Selbstverteidigung trainieren

Jens Reichenbach

Bielefeld. In Herford erleiden eine Klinik-Ärztin und eine Krankenpflegerin nach der Attacke eines Patienten schwere Verletzungen (4. März), im Bielefelder Klösterchen rufen Ärzte und Pfleger die Polizei, weil sie sich von Angehörigen massiv bedroht fühlen (23. Januar), auch in der Notaufnahme von Gilead I wird eine Ärztin verletzt. Die Gewalt gegen Klinikpersonal nimmt zu. Darüber sind sich die Betroffenen einig. Doch was kann man tun, um sich wieder sicher zu fühlen? 23. Januar, 23.30 Uhr, Franziskus-Hospital: Mehrere Streifenwagen eilen zur Kiskerstraße, weil dort zwölf Mitglieder einer kurdischen Familie nach dem Tod ihres Angehörigen (83) das Personal bedrohen. "Unser Pfleger ist sehr robust und erfahren", erklärt Franziskus-Chef Georg Rüter. "Wenn der die Polizei ruft, dann war es sehr brenzlig." Ihm zufolge hatten zuvor zwei Brüder versucht, ihren dementen und herzkranken Vater von der Intensivstation mitzunehmen. "Aus medizinischer Sicht war das völlig undenkbar", erklärt Rüter. "Der Mann hätte es nicht bis nach Hause geschafft." In diesem Trubel erlitt der Patient einen Herzstillstand, die Ärzte versuchten ihn wiederzubeleben und wurden dafür bedrängt und bedroht. Aufgebrachte Angehörige werfen den Ärzten Mord vor Schließlich starb der Patient und die Familie spricht seitdem von Mord. Die angeordnete Obduktion zeigte später, dass der Mann an seinen Vorerkrankungen gestorben war. Möglicherweise habe die Familie die Reanimation als Misshandlung empfunden, versucht Rüter, die Vorgänge besonnen zu erklären. Er betont: "Wir sind so etwas leider inzwischen gewohnt. Eine Anzeige werde das Krankenhaus nicht stellen." Er spricht davon, dass die Hemmschwellen abnehmen. "Körperliche Übergriffe und Raufereien nehmen zu." Und damit seien nicht nur Betrunkene und Drogenkonsumenten gemeint. "Leider seien oft Bürger mit Migrationshintergrund besonders aggressiv", sagt Rüter. "Die spielen oft die Karte der Ausländerfeindlichkeit. Das weise ich aber sofort zurück. Wir sind ein Haus aller Nationalitäten." Auch eine dunkelhäutige Ärztin sei bereits angegriffen worden, so Rüter. "Es ist das enorme Anspruchsdenken der Patienten und ihrer Verwandten" Auch Hans-Werner Kottkamp, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme in der Evangelischen Klinik Bethel (EvKB), kann von solchen Vorfällen ein Lied singen. Er selbst sei vom Ehemann einer Patientin angegriffen und gewürgt worden, weil diesem die Behandlung nicht schnell genug ging. Zuletzt wurde in Gilead I eine seiner Kolleginnen verletzt. "Meistens sind es die Angehörigen und nicht die Patienten, die Probleme machen", betont Kottkamp. Dass Patienten im Drogenrausch ausrasten, komme vor. Ein Patient hat kürzlich ein ganzes Behandlungszimmer auseinandergenommen. "Der befindet sich aber in einer psychischen Ausnahmesituation. Dem kann ich keinen Vorwurf machen." Was Kottkamp kritisiert, ist das enorme Anspruchsdenken vieler Patienten und Angehörigen. Er könne verstehen, dass die Notfallsituation für die Betroffenen Stress bedeute. "Zumal viele Abläufe im Hintergrund geschehen und für die Wartenden nicht zu erkennen sind", so Kottkamp. Der Chefarzt denke oft über eine Infotafel nach, die mitteilt: "Wir behandeln derzeit fünf schwer verletzte Unfallpatienten, bitte haben Sie Verständnis, wenn es länger dauert." Behandelt werde nach Dringlichkeit, nicht nach Ankunft. Neues Deeskalationsprogramm in Bethel Seit Januar erfasst das EvKB intern jede Gewalttat. Zudem habe die Klinikleitung ein Deeskalationsprogramm für die Angestellten gestartet. Das Personal lerne in den Fortbildungen, Gestik und Mimik zu lesen, nach Rückzugsräumen für den Ernstfall zu suchen, und es werde über Notwehr aufgeklärt. "Wir denken auch über Notfallknöpfe und Selbstverteidigungskurse nach", bestätigt Kottkamp. Die Mitarbeiter haben das begrüßt. Hier sollen die Kollegen der Psychiatrie mit ihrer Erfahrung weiterhelfen. Denn die zunehmende Gewalt verbreitet Angst. Auch die Verarbeitung verbaler Aggressionen und Drohungen sei nicht zu unterschätzen, betont Kottkamp. Dabei betonen viele, die nachts in der Notaufnahme arbeiten, dass sie die wüsten Pöbeleien schon gar nicht mehr wahrnehmen. "Wir werden bespuckt und mit einem Skalpell bedroht" Ein Krankenhauspfleger (27), der anonym bleiben möchte, hat gerade die Abteilung gewechselt: "Auch wegen der Übergriffe im Nachtdienst", sagt er. "Wir werden bespuckt, man droht uns Schläge an. Ein Junkie hat uns mit einem Skalpell bedroht." Er wollte nicht ins Krankenhaus eingewiesen werden und schrie: "Ich stech dich ab." Nachts sei so etwas inzwischen Standard. Ruft einer der Kollegen in solchen Fällen um Hilfe, lassen Pfleger und Ärzte inzwischen alles stehen und liegen und greifen ein: "Wenn einer völlig ausrastet, halten ihn oft vier oder mehr Leute fest. Wir bitten Patienten, uns zu helfen." Wenn der Randalierer fixiert ist, werde er dann sediert und komme auf die Intensivstation. Wir müssen ja auch all die anderen Patienten schützen." Manche kommen mit Grippe und werden laut, wenn es zu lange dauert Doch es sind nicht nur Drogen und Alkohol die Ursache für die Übergriffe: "Es kommen immer wieder südländische Patienten mit Husten und Grippe ins Krankenhaus, weil die nie zum Hausarzt gehen", sagt der 27-Jährige. "Und wenn die dann nicht sofort behandelt werden, werden sie laut." Viele kämen inzwischen mit einem schlechten Gefühl zur Arbeit, besonders die Krankenschwestern, so der Pfleger. Gerade nachts, wenn die Ärzte schlafen, sind sie allein. Kottkamp bestätigt: "Die Krankenschwestern sind oft der erste Wutableiter. Viele von ihnen sind zierlich und zart. Sie haben ihren Beruf erlernt, weil sie einfach nur helfen wollen."

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